Tell Chuera: Stadtplanung vor 5000 Jahren - wissenschaft.de
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Geschichte+Archäologie

Tell Chuera: Stadtplanung vor 5000 Jahren

Auf einmal ging alles ganz schnell: Die Schrift wurde erfunden, das Rad, die Bürokratie und das Kriegswesen. Mit den Stadtgründungen in Mesopotamien wandelte sich die menschliche Gesellschaft radikal. Archäologen rätseln über die zweite Welle der Urbanisierung.

Die Stadt ist groß, hat einen steinernen Tempel, einen prächtigen Palast, Wohnhäuser, zahllose Lagerhallen, zwei kreisrunde Befestigungsmauern und eine gigantische Müllhalde mitten im Zentrum. Sie ist fast 5000 Jahre alt und wie auf dem Reißbrett früher Architekten geplant und gebaut.

Und sie beschert Prof. Jan-Waalke Meyer ein Problem: Er weiß nicht, woher die Einwohner seiner Stadt kamen. Der Archäologe der Universität Frankfurt sucht in Tell Chuera nach Antworten auf eine der spannendsten Frage der Geschichte: Warum zog der Mensch in die Stadt? Wann tat er es, und wer waren die Stadtgründer?

Der prähistorische Siedlungshügel Tell Chuera in Nordsyrien, hart an der Grenze zur Türkei, ist mit 90 Hektar Fläche eine ansehnliche Stadt, die rund 15 000 Einwohner beherbergte und versorgte. Sie gehört zu einer speziellen Sorte von Großsiedlungen, den so genannten Kranzhügeln, die bislang hauptsächlich im Gebiet zwischen den Euphrat-Nebenflüssen Khabur und Balikh (siehe Karte) gefunden wurde. Diese nordmesopotamischen „Kranzhügel“ sind keine wirr gewachsenen Siedlungen, sondern – erstmals in der Geschichte – nach Plan und, ebenfalls eine antike Innovation, kreisrund um einen Burgberg angelegt. Einige haben eine ebenfalls systematisch ausgebaute Unterstadt mit klarem schachbrettartigem Straßenraster. Damit unterscheiden sie sich deutlich von den ersten Städten der Sumerer in Südmesopotamien (heute Irak), die ab 3300 v.Chr. zusammenwucherten und damit rund 200 bis 400 Jahre älter sind als ihre Pendants im Norden. Rund 4000 Jahre hatten die Menschen zuvor zufrieden und mit wachsendem Erfolg als Bauern zugebracht. In Familiengehöften und kleinen Dörfern zähmten sie Wildtiere für den Hausgebrauch, veredelten Gräser zu Getreide und legten Vorräte an. Sie produzierten für den Eigenbedarf Nahrung, Kleidung und tönernes Geschirr und vermehrten sich redlich. Die Gruppenmitglieder waren gleichrangig. Territorialkriege gab es nicht.

Zeitraffer: Im Laufe der Jahrhunderte wuchs die Bevölkerung, die Ackerflächen mussten entsprechend ausgedehnt, Herden größer werden. Irgendwann wurde ein Haus im Dorf ansehnlicher, weil der Besitzer durch Glück, Geschick oder Imponiergehabe ein paar Tiere und Äcker mehr sein eigen nannte. Der erweiterte Getreideanbau erzwang in Südmesopotamien künstliche Bewässerungssysteme, deren Bau und Pflege von einem Koordinator geregelt werden mussten. Erste Ansätze einer arbeitsteiligen Gruppierung mit einer Führungsperson bildeten sich aus.

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Nach der Sesshaftigkeit kündigte sich eine zweite Revolution der menschlichen Entwicklung an – die Urbanisierung. Ab etwa 3500 v.Chr. klumpen sich in Südmesopotamien Siedlungen zu immer größeren Einheiten zusammen. Spätestens um 3200 v.Chr. ist zum Beispiel Uruk als die erste Großstadt zu bezeichnen. Sie strahlte politisch und kulturell über den ganzen Vorderen Orient aus (bild der wissenschaft 5/2004, „Uruk – die Stadt des Gilgamesch“). Im Süden des Zweistromlandes entstanden innerhalb kurzer Zeit zahllose solcher urbanen Zentren, die sich als konkurrierende Stadtstaaten mit Herrscher, Stadtgott und Machtanspruch etablierten: darunter Ur, Lagasch und Eridu.

