Uighurische Glocke ertönt nach 1200 Jahren - wissenschaft.de
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Geschichte+Archäologie

Uighurische Glocke ertönt nach 1200 Jahren

Die uighurische Bronze-Glocke vor dem Hintergrund der Überrreste des Palastbereichs der einstigen Hauptstadt Karabalgasun. (Credit: Marc Riemer, DAI Bonn)

Einst läutete sie im Palast der geheimnisvollen Hauptstadt Karabalgasun in der heutigen Mongolei: In einem verschütteten Brunnen haben Archäologen eine Glocke und weitere Gegenstände aus der Zeit des uighurischen Großreiches entdeckt. Die Funde zeugen von dem hoch entwickelten Kunsthandwerk und den internationalen Beziehungen des Nomadenvolkes, das vor 1200 Jahren ein gewaltiges Gebiet im Norden des heutigen China beherrschte.

Einst residierten mächtige Herrscher im Orchon-Tal, im Herzen der Mongolei: Der berühmte Dschingis Khan gründete hier um 1220 Karakorum, die Hauptstadt des mongolischen Reiches. Doch bereits Jahrhunderte zuvor gab es dort eine Metropole: Der uighurische Khan Kutlug Bilge baute im Orchon-Tal 744 n. Chr. seine Hauptstadt Karabalgasun. Der Herrschaftsbereich des Nomadenvolks der Uighuren erstreckte sich damals vom Baikalsee bis in die Wüsten Ostturkestans. Das Reich spielte in dieser Position eine wichtige Rolle im Seidenhandel zwischen China und den mittelasiatischen Regionen.

Eine geheimnisvolle Metropole in der Steppe

Die Bedeutung des Reichs spiegelt sich noch heute in den Überresten der einst stark befestigten Stadtanlage von Karabalgasun wider, die ursprünglich über 35 Quadratkilometer bedeckte. Die Ruinen des Palastgeländes überragen die flache Steppenlandschaft noch immer um bis zu zwölf Meter. Leider ist dennoch nicht viel der einstigen Pracht erhalten, denn nur hundert Jahre nach ihrem Bau eroberten Kirgisen Karabalgasun – ein Feuersturm vernichtete die Hauptstadt und mit ihr das Großreich der Uighuren.

Seit 2007 erforscht das Deutsche Archäologische Institut (DAI) gemeinsam mit den mongolischen Partnerorganisationen die Überreste der geheimnisvollen Metropole. Wie die Archäologen berichten, haben sie im Sommer 2018 in einem Innenhof des Palastbereichs einen über zwölf Meter tiefen und immer noch wasserführenden Brunnen freigelegt. Einige Schöpfgefäße, die während der Nutzungszeit in den Brunnen gefallen waren, gaben dem Forscherteam den Hinweis auf die Entstehungszeit: Auf einem der Gefäße hatte der Töpfer das Siegel von Khan Kutlug Bilge eingeritzt. Damit stammt der Brunnen aus der Bauzeit der Stadt und auch der Herr des Palastes ist erneut bestätigt.

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Ein Brunnen wurde zur Zeitkapsel

In der einst verschütteten Konstruktion entdeckten die Forscher allerdings mehr als Schöpfgefäße: Eine knapp 30 Zentimeter große bronzene Glocke mit chinesischer Inschrift, ein vergoldeter Türriegel, zwei marmorne Löwenköpfe sowie schwarz lackierte Holzstangen mit floralen Dekorationen. Besonders die Glocke ist hervorragend erhalten und noch funktionstüchtig, berichten die Archäologen: “Es ist schon ein besonderes Gefühl, wenn man eine Glocke, die 1200 Jahre auf dem Grund eines Brunnens gelegen hat, zum ersten Mal wieder klingen hört,” sagt Projektleiterin Christina Franken vom DAI.

Wie die Forscher erklären, ermöglichen die Funde Einblicke in die materielle Kultur der geheimnisvollen Uighuren. Sie verdeutlichen, dass die Kunsthandwerker ihres Herrschers viele Anregungen aus anderen Kulturen verarbeiteten. Die Architektur des Palastes erinnert an zentralasiatische Anlagen während viele Objekte hingegen den Einfluss des wichtigsten Verbündeten der Uighuren erkennen lassen: des chinesischen Reichs unter der Tang-Dynastie.

Der Brunnen war den Forschern zufolge allerdings ein Element, das auf die unruhige Lage des Reiches der Uighuren hindeutet. Durch ihn verfügte der Palast, der gleichzeitig eine Festung war, auch in Zeiten einer Belagerung über ausreichend Wasser. Dennoch konnten die Uighuren dem Ansturm der Kirgisen im Jahr 840 nicht standhalten. Im Rahmen der Zerstörung der Stadt wurde der Brunnen mit Bauschutt und Asche verfüllt und so zu einer Zeitkapsel, die nun Einblicke in die Welt der Uighuren-Herrscher liefern konnte.

Quelle: Deutsches Archäologisches Institut

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