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Geschichte|Archäologie

Ursprung der Avaren enträtselt

Avare
Rekonstruktion eines berittenen Avaren. © Ilona C. Kiss

Nach dem Ende der Spätantike herrschten die Avaren fast 200 Jahre lang über die Pannonische Tiefebene im Gebiet des heutigen Rumänien und Ungarn. Doch woher dieses Volk ursprünglich kam, blieb strittig. Einige hielten sie für die Abkömmlinge des legendären Rouran-Khaganats in Zentralasien, andere hingegen für ein Turkvolk. Jetzt geben DNA-Analysen Aufschluss über die wahre Abstammung der Avar-Eliten. Sie stammten demnach tatsächlich aus der mongolischen Steppe und wanderten damals in kurzer Zeit bis in die Karpatenregion ein.

Die Avaren sind ebenso legendär wie geheimnisvoll. Aus historischen Aufzeichnungen geht hervor, dass dieses Reitervolk um 567 aus Zentralasien kommend die Pannonische Tiefebene eroberte. Nach den Hunnen und später germanischen Stämmen wie den Langobarden übernahmen die Avaren die Herrschaft über die Bevölkerung im Karpatenbecken. „Ihr Reich, das von einem Khagan geführt wurde, dominierte das östliche Mitteleuropa mehr als 200 Jahre lang, bis es dann um 800 von den Franken zerschlagen wurde“, berichten Guido Gnecchi-Ruscone vom Max-Planck-Institut für Evolutionäre Anthropologie in Leipzig und seine Kollegen.

Skelett
Grab eines toten Avaren, aufbewahrt im Déri Museum in Debrecen. © Szilvia Döbröntey-David

Nachfahren der Rouran oder ein Turkvolk?

Doch woher genau die Avaren ursprünglich kamen, war bisher unklar: „Wir haben eine Frage untersucht, die seit mehr als 1400 Jahren rätselhaft geblieben ist: Wer die Avar-Eliten waren – die mysteriösen Gründer eines Reichs, das fast Konstantinopel zu Fall gebracht hätte und das mehr als 200 Jahre über das Gebiet des heutigen Ungarn, Rumänien, der Slowakei, Österreichs, Kroatien und Serbien herrschte“, sagt Seniorautor Johannes Krause vom MPI für Evolutionäre Anthropologie. Schon die Byzantiner vermuteten, dass die Avaren möglicherweise aus dem zentralasiatischen Reich der Rouran gekommen waren – einem 550 von den Türken zerschlagenen Steppen-Imperium. Überlieferungen legen nahe, dass sich die Angehörigen dieses Volks als Avaren bezeichneten. Die Türken wiederum verbreiteten damals, dass die Avaren keineswegs aus dem legendären Rouran-Khaganat stammten, sondern auch ein Turkvolk waren.

Um die Abstammung der Avaren in Pannonien zu klären, haben Krause und sein Team das Genom aus den Überresten von 66 Angehörigen der Avar-Elite aus Gräbern im Karpatenbecken isoliert und untersucht. Diese Toten waren meist mit reichen Grabbeigaben in Form von Gold- und silberverzierten Waffen und Gürteln, verschiedenen Schmuckstücken und anderen Objekten bestattet worden, die ihren hohen Stand anzeigten. Die DNA-Sequenzen dieser hochrangigen Avaren verglichen die Forscher mit dem der lokalen einfachen Bevölkerung aus dieser Zeit sowie dem Erbgut verschiedener Populationen zentralasiatischer und eurasischer Populationen.

Ursprung im Nordosten Zentralasiens

Die DNA-Analysen ergaben, dass die Eliten der Avaren tatsächlich von Vorfahren im Nordosten Zentralasiens abstammten. „Wir zeigen eine auffallende genetische Übereinstimmung mit einem Individuum aus der Rouran-Periode und auch mit älteren Angehörigen der Xiongnu und Xianbei in der östlichen Steppe Zentralasiens“, berichtet das Forschungsteam. Das Erbgut der in der ersten Hälfte des Avarenreichs bestatteten Toten war dabei zu rund 90 Prozent Nordost-asiatischen Ursprungs. Das Genom der Eliten aus der Spätzeit der Avaren-Herrschaft über Pannonien stimmten immerhin noch zu 70 bis 80 Prozent mit dieser Herkunft überein. Nach Ansicht von Krause und seinem Team spricht dies dafür, dass die Avaren tatsächlich von den legendären Rouran abstammten.

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Interessant auch: Aus der Datierung der Genom-Proben schließen die Wissenschaftler, dass die Avaren sehr schnell von aus dem Gebiet der Rouran bis in die Pannonische Tiefebene vorgedrungen sein müssen. „Demnach legten sie die mehr als 5000 Kilometer von der Mongolei bis in den Kaukasus in wenigen Jahren zurück, zehn Jahre später siedelten sie bereits im Gebiet des heutigen Ungarn“, sagt Co-Autor Choongwon Jeong von der Nationaluniversität Seoul. „Dies ist die schnellste Fern-Migration, die wir bisher in der Menschheitsgeschichte rekonstruieren konnten.“ Die Genom-Vergleiche legen zudem nahe, dass die Avaren auch nach ihrer Ansiedlung in Pannonien noch weiteren Zustrom aus dem Nordosten erhielten. Denn die 20 bis 30 Prozent der DNA-Anteile, die bei den späten Avaren nicht auf die Rouran zurückgehen, stammten von Nomadenvölkern aus dem Nordkaukasus und der westasiatischen Steppe.

Quelle: Max-Planck-Gesellschaft; Fachartikel: Cell, doi: 10.1016/j.cell.2022.03.007

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