Die Urbanisierung krempelte das menschliche Miteinander komplett um.

• Nicht mehr Herkunft oder Familie allein bestimmten den Platz des Menschen in der Gemeinschaft, sondern seine Funktion in der Hierarchie einer immer arbeitsteiligeren Gesellschaft, deren Grundlage weiterhin die Landwirtschaft war.

• Für die Aufbewahrung und Wiederverteilung der Nahrungsüberschüsse bildete sich eine religiöse oder profane Verwaltungselite heraus. Die benötigte ein Notationssystem – die Schrift entstand.

• Die städtische Wirtschaft – basierend auf Handwerk und Handel – war auf „Mehrwert“ und damit auf spiralförmig steigendes Wachstum angewiesen. Das weitete den politischen und geistigen Horizont, machte das System aber auch anfällig für Störungen. Bei einem Klimawandel etwa kollabierten etliche urbane Zentren, weil ihr agrarisches Umfeld nicht mehr funktionierte.

• Die nichtfamiliären, anonymen Gemeinschaften brauchten neue Organisationsformen – eine Machtelite etablierte sich, die identitätstiftende Rituale und Regeln des Zusammenlebens festsetzte, die Propaganda erfand und sich mit Monumentalbauten Denkmäler setzte.

• Als direkte Folge der Urbanisierung entwickelten sich Zivilisation und Kultur: Kunst, Geschichtsbewusstsein, Wissenschaft, Rechtsprechung, Territorialstaaten, Krieg, Militär und Befestigungsanlagen.

Die steinernen Zeugnisse der Stadtgesellschaft findet Jan-Waalke Meyer auf seinem Tell Chuera zuhauf: riesige Steinbauten, Tempel vermutlich des Wettergottes, einen mächtigen Palast, ein ausgeklügeltes Befestigungssystem aus zwei gewaltigen Wehrmauern, Wohngebäude und – vor allem in der Unterstadt – jede Menge Lagerhäuser.

Die nahezu kreisrunde Stadt hat einen Durchmesser von einem Kilometer. Die Unterstadt liegt wie ein 100 Meter breiter Gürtel um den Burgberg. Die Oberstadt ist durch ein radiales, die Unterstadt durch ein rechtwinkliges Straßennetz erschlossen. Das deutet klar auf exakte Planung vor der Stadtgründung hin, ebenso wie die zentrale Erschließungsstraße, die durch alle Zeiten an der gleichen Stelle blieb.

Quer durch die obere City zieht sich eine Senke, an der die öffentlichen Bauten – Tempel, Palast – und ein freier zentraler Platz hintereinander aufgereiht sind. Am Rand des zentralen Platzes, der ursprünglich 100 Meter Durchmesser besaß, wuchsen im Lauf der Jahrhunderte die Lehmziegel-Wohnhäuser auf dem Schutt ihrer eingeebneten Vorgänger empor.

Die Piazza wuchs nicht mit, sondern blieb „unten“. Nach rund 300 Jahren hatte der Platz seine öffentliche Funktion als Versammlungs-, Kult- oder Marktzentrum offenbar verloren, und die Einwohner kippten von den höher liegenden Häusern ihren Unrat in das zentrale Loch. Der Platz mitten im Zentrum der Stadt wurde mit Asche, Tierknochen und Keramikscherben zugemüllt – 13 Meter hoch.

„Wie die mit dem Müll haben leben können“, ist für Jan-Waalke Meyer unerklärlich. Auch sein Kollege, Prof. Peter Pfälzner von der Universität Tübingen, fasst es nicht: „Das ist doch unglaublich: Da widmen Bewohner ihren zentralen Platz in eine Müllhalde um. Das muss man als Erforscher von Hochkulturen erst mal verdauen.“ Aber im Umgang mit Abfall waren die alten Orientalen offenbar pragmatisch: Auch in Ur wurde mitten in der Stadt eine Asche- und Schutthalde angelegt, die die Bewohner später als Friedhof nutzten.

