Verräterische Zähne - wissenschaft.de
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Geschichte+Archäologie

Verräterische Zähne

Zