Überraschende Vielfalt bei Ur-Amerikanern - wissenschaft.de
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Geschichte+Archäologie

Überraschende Vielfalt bei Ur-Amerikanern

Schädel
Einer der vier Schädel am Fundort – einer überfluteten Karsthöhle in Mexiko. (Bild: Jerónimo Avilés)

Amerika war der letzte Kontinent, der von Menschen besiedelt wurde. Doch wann sich diese Einwanderer ausbreiteten und wer sie waren, ist bislang unklar. Jetzt liefern vier in Mexiko gefundene Schädel neuen Stoff für Diskussionen. Denn die zwischen 9000 und 13.000 Jahre alten Überreste sind anatomisch überraschend verschieden: Zwei zeigen Übereinstimmungen mit den Inuit aus Grönland und Alaska, ein weiterer ähnelt den nordamerikanischen Indianern und der vierte trägt auffallend europäische Züge. Dies ist das erste Mal, dass so unterschiedlich aussehende Relikte früher Ur-Amerikaner auf so engem Raum entdeckt wurden – Funde, die Rätsel aufgeben.

Die menschliche Besiedelung der Neuen Welt ist eines der meist diskutierten Themen der Archäologie und biologischen Anthropologie – und noch immer gibt es keine Einigkeit über das Tempo und die Art der Ausbreitung der frühen Menschen über den Kontinent“, erklären Mark Hubbe von der Ohio State University und seine Kollegen. Zwar scheint klar, dass die Vorfahren der Indianer vor 20.000 bis 15.00 Jahren aus Asien über die Bering-Straße nach Amerika zogen. Doch wann genau dies geschah, ob diese Einwanderung einmalig oder in mehreren Wellen ablief und auf welcher Route diese ersten Ur-Amerikaner weiter nach Süden zogen, ist umstritten. Ebenso widersprüchlich sind genetische und archäologische Daten zur Populationsvielfalt dieser ersten Besiedler: Bildete sie eine anatomisch relativ einheitliche Bevölkerung mit gemeinsamen Wurzeln? Oder führten mehrfache Einwanderungen von Menschen verschiedener Herkunft schon damals zu deutlich verschiedenen Populationsgruppen?

Vier Schädel mit ganz unterschiedlichem Aussehen

Um in dieser Frage mehr Klarheit zu bringen, haben Hubbe und sein Team vier präkolumbische Schädel näher untersucht, die vor einigen Jahren in einer überfluteten Karsthöhle im mexikanischen Bundesstaat Quintana Roo gefunden wurden. Die vier Schädel stammen von Menschen, die vor 9000 bis 13.000 Jahren in dieser Gegend lebten. „Sie gehören damit zu den ältesten bekannten Menschenfossilien des Kontinents“, sagen Hubbe und seine Kollegen. Für ihre Studie unterzogen die Forscher alle vier Schädel einer Computertomografie und analysierten ihre Merkmale. Die dabei erhaltenen morphologischen Daten verglichen sie mit denen von modernen Vergleichspopulationen aus der ganzen Welt. Dadurch konnten sie ermitteln, mit welchem Menschentyp die vier Ur-Amerikaner aus Quintana Roo am ehesten Ähnlichkeit hatten.

Die Vergleichsanalysen enthüllten unerwartet große Unterschiede zwischen den vier Schädeln. Obwohl sie im selben Gebiet gefunden wurden und auch im Alter nur maximal 4000 Jahre auseinander liegen, wichen ihre morphologischen Merkmal deutlich voneinander ab, wie die Forscher berichten. Der mit gut 13.200 Jahren älteste Schädel stammt von einer jungen Frau und zeigt starke Übereinstimmungen mit den Inuit Grönlands und Alaskas. „Diese gelten als robuste, an die Kälte angepasste Populationen und unterscheiden sich deutlich von den amerikanischen Ureinwohnern“, sagen Hubbe und seine Kollegen. Zum gleichen Typ gehörte auch einer der beiden jüngeren Schädel, der von einem Mann im mittleren Alter stammt. Der weibliche Schädel aus dieser Zeitperiode zeigt dagegen klare Ähnlichkeiten mit den Indianern und mit heutigen Asiaten. Völlig anders sieht dagegen der El Pit I getaufte zweitälteste Schädel aus: Sein männlicher Träger zeigte vor rund 13.000 Jahren überraschend europäische Gesichtszüge. „Ein solches Assoziationsmuster wurde zuvor bei frühen Amerikanern noch nicht gesehen“, so Hubbe und sein Team.

Komplexe Geschichte

Nach Ansicht der Forscher demonstrieren diese Ergebnisse, dass die die frühen Bewohner Amerikas in ihrem Aussehen sehr verschieden waren. „Die ersten Amerikaner waren weit komplexer und vielfältiger als wir dachten“, sagt Hubbe. Gleichzeitig aber betonen er und seine Kollegen, dass die morphologischen Übereinstimmungen mit Populationen auf andere Kontinenten nicht unbedingt auf eine direkte Abstammung hindeuten: „Mit anderen Worten: Starke Ähnlichkeiten von El Pit I mit europäischen Populationen belegen noch nicht, dass es eine direkte Migration von Europa nach Amerika gab“, so die Wissenschaftler. Warum die frühen Bewohner von Quintana Roo so unterschiedlich aussahen und wer ihre Vorfahren waren, ist bislang noch ungeklärt. Die Funde sprechen aber dafür, dass Nordamerika offenbar von verschiedenen Menschengruppen besiedelt wurde.

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Die Ergebnisse deuten zudem darauf hin, dass sich die Zusammensetzung der ersten Menschenpopulationen in Nord- und Südamerika unterschieden. Denn die bisher in Südamerika gefundenen Fossilien zeigen ein weit einheitlicheres Aussehen als die Schädel aus Quintana Roo oder von anderen nordamerikanischen Fundstellen. „Das deutet darauf hin, dass die Menschengruppen, die Südamerika besiedelten, nur einen kleinen Ausschnitt der biologischen Vielfalt der nordamerikanischen Populationen darstellten“, sagen die Forscher. Die Ausbreitung der Menschen auf dem amerikanischen Kontinent sei weit komplexer und auch regional unterschiedlicher als lange angenommen. „Was immer wir über die Besiedlung Amerikas bisher dachten, ist wahrscheinlich nicht die ganze Geschichte“, sagt Hubbe. „Wir haben darüber noch eine Menge zu lernen.“

Quelle: Mark Hubbe (Ohio State University, Columbus) et al., PloS ONE, doi: 10.1371/journal.pone.0227444

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