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Steinzeit-Siedlung Çatalhöyük

Üble Raumluft vor 9000 Jahren

Die Forscher haben in einem Nachbau eines Hauses von Çatalhöyük die Emissionen der Feuerstellen durch Messgeräte (AQM) erfasst. (Bildauschnitt: Shillito et al./ Environmental Geochemistry and Health, CC-by 4.0 http://creativecommons.org/licenses/by/4.0/.)

Schlechte Luftqualität in Innenräumen kann bekanntlich der Gesundheit schaden. Von diesem Problem waren offenbar auch schon die Bewohner einer der frühesten Großsiedlungen der Menschheit betroffen: In den Häusern von Çatalhöyük in der heutigen Türkei war die Raumluft durch Qualm und schlechte Lüftung stark mit gesundheitsschädlichem Feinstaub belastet, geht aus einer experimentellen Studie hervor. Vermutlich war dies eine der Ursachen für die bekannten Gesundheitsprobleme der Bewohner der Steinzeit-Siedlung, sagen die Wissenschaftler.

Der Fundort Çatalhöyük ist ein besonderer Hotspot der Archäologie, denn er liefert Einblicke in den Beginn einer Entwicklung, die bis heute die Welt prägt: Es handelt sich um eine der ersten größeren Siedlungen, deren Lebensgrundlage die Landwirtschaft bildete. Der Ort repräsentiert damit gleichsam eine Urform unserer heutigen urbanen Strukturen. Auf dem Höhepunkt der Entwicklung vor etwa 9000 Jahren haben Schätzungen zufolge bis zu 8000 Menschen in Çatalhöyük gelebt. Frühere Untersuchungen haben bereits Hinweise darauf geliefert, dass diese Siedlungsdichte schon mit typisch städtischen Problemen einherging: Es gibt Spuren von speziellen Gesundheitsproblemen, Gewalt und Umweltprobleme.

Den archäologischen Befunden zufolge bestand die Siedlung aus Lehmziegelgebäuden, die eine Größe von bis zu 25 Quadratmetern aufwiesen. Ein typisches Haus besaß einen Ofen sowie eine Feuerstelle, diesich unter einer Öffnung im Dach befanden. Dort wurden Holz sowie der Dung der Haustiere zum Heizen und Kochen verfeuert. Es war bereits bekannt, dass dies für Rußschichten an den Raumwänden sorgte, die deshalb offenbar regelmäßig neu weiß verputzt wurden. Studien haben gezeigt, dass die Verbrennung von Biobrennstoffen erhebliche negative Auswirkungen auf die Gesundheit haben kann. Doch inwieweit traf dies auf die Bedingungen in den Räumen Çatalhöyüks zu?

Experimentelle Archäologie

Dieser Frage sind die Wissenschaftler um Lisa-Marie Shillito von der Newcastle University durch experimentelle Archäologie nachgegangen. Sie führten dazu Versuche in einem Nachbau eines Çatalhöyük-Häuses durch, das Besuchern der UNESCO-Weltkulturerbestätte veranschaulichen soll, wie die Bewohner der Proto-Stadt einst gelebt haben. Die Forscher verbrannten in dem Gebäude Holz und Dung, wie es wohl der häuslichen Praxis vor 9000 Jahren entsprach. Dabei untersuchten sie durch moderne Analysemethoden zur Überwachung der Luftqualität, welche Schadstoffwerte in der Raumluft entstanden.

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Wie die Forscher berichten, bildeten sich während der Brennvorgänge extrem hohe Feinstaubwerte, die den Rahmen aller heutigen Grenzwerte sprengen. Auch noch bis zu 40 Minuten nach dem Ausbrennen der Feuer blieben die Belastungen weiterhin hoch, ergaben die Analysen. Besonders der Brennstoff Dung sorgte für eine Feinstaubkonzentration mit Spitzenwerten von bis zu 150.000 Mikrogramm pro Kubikmeter Luft. Den Analysen zufolge spielte in den relativ kleinen Räumen die Position einer Person zum Feuer wohl nur eine geringe Rolle bei der Gesamtbelastung.

„In Çatalhöyük bedeutet das Fehlen eines richtigen Schornsteins und die Tatsache, dass die Gebäude aus einem einzigen kleinen Raum bestanden, der den Wohnraum und die Feuerstelle vereinte, dass jeder, der sich im Gebäude aufhielt, durch die alltäglichen häuslichen Aktivitäten einer hohen Feinstaubkonzentration ausgesetzt war. Die Kombination aus offenem Feuer und mangelnder Belüftung hat sich sicherlich negativ auf die Gesundheit dieser Menschen ausgewirkt“, resümiert Shillito.

Krank durch Feinstaub?

Das Kritische beim Feinstaub ist, dass sich die winzigen Partikel nicht nur im Lungengewebe festsetzen, sondern auch in den Blutkreislauf gelangen können. Dadurch können sie auch Schäden außerhalb der Atmungsorgane verursachen. Genau das spiegelt sich offenbar auch in Befunden an Überresten von Bewohnern Çatalhöyüks wider, berichten die Forscher: Viele zeigen Anzeichen von Entzündungen am Knochengewebe. Die chronische Exposition gegenüber Feinstaub könnte dies verursacht haben, schreiben Shillito und ihre Kollegen.

Co-Autor Anil Namdeo von der Northumbria University rückt abschließend den Blick aus der Vergangenheit auf die heutige Zeit: „Noch immer verwenden viele Menschen auf der Welt Biomasse zum Kochen und Heizen und das in schlecht belüfteten Häusern. Schätzungen zufolge könnten mehr als vier Millionen Todesfälle pro Jahr im Zusammenhang mit Luftverschmutzung in Innenräumen stehen. Unsere archäologische Studie rückt dieses Problem nun in spezieller Weise in den Fokus“, sagt der Experte für Luftqualitätsmanagement.

Quelle: Newcastle University, Fachartikel: Environmental Geochemistry and Health doi: 10/1007/s10653-021-01000-2

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