Uralte Pferde-Zahnmedizin - wissenschaft.de
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Geschichte+Archäologie

Uralte Pferde-Zahnmedizin

Auch heute noch entfernen mongolische Hirten problematische Zähne bei ihren Pferden. (Foto: Dimitri Staszewski. Taylor et al. 2018. Origins of Equine Dentistry. PNAS.)

„Ins Maul schauen“ ist heute ein fester Bestandteil der modernen Veterinärmedizin: Plagen Pferd, Kuh und Co Zahnprobleme, macht sich der Tierarzt ans Werk. Offenbar hat dies bereits eine erstaunlich lange Tradition, belegen nun die ältesten bekannten Nachweise für zahnmedizinische Behandlungen bei Nutztieren. Demnach entfernten Hirten der Hirschstein-Khirigsuur-Kultur in der heutigen Mongolei bereits vor mehr als 3000 Jahren Pferden problematische Zähne.

Sie haben die Menschheit buchstäblich voran gebracht – Pferde gehören zu den bedeutendsten Nutztieren der Geschichte. Wie genau diese spezielle Tier-Mensch-Beziehung begann, liegt im Dunkel der Geschichte verborgen. Man geht allerdings davon aus, dass Hirten im Osten Eurasiens die ersten waren, deren Lebensgrundlagen wesentlich auf der Nutzung von Pferden beruhte. Möglicherweise gehörten sie auch zu den ersten, die es wagten, sich auf den Rücken dieser Tiere zu setzen und Reitkultur zu entwickeln. Es liegt nahe, dass diese Menschen auch damals schon sehr bemüht um das Wohl ihrer kostbaren Nutztiere waren. Aber hat dies bereits zur Entwicklung von veterinärmedizinischen Behandlungen geführt? Die Untersuchungsergebnisse eines internationalen Forscherteams um William Taylor vom Max-Planck-Institut für Menschheitsgeschichte werfen nun Licht auf diese Frage.

Opfergaben unter der Lupe

Die Archäologen haben sich im Rahmen ihrer Studie mit Funden beschäftigt, die von Kultstätten der Hirschstein-Khirigsuur-Kultur stammen, die von etwa 1300 bis 700 v. Chr. im Bereich der heutigen Mongolei existiert hat. Diese Kultur ist für ihre bis zu drei Meter hohen Steinstelen bekannt, die oft mit fliegenden Hirschen verziert wurden. Diese Hirschsteine bildeten häufig das Zentrum von Anlagen aus Dutzenden bis Tausenden sogenannter Khirigsuurs – Steinhügel, in die Opfergaben eingelagert wurden. Unter ihnen befinden sich auch typischerweise Schädel und Knochen von Pferden. Im Rahmen ihrer Studie haben Taylor und seine Kollegen nun tierische Überreste genau unter die Lupe genommen, die von rund 30 archäologischen Fundorten der Hirschstein-Khirigsuur-Kultur stammen.

Wie die Forscher berichten, fanden sie an einigen der Pferdezähne unter den Funden die eindeutigen Spuren von Behandlungen. Es zeichnet sich ihnen zufolge unterm Strich ab, dass die Hirten der Hirschstein-Khirigsuur-Kultur schon um rund 1150 v. Chr. damit begannen, Zähne zu entfernen, die jungen Pferden Schmerzen oder Schwierigkeiten beim Fressen hätten bereiten können. Darüber hinaus fanden die Wissenschaftler Hinweise darauf, dass die Pferdezahnheilkunde parallel zu wichtigen technischen Neuerungen entstanden ist. Konkret handelt es sich dabei um die Einführung von Bronze- und Eisenmundstücken. Diese Art Zaumzeug breitete sich im frühen ersten Jahrtausend v. Chr. im Osten Eurasiens aus und erlaubte eine feine Kontrolle der Pferde beim Reiten. Die Tiere konnten dadurch für neue Zwecke eingesetzt werden – etwa für die Kriegsführung.

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Kam die Zahnmedizin mit dem Zaumzeug?

Dieser über 3000 Jahre alte Pferdezahn trägt die Spuren einer zahnmedizinischen Behandlung: Man hat versucht, ihn abzusägen. (Credit: PNAS)

Der Einsatz der harten Metallmundstücke brachte jedoch Probleme mit sich, berichten die Wissenschaftler. Vor allem konnten sie Entzündungen an verkümmerten Zähnen verursachen, die im Gebiss mancher Pferde angelegt sind – man bezeichnet sie als „Wolfszähne“. Wie Taylor und seine Kollegen dokumentieren konnten, entwickelten die Hirten im Zusammenhang mit der Erfindung von Metallmundstücken Methoden, um genau diese problematischen Zähne zu entfernen. Auch heute werden Wolfszähne noch auf eine ähnliche Weise beseitigt, sagen die Forscher.

Ihnen zufolge untermauern die aktuellen Ergebnissen nun auch die Annahme, dass die Entwicklung des Reitens und der Pferdeweidehaltung generell ein Schlüsselfaktor für die Entwicklung tierärztlicher Praktiken waren. „Man betrachtet die Tiermedizin oft eher als eine westliche Wissenschaft“, sagt Taylor. „Aber die Ergebnisse unserer Studie zeigen, dass das umfassende Wissen über die Anatomie von Pferden und die Tradition der Tierpflege nicht in den sesshaften Zivilisationen Chinas oder des Mittelmeerraumes entstanden sind, sondern Jahrhunderte zuvor bei den Nomadenvölkern, deren Lebensunterhalt entscheidend vom Wohlergehen ihrer Pferde abhing“, resümiert der Archäologe.

Quelle: Max-Planck-Institut für Menschheitsgeschicht,  PNAS, doi: 10.1073/pnas.1721189115

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