Urzeitlicher Parasitenbefall - wissenschaft.de
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Geschichte+Archäologie

Urzeitlicher Parasitenbefall

In diesen fossilen Fäkalien aus Catalhöyük steckten die Parasiteneier. (Bild: Lisa-Marie Shillito)

Ob Spulwurm oder Peitschenwurm: Über kontaminiertes Wasser oder verunreinigte Nahrung können wir uns mit lästigen Darmparasiten anstecken. Solche krankmachenden Schmarotzer befielen offenbar schon die ersten sesshaften Menschen, wie sich nun zeigt. Forscher haben in 8000 Jahre alten Kotresten aus der Fundstätte Catalhöyük Eier des Peitschenwurms entdeckt. Es handelt sich um den ersten Nachweis von Darmparasiten-Infektionen in einer jungsteinzeitlichen Siedlung im Nahen Osten.

Im Südosten Anatoliens entstand vor tausenden von Jahren eine der frühesten Großsiedlungen der Menschheit: Catalhöyük. Die Relikte dieser jungsteinzeitlichen Stätte sind unter einem unscheinbaren Hügel verborgen und für Archäologen von besonderem Interesse – denn Catalhöyük liefert spannende Einblicke in das Leben der ersten sesshaften Menschen. Die Bewohner der wahrscheinlich um 7100 vor Christus gegründeten Siedlung waren bereits frühe Landwirte. Sie bauten unter anderem Getreide an und hielten Schafe und Ziegen. Damit führten sie ein ganz anderes Leben als ihre Jäger-und-Sammler-Vorfahren. Doch diese Veränderung brachte ihnen nicht nur Vorteile. So gehen Forscher zum Beispiel davon aus, dass das Leben mit vielen Menschen und Tieren auf engem Raum die Ausbreitung von Krankheiten förderte, zumal hygienische Errungenschaften wie die Erfindung der Toilette damals noch Zukunftsmusik waren.

Mikroskopische Aufnahme eines Peitschenwurm-Eis (Bild: Evilena Anastasiou)

Fossile Exkremente

„Catalhöyük ist eine der größten und am dichtesten besiedelten Dörfer aus dieser Zeit. Daher eignet sich diese Stätte gut, um zu erforschen, mit welchen Krankheiten die frühen Farmer zu kämpfen hatten“, erklären Marissa Ledger von der University of Cambridge und ihre Kollegen. Für ihre Studie begaben sich die Archäologen auf die Suche nach Kotresten. Wie sie berichten, verrichteten die Catalhöyük-Bewohner ihre großen Geschäfte wahrscheinlich direkt an zentralen Abfallplätzen oder trugen den Kot in Eimern dorthin. „Dadurch war das Risiko für eine Ansteckung mit Parasiten und anderen Krankheitserregern über die Fäkalien sehr hoch“, sagt Ledger. Doch waren die Menschen damals wirklich schon von solchen Plagegeistern befallen – und wenn ja, von welchen?

Um dies zu beantworten, untersuchte das Forscherteam vier fossile, menschliche Exkremente von einer früheren Mülldeponie an der archäologischen Fundstätte und nahm außerdem Bodenproben aus Gräbern unter die Lupe. Das Ergebnis: Tatsächlich fanden sich in zwei Kotproben aus der Zeit zwischen 7100 und 6150 vor Christus deutliche Hinweise auf einen Parasitenbefall. Die Wissenschaftler isolierten Eier des Peitschenwurms (Trichuris trichuria) aus dem versteinerten Kot, dieser Parasit befällt auch heute noch Menschen. „Es war ein besonderer Moment, über 8000 Jahre alte Parasiteneier zu entdeckten“, berichtet Ledgers Kollegin Evilena Anastasiou. „Diese Ergebnisse belegen, dass ein Teil der Bevölkerung Catalhöyüks damals mit diesem Fadenwurm infiziert war“, so das Team.

Andere Lebensweise, andere Krankheiten?

Infektionen mit dem Peitschenwurm können zu Durchfall, Blutungen und im Extremfall sogar zu einem gefährlichen Darmverschluss führen. Aus früheren Studien war bekannt, dass unter anderem auch die alten Griechen schon von diesem parasitischen Wurm befallen wurden. „Unser Fund ist jedoch der erste Nachweis von Darmparasiten-Infektionen in einer jungsteinzeitlichen Siedlung im Nahen Osten“, erklären die Forscher. Ob der krankmachende Wurm die Menschen wirklich erst seit dem Übergang zur bäuerlichen Lebensweise befiel, wollen Ledger und ihre Kollegen in Zukunft mithilfe weiterer Untersuchungen herausfinden. „Wir müssen nun alte Exkremente von Jägern und Sammlern aus der Region finden, um zu verstehen, wie der Wandel der Lebensweise die Krankheiten der Menschen beeinflusst hat“, so ihr Fazit.

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Quelle: Marissa Ledger (University of Cambridge) et al., Antiquity, doi: 10.15184/aqy.2019.61

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