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Steinzeitliche Schlüsseltechnologie

Uralte Radspuren in Norddeutschland

Links: Zwei parallele Streifen im Bereich des steinzeitlichen Friedhofs bei Flintbek wurden als 5400 Jahre alte Spuren eines Wagens identifiziert. © Dieter Stoltenberg. Rechts: Vermutlich kamen Rinderkarren beim Bau der Megalithgräber zum Einsatz. Künstlerische Darstellung auf dem Titelbild der Publikation © Susanne Beyer

Im heutigen Schleswig-Holstein rollten offenbar schon erstaunlich früh Wagen auf Rädern: Dies geht aus über 5400 Jahre alten Spuren hervor, die im Bereich eines der größten Megalith-Friedhöfe Europas entdeckt wurden. Es handelt sich um den frühesten Beleg des Einsatzes von Rad und Wagen, sagen die Wissenschaftler.

Ein Konzept, mit dem die technologische Entwicklung buchstäblich ins Rollen kam: Das Rad gehörte zu den wichtigsten Erfindungen der Menschheit. Erfunden wurde es in der Jungsteinzeit – wann und wo genau jedoch Räder erstmals Wagen in Bewegung setzten, ist bis heute unklar. Lange galten die frühen Kulturen des Nahen Ostens als Ursprung der Innovation – Befunde verwiesen dabei auf das späte vierte Jahrtausend v. Chr. Doch es gab auch bereits Hinweise auf den Einsatz von Wagen und Rädern aus Europa, die in die gleiche Ära fallen. Eine genaue zeitliche und örtliche Einordnung der Erfindung war deshalb bisher nicht möglich.

Spuren im Bereich eines Megalith-Friedhofs

Wie die Christian-Albrechts-Universität zu Kiel nun berichtet, haben Ausgrabungen in Flintbek bei Kiel einen wichtigen Beitrag zur Geschichte von Rad und Wagen geliefert. Dort befinden sich die Überreste eines monumentalen Gräberfelds aus der Jungsteinzeit und Bronzezeit. Der Erforschung der Stätte widmen sich seit einigen Jahren Wissenschaftler im Rahmen eines Forschungsprogramms, das von Johannes Müller vom Kieler Institut für Ur- und Frühgeschichte koordiniert wird. Über die Funde und Erkenntnisse berichtet nun seine Kollegin Doris Mischka von der Universität Erlangen-Nürnberg in ihrem Buch „Das Neolithikum in Flintbek. Eine feinchronologische Studie zur Besiedlungsgeschichte anhand von Gräbern“.

In dem Megalith-Friedhof stießen die Archäologen auf sieben steinzeitliche Großsteingräber, sowie 14 Grabhügel, die sich sichelförmig aneinanderreihen. Mit Hilfe von Radiokarbondatierungen konnten sie nachweisen, dass das Areal bereits vor etwa 5800 Jahren für erste Bestattungen genutzt wurde. Etwa um 3300 v. Chr. zeichnet sich dann allerdings eine markante Veränderung der Architektur ab, stellten die Forscher fest: Die Menschen begannen, ihre Toten in großen Kammern mit aus Stein gebauten Zugängen zu bestatten. Die Flintbeker Sichel war in dieser Ära vermutlich das rituelle Zentrum für die ganze Region, berichtet Mischka.

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Wagenspuren zeichnen sich ab

Auf die Zeit um 3400 v. Chr. wurden auch die zwei zunächst unscheinbar wirkenden braunen Linien im Boden im Bereich des Friedhofs datiert. Bei den weiteren Untersuchungen stellten die Wissenschaftler dann fest, dass die Breite dieser Verfärbungen genau mit der von jungsteinzeitlichen Holzrädern übereinstimmt, die unter anderem in Mooren Norddeutschlands gefunden wurden. Außerdem entsprechen die Abstände der beiden Rillen zueinander genau der Breite, die von Überresten jungsteinzeitlicher Wagenachsen bekannt sind.

Die Wissenschaftler kamen deshalb zu dem Schluss, dass es sich um Spuren von Karren handelt, die wohl einst von Rindern gezogen wurden. „Die konservierten Wagenspuren, die präzise um 3400 v. Chr. zu datieren sind, spielen in der Diskussion zur Erfindung von Rad und Wagen eine wichtige Rolle“, schreibt Mischka. Denn offenbar kam beim Bau der monumentalen Strukturen in der Flintbeker Sichel die damals neue Technologie zum Einsatz. Mit dem Datierungsergebnis ragt der Fund dabei besonders heraus: „In Flintbek findet sich der früheste Nachweis dieser Innovation, die in vielen anderen Regionen Europas und Südwestasiens erst im späten vierten Jahrtausend v. Chr. anzutreffen ist“, schreibt die Universität Kiel.

Bei dem Befund handelt sich somit auch um einen Hinweis darauf, dass diese Schlüsseltechnologie möglicherweise nicht im Nahen Osten erfunden wurde, wie bislang angenommen. „Es ist eindeutig, dass die Menschen in Mitteleuropa ebenso früh wie jene des Nahen Osten hochtechnologisiert waren“, sagt Müller. „Das Ergebnis rückt Flintbek in das Zentrum einer der entscheidenden Innovationen der Menschheit“, sagt der Archäologe.

Quelle: Christian-Albrechts-Universität zu Kiel, Originalpublikation:
Mischka, Doris, 2022. Das Neolithikum in Flintbek. Eine feinchronologische Studie zur Besiedlungsgeschichte anhand von Gräbern. Frühe Monumentalität und soziale Differenzierung 20. Verlag Dr. Rudolf Habelt GmbH (Bonn 2022).

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