In Tell Chuera sind die bislang ausgegrabenen Monumentalbauten in der Mitte des 3. Jahrtausends (2500/2400 v.Chr.) errichtet worden. Sie fußen – so ergaben Sondagen – auf älteren Vorgängern aus nicht so dauerhaften ungebrannten Lehmziegeln. Eine Datierung ist da kaum möglich. Zwar ist Meyer noch nirgends bis auf den Siedlungsgrund hinab gekommen, nur in der Wohnsiedlung der Oberstadt hat er sich bis in die Zeit von 2800 v.Chr. hinunter gegraben – „und da drunter sind immer noch Häuser“.

Die Situation befriedigt den Frankfurter Ausgräber nicht so recht. „Das Ältere ist da, aber man kommt schwer ran“, meint Meyer, der deshalb an mancher Stelle – vor allem an den Stadtmauern – gern mit dem Bulldozer arbeiten würde: „Das geht, ohne dass man Entscheidendes kaputt macht. Der Erkenntnisgewinn wäre immens. 15 Meter Schutt kann man nicht von Hand abgraben.“ Die syrische Antikenbehörde sperrt sich an diesem neuralgischen Punkt jedoch. Solange Meyer nicht tief gründeln kann, geht er davon aus, dass Tell Chuera um 2900 v.Chr. gegründet wurde. Die Erweiterung um die Unterstadt ist nach den archäologischen Funden sicher auf 2700 v.Chr. zu datieren. In der Zeit zwischen 2700 und 2200 v.Chr. hatte die Siedlung wohl ihre Blütezeit. Um 2100 v.Chr. wurde die Stadt verlassen. Damit teilte sie das Schicksal vieler Großsiedlungen in der Region – es war trockener geworden, aus Ackerland wurde wieder Nomadenland, das urbane Zentrum hatte seine Funktion eingebüßt.

Mit dem Datum „29. Jahrhundert v.Chr.“ kommt der Frankfurter Archäologe ziemlich nahe an die sumerischen Stadtgründungen in Südmesopotamien heran. Kam der Anstoß von dort? Von Süden aus hatte zum Beispiel Uruk um 3000 v.Chr. den Vorderen Orient so flächendeckend mit Außenstationen seiner Kultur überzogen, dass manche Wissenschaftler von Uruk-Kolonien sprechen.

Die Städte im nördlichen Zweistromland weisen jedoch einige Besonderheiten auf, die auf eine eigenständige Entwicklung deuten:

• Die runde Form der Kranzhügel-Siedlungen war im Süden nicht bekannt.

• Eine Stadtplanung und gezielte Ansiedlung gab es dort nicht.

• Die Begriffe „Oberstadt“ und „Unterstadt“ kannten die Städter in Südmesopotamien nicht, sie benutzten dafür die Begriffe aus dem Norden als Lehnwörter – und die waren hurritisch.

Die immer noch rätselhaften Hurriter entpuppen sich immer mehr als herausragende Kulturschöpfer des 3. Jahrtausends (bild der wissenschaft 8/2003, „Hurriter: „Großmacht im Alten Orient“). Bislang weiß allerdings niemand, von wo genau sie in die fruchtbaren Ebenen Nordmesopotamiens einwanderten. Auch ihre Sprache lässt sich mit keiner anderen vergleichen. Ein einheitliches Reich – Mitanni – gründeten sie erst im 16. Jahrhundert v.Chr. Doch ihre Anwesenheit in Nordsyrien ist über hurritische Namen schon sehr viel früher belegt. Und das amerikanische Archäologen-Ehepaar Buccellati hat in den letzten Jahren den Tell Mozan als „Urkisch“, die älteste hurritische Königsstadt aus dem 26. und 27. Jahrhundert, identifiziert.

So avancierten die Hurriter zu Favoriten bei der Suche nach den Gründern der Kranzhügel-Städte. Zumal ihre immer noch nicht wiedergefundene Hauptstadt Waschukanni – nach einem der wenigen Texte aus Tell Chuera – nur einen Tagesritt von Meyers Tell entfernt war.

