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Geschichte+Archäologie

Und er war doch in China

Für die Geschichte der Begegnungen mit China ist kein anderes Werk so bedeutend wie Marco Polos „Divisement dou monde“ („Il Milione“). Immer wieder zirkulieren jedoch Sensationsberichte durch Presse und Internet, die besagen, dass er niemals in China gewesen sei, zuletzt im vergangenen August.

Drei Gründe, die der neapolitanische Unterwasserarchäologe Daniele Petrella in einem Aufsatz in „Focus Italia“ dabei anführte, lassen sich leicht widerlegen: Erstens stimmt es nicht, dass Marco Polo das persische Wort chunam für das Kalfater-(Abdichtungs-)Material von Schiffen verwendet hat, denn in keinem der maßgeblichen Manuskripte kommt dieses (aus dem Tamilischen und Sanskrit stammende!) Wort vor. Und selbst wenn, zweitens, Marco Polo ein persisches Wort gebraucht hätte, wäre dies nicht weiter erstaunlich, da das Persische die lingua franca unter den in China tätigen Ausländern war. Drittens trifft genauso wenig Petrellas Behauptung zu, dass der Venezianer fünfmastige Schiffe bei den gescheiterten mongolischen Invasionsexpeditionen nach Japan erwähnt. Schiffe mit vier bis sechs Masten tauchen lediglich im Kapitel über die Hochseeschifffahrt nach Indien auf.

Hier wie auch bei dem 1995 erschienenen Buch von Frances Wood („Did Marco Polo Go to China?“. London 1995) ist bedauerlicherweise festzustellen, dass solche fragwürdigen Thesen einen größeren Einfluss auf das kollektive Gedächtnis haben als etwa die Arbeit von Igor de Rachewiltz, exzellenter Kenner der mongolischen Geschichte, der 1998 in einem ausführlichen Aufsatz in den „Zentralasiatischen Studien“ (27/1997) die Behauptungen Woods vollständig widerlegt hat.

Was spricht dafür, dass der Venezianer tatsächlich in China gewesen ist? Relevante ostasiatische und westliche Forschungsarbeiten haben immer wieder verdeutlicht, dass den seit Jahrzehnten bekannten und auch durchaus erklärbaren Pro‧blemen des Reiseberichts eine erdrückende Mehrzahl von verifizierten und – was oft übersehen wird – über Jahrhunderte hinweg einmaligen Information über China gegenübersteht. Dies soll im Folgenden an den Beispielen seiner Angaben über Währungen, Salzproduktion, Einnahmen aus dem Salz‧mono‧pol sowie die administrative Geographie des mongoli‧schen Yuan-Reiches erläutert werden.

Kein anderer westlicher, arabischer oder persischer Verfasser berichtet so detailliert, zutreffend und einmalig über die Währungssituation im mongolischen China. Beginnen wir mit dem Papiergeld. Der Venezianer legt als Einziger seiner Zeitgenossen höchst genau dar, dass das Notenpapier aus der Rinde des Maulbeerbaumes (Morus alba L.) hergestellt wird. Er beschreibt nicht nur die rechteckige Form und Größenabstufungen zutreffend, sondern auch die Verwendung von Siegeln und die verschiedenen Denominationen (Stempelungen), in denen Papiergeld ausgegeben wurde.

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Die Monopolisierung von Gold, Silber, Perlen und Edelsteinen durch den Staat im Zwangstausch gegen Papiergeld und die Bestrafung für Falschgelddelikte werden von ihm ebenso beschrieben wie die exakt dreiprozentige Umtauschgebühr für abgenutzte Geldscheine und die überaus häufige Verwendung des Papiergeldes in offiziellen und privaten Zahlungen und Transaktionen.

