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Zweiter Weltkrieg

Torte als Zeitzeugin eines Luftangriffs

Torte
Inspektion der 1942 beim Luftangriff verschütteten Torte. (Bild: Hansestadt Lübeck)

In Lübeck haben Archäologen ein ungewöhnliches Stück Zeitgeschichte aufgedeckt: Bei Schachtsetzungen stießen sie auf eine schwarz verkohlte, aber ansonsten noch gut erkennbare Torte aus dem Zweiten Weltkrieg. Das Gebäck mitsamt weitgehend intaktem Kaffeeservice war offenbar bei einem Luftangriff am Palmsonntag des Jahres 1942 in Brand geraten und verschüttet worden. Größere Trümmerteile bewahrten dann die Reste der Kaffeetafel bis heute vor der Zerstörung.

Vor wenigen Wochen untersuchten Archäologen der Hansestadt Lübeck den Untergrund zu Füßen der Marienkirche in Lübeck im Rahmen von Schachtsetzungen. Dabei stießen sie im Untergrund unter der oberen Alfstraße auf ungewöhnliche Fundstücke: Unter größeren Trümmerteilen aus dem Zweiten Weltkrieg entdeckten sie Teile eines Kaffeeservices und die Überreste einer Festtagstorte.

Nusstorte mit Krokant-Ummantelung und Spritzdekor

„Die Torte ist zwar stark verkohlt und äußerlich rußgeschwärzt“, berichtet Lisa Renn, Ausgrabungsleiterin vor Ort. Dennoch sei die Torte noch im Detail und in all ihren Facetten erkennbar. So sind Reste der Glasur, der Randverzierungen und des Spritzdekors sichtbar und sogar das Wachspapier, in dem das Gebäck einst eingeschlagen war, ist noch erhalten. „Um den Geheimnissen der Torte noch weiter auf den Grund zu gehen, wurden Proben der Füllung und der Glasur im Labor untersucht“ erklärt Dirk Rieger, Leiter der Archäologie der Hansestadt Lübeck. Die ersten Untersuchungen bestätigen, dass es sich um eine Nusstorte mit Krokant-Ummantelung handelt.

Nach Angaben der Archäologen ist dies das bisher einzige archäologisch freilegte Feingebäck seiner Art in Norddeutschland und ein überaus bedeutsamer Fund – vor allem für die Hansestadt. Dem Fundort und der Datierung zufolge muss diese Torte in der Nacht zu Palmsonntag 1942 auf einer Anrichte des ehemaligen Hauses Alfstraße 18 gestanden haben. In dieser Nacht wurde Lübeck schwer bombardiert und dieser Teil der Stadt wurde zerstört. Aus alten Stadtbüchern geht hervor, dass in dem zerstörten Haus unter anderem ein Lübecker Kaufmann namens Johann Hitze wohnte.

Zeitkapsel einer Palmsonntags-Kaffeetafel

Es könnte demnach sein, dass die Torte und das Kaffeeservice von diesem Kaufmann und seiner Familie stammen und für den Feiertag gedacht waren, mutmaßen die Archäologen. Gut möglich, dass Geschirr und Torte für eine anstehende Festivität vorgesehen waren, denn an Palmsonntag wurde damals häufig Konfirmation gefeiert. Die Ausgrabung und ihre einmaligen Funde lassen die Geschichte jenes Tages gewissermaßen vor dem geistigen Auge ablaufen: Alles stand für die Kaffeetafel des Palmsonntags bereit, das gute Geschirr, die Torte, auch an die musikalische Unterhaltung war gedacht: „Es fanden sich mehrere Schelllackplatten für ein Grammophon, darunter auch Beethovens Mondscheinsonate op. 27 Nr. 2 und die Sinfonie Nr. 9″, berichtet Doris Mührenberg, die das archäologische Magazin der Hansestadt betreut.

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Ihren ungewöhnlichen Erhaltungszustand verdankt die Torte wahrscheinlich der Tatsache, dass ein Teil des Erdgeschosses beim Bombenangriff in den Keller abrutschte. Dort lag auch die Küche mit der Torte, die von den großen Trümmerteilen abgedeckt und so vor der Zerstörung bewahrt wurde. „Es hat 79 Jahre gedauert, bis diese besonderen Zeitzeugen, die auch allein durch ihre eigene Vergänglichkeit und fragile Materialität den direkten Moment der Zerstörung widerspiegeln, erneut ans Licht gekommen sind und von denen niemand wusste, dass sie überhaupt existieren“, sagt Rieger. Die Torte wird nach ihrer Konservierung ein weiteres Highlight der Lübecker Archäologie werden und zudem ein Ausstellungstück, dass es sonst so nirgends gibt.

Quelle: Hansestadt Lübeck

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