Da hat nun Jan-Waalke Meyer ein Problem: Auch er hätte die „ Besiedlung gern aus dem Norden kommen lassen“ und würde „bei aller Vorsicht hurritische Gruppen als die Erfinder der Kranzhügel, von Ober- und Unterstadt verantwortlich machen“ – aber, so die wissenschaftlich-nüchterne Abwägung: „Die Hurriter waren sicher nicht urban. Sie waren nicht die staatstragende Gruppe.“ Sein Kollege Peter Pfälzner widerspricht wissenschaftlich vorsichtig, aber eindeutig: „Wir können zumindest indirekt überzeugend nachweisen, dass die Hurriter die Träger der Urbanisierung in Nordmesopotamien waren.“ Pfälzner ist bei seinen Grabungen am Tempel von Tell Mozan bis ins Jahr 2700 v.Chr. zurückgekommen „und da existieren der Tempel und die Königsideologie bereits – die Ursprünge sind also noch älter“, resümiert der Tübinger Archäologe.

Pfälzner und Meyer, beide Mitglieder der traditionsreichen Deutschen Orientgesellschaft (DOG), müssen auch noch auf einem anderen Feld „einen wissenschaftlichen Disput führen“ (Meyer): Wie wurde Tell Chuera – oder einer der anderen nordmesopotamischen Kranzhügel – besiedelt?

Pfälzner hat bei seinen temporären Grabungen auf dem Tell Chuera standardisierte Hausgrundrisse und gleichartige Bauparzellen gefunden, die ihn zu der Aussage bringen: „Da gab es offensichtlich ein bewusstes Ansiedlungsprogramm. Die Städte konkurrierten untereinander: Je mehr Leute, umso mehr wirtschaftliche Macht, umso größere Expansionsmöglichkeiten.“

Meyer widerspricht: „Die Parzellenhäuser tauchen nur in der Siedlungsschicht um 2600 v.Chr. auf, davor und danach sind Grundstücke und Häuser unterschiedlich groß.“ Den sozialen Wohnungsbau will Meyer deshalb nicht bereits ins 3. Jahrtausend v.Chr. verlegen, aber dass die Stadt auf dem Tell Chuera gezielt geplant und besiedelt wurde, steht auch für ihn unumstößlich fest: Für die äußere Mauer von Tell Chuera mussten zum Beispiel 32 Millionen Lehmziegel hergestellt werden.

Sicher ist ebenfalls, dass Nordsyrien zu Beginn des 3. Jahrtausends großflächig von Gruppen aus einem anderen Gebiet bevölkert wurde. Auch der Zweck der Siedlungen war wohl von Anfang an klar: Aufbewahrungsorte für immense agrarische Überschüsse. Jan-Waalke Meyer zieht aus all dem den Schluss: „Das waren keine Nomaden, das waren Menschen, die urbane Verhältnisse kannten.“

Und dann wagt sich der Archäologe mit „einer ganz neuen Idee“ weit vor: „Ich stelle die These in den Raum, dass unsere Kranzhügel von Süden aus gegründet worden sind.“ Ausgangspunkt der Landnahme in Nordmesopotamien sei, so Meyer, Mari am mittleren Euphrat gewesen. Seit kurzem ist bekannt, dass diese mit 250 Hektar sehr große und zeitweise mächtige Stadt ebenfalls ein Kranzhügel mit Ober- und Unterstadt ist. Und zwischen Mari und Tell Chuera gibt es etliche weitere Kranzhügel-Niederlassungen. Meyer: „Ich mag das Wort in diesem Zusammenhang nicht, aber in Anführung gesetzt, wird es schon stimmen: Die nordmesopotamischen Kranzhügel sind ¸Kolonien‘, die dafür sorgen sollten, dass die Überschüsse zentral gelagert und zurückverteilt wurden.“

Damit hat Jan-Waalke Meyer das Problem um die Erbauer der nordmesopotamischen Kranzhügel-Städte für sich gelöst. Jetzt wird er vermutlich Probleme mit seinen Kollegen bekommen. ■

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Michael Zick

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