Marco Polo ist zudem der Einzige, der verdeutlicht, dass zu seiner Zeit nicht in allen Teilen des Reichs das Papiergeld zirkulierte, sondern vor allem im Norden und in den Regionen entlang dem Yangzi Jiang, nicht aber in Fujian und vor allem nicht in Yunnan, wo seinen Worten zufolge hauptsächlich Geld aus Gehäusen der Kaurischnecke, Salzgeld, Gold und Silber verwendet wurden. Diese einma-ligen Angaben finden ihre Bestätigung in den chinesischen Texten und Überresten jener Zeit. Die meisten dieser Quellen – und das ist wichtig festzuhalten – wurden erst weit nach der Zeit Marco Polos zusammengestellt oder überliefert. Es ist von daher auszuschließen, dass der Venezianer Informationen aus diesen Quellen bezogen hat. Er hätte sie aufgrund seiner fehlenden Chinesisch-Kenntnisse auch gar nicht lesen können.

Genauso trefflich und einmalig sind die Angaben Marco Polos zur chinesischen Salzproduktion. Er geht systematisch auf die ihm bekannten wichtigsten Salzzonen kurz ein: Changlu, Lianghuai, Liangzhe und Yunnan. Hinsichtlich der bedeutenden Salzzone von Lianghuai nennt er präzise die drei maßgeblichen Salzämter: Huai’an, Taizhou und Tongzhou. Erstaunlich ist auch seine exakte Beschreibung der Erzeugung von Meersalz am Beispiel Changlus. Die von ihm geschilderte Methode, nämlich die Auslaugung von mit Salz angereicherten Erden und das Sieden der damit gewonnenen Sole in großen Eisenpfannen, stimmt haargenau mit zeitgenössischen chinesischen Berichten aus der Yuan-Zeit überein. Keinesfalls konnte er das in den Salzmonopolgebieten Venedigs beobachtet haben, denn dort wurde Salz in Becken mittels natürlicher Verdunstung gewonnen.

Angesichts dieser Daten, die von einer bisher noch nicht zur Kenntnis genommenen Präzision sind, spricht in der Tat alles dafür, dass der Venezianer in Diensten des Groß- khans stand. Wie chinesische Quellen belegen, wäre er nicht der einzige Jüngling gewesen, den Kublai Khan unter seine Fittiche genommen und den er mit wichtigen Aufgaben betraut hätte.

Unübertreffliche Präzision können wir auch in der Beschreibung der politischen Geographie feststellen: Yang-zhou hatte tatsächlich genau 27 Verwaltungsstädte unter sich, und Carajan in Yunnan war in der Tat in sieben „Königreiche“ unterteilt, um nur einige Beispiele zu nennen. Solche Informationen waren keinesfalls geläufig, sondern finden ihre Bestätigung erst durch eine Auswertung der im späten 14. Jahrhundert durch die nachfolgende Dynastie zusammengestellten „Geschichte der Yuan“ (Yuan-shi ) und anderer, nach Marco Polos Abreise aus China verfasster Quellen.

Und wie verhält es sich mit Marco Polos „Millionen“, etwa mit seiner Angabe, dass allein die Salzeinkünfte von Kinsay und seinem Territorium dem Khan jährlich ein Einkommen von 5,6 Millionen saggi Gold beschert hätten? Mittels Umrechnung in Papiergeld zu den bekannten offiziellen Austauschraten ergibt sich der Schluss, dass auch diese Angaben keineswegs aus der Luft gegriffen sind, sondern ausge-sprochen gut mit entsprechenden chinesischen Daten über das Salzmonopol von Liangzhe aus der Zeit vor 1287 übereinstimmen. Dies verdeutlicht, dass der Venezianer keineswegs den Spitznamen „il milione“, eines Fabulierers, verdient hat und dass er diese und andere, über die kommenden Jahrhunderte hinweg einmaligen Informationen über China nur durch seine Präsenz in China, das heißt durch das, was er dort gesehen und gehört hat, bezogen haben kann. Marco Polo war also in China!

Literatur: Hans Ulrich Vogel, Marco Polo was in China. New Evidence from Currencies, Salts and Revenues. Leiden 2012. Frances Wood, Did Marco Polo Go to China? London 1995.

Quelle: Prof. Dr. Hans Ulrich Vogel
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