Urgeschichte im genetischen Spiegel - wissenschaft.de
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Geschichte+Archäologie

Urgeschichte im genetischen Spiegel

Ausgrabungsarbeiten auf dem Gelände von Balma Guilanyà. (Bild: CEPAP-UAB)

Die Bevölkerungsentwicklung auf der Iberischen Halbinsel war ein Sonderfall im frühen Europa, geht aus gleich zwei aktuellen Studien hervor. Bis zu über 12.000 Jahre alte DNA hat den Forschern interessante Einblicke in die geheimnisvolle Urgeschichte dieser besonderen Region gewährt. Es zeigt sich, dass die Halbinsel während des letzten eiszeitlichen Maximums eine Zuflucht für die Menschen darstellte. Außerdem spiegelt sich in den genetischen Daten ein erstaunlicher Umbruch wider: Die regionalen Y-Chromosomen wurden während der Bronzezeit nahezu vollständig durch das männliche Erbe von Einwanderern aus der heutigen Ukraine und Russland ersetzt.

Sie liegt am äußersten westlichen Rand des Kontinents und ist von einem besonderen Klima geprägt – die Iberische Halbinsel gilt bereits seit langem als ein möglicher Sonderfall im Rahmen der Besiedlungsgeschichte Europas. Um Licht ins Dunkel zu bringen, haben Forscher im Rahmen von zwei Studien die moderne Genetik eingesetzt. Durch raffinierte Methoden ist es möglich, Jahrtausende alten Funden noch Erbgut zu entlocken, das sich für Vergleiche eignet. So sind Rückschlüsse möglich, woher bestimmte Bevölkerungsgruppen stammten, wie sie sich mischten oder verschwanden. Die erste Studie betrachtete in diesem Zusammenhang Jäger und Sammler sowie frühe Bauern, die einst im heutigen Spanien und Portugal gelebt haben. Die ältesten, neu analysierten Individuen sind etwa 12.000 Jahre alt und wurden in Balma Guilanyà in Spanien geborgen.

Aus früheren Untersuchungen ging hervor, dass zwei unterschiedliche Gruppen von Jägern und Sammlern die letzte Eiszeit in Europa überlebt haben: Menschen der sogenannten Villabruna-bezogenen Herkunft und Vertreter des sogenannten magdalenischen Kulturkomplexes. Etwa vor 14.000 Jahren breitete sich die Gruppe der Villabruna-Abstammung dann aus und ersetzte die Bevölkerungen der magdalenischen Kultur in West- und Mitteleuropa. Bisher war allerdings unklar, was sich in diesem Zusammenhang auf der Iberischen Halbinsel abgespielt hatte.

Zwei paläolithische Abstammungslinien mischten sich

Die Ergebnisse der Studie unter der Leitung des Max-Planck-Instituts für Menschheitsgeschichte in Jena (MPI-SHH) zeigen nun, dass die iberischen Jäger und Sammler beide Abstammungslinien in sich trugen. Wie sie erklären, bedeutet das: Auf der Iberischen Halbinsel war es es zu einer Mischung der beiden Bevölkerungsgruppen gekommen. Demnach hat sich dort auch das Erbe des magdalenischen Kulturkomplexes erhalten. „Wir können das Überleben einer zusätzlichen paläolithischen Linie bestätigen, die auf die späte Eiszeit auf der Iberischen Halbinsel zurückgeht“, sagt Wolfgang Haak vom MPI-SHH. „Dies bestätigt die Rolle der Region als Zufluchtsort während des letzten eiszeitlichen Maximums, nicht nur für Fauna und Flora, sondern auch für die menschliche Bevölkerung“, so der Anthropologe über das zentrale Ergebnis der ersten Studie.

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Die zweite Studie wurde von der Harvard Medical School und dem Broad Institute geleitet und konzentrierte sich auf etwas spätere Zeiträume: Die Forscher analysierten die DNA von 271 Iberern aus dem Mesolithikum, Neolithikum, der Kupferzeit, der Bronzezeit, der Eisenzeit und historischen Zeiträumen. Die Ergebnisse untermauern die Resultate der ersten Studien: Die Jäger und Sammler des heutigen Portugal und Spanien verschwanden nicht etwa spurlos, als sich die einwandernden Bauern aus dem Nahen Osten in ihrer Heimat breitmachten. In den Genomen der Zeit zeichnet sich hingegen eine Mischung der Populationen ab: „Die Iberischen Bauern tragen auch die einzigartige Signatur der Abstammung von Jägern und Sammlern der Region“, erklärt Co-Autorin Vanessa Villalba-Mouco vom MPI-SHH.

Neues väterliches Erbgut

Auf einen weiteren besonders interessanten Befund sind die Wissenschaftler in der Zeit zwischen 2500 und 2000 v. Chr. gestoßen: 40 Prozent der genetischen Herkunft in der Region und fast 100 Prozent der Y-Chromosomen wurden damals durch das Erbe von Menschen aus der Pontischen Steppe ersetzt – einer Region in der heutigen Ukraine und Russland. Im Klartext bedeutet das: Die Einwanderer haben damals offenbar die iberischen Männer verdrängt und sich auf diese Weise im Erbgut der Menschen der Halbinsel verewigt. Inwieweit eine gewaltsame Geschichte zu diesem Effekt geführt hat, bleibt allerdings unklar, sagen die Forscher.

Darüber hinaus untersuchten die Wissenschaftler auch die genetischen Entwicklungen in der Antike. Sie konnten erneut bestätigen, dass griechische und römische Siedlungen multiethnisch geprägt waren – durch Mischungen von Menschen aus dem zentralen und östlichen Mittelmeerraum, Nordafrika sowie einheimischen Bevölkerungen.

„“Abgesehen von den spezifischen Erkenntnissen über das heutige Spanien und Portugal dienen die Untersuchungen als Modell dafür, wie eine hochauflösende Zeitreihe aus alter DNA, die in historische Perioden übergeht, verwendet werden kann, um ein detailliertes Bild der Abstammungsgeschichte heutiger Populationen zu liefern“, erklärt Haak. „Wir hoffen, dass der zukünftige Einsatz ähnlicher Strategien ebenso wertvolle Erkenntnisse in anderen Regionen der Welt liefert“, so der Anthropologe.

Quellen: Max-Planck-Institut für Menschheitsgeschichte in Jena, Harvard Medical School,

Survival of Late Pleistocene Hunter-Gatherer Ancestry in the Iberian Peninsula
Olalde et al.
The genomic history of the Iberian Peninsula over the past 8000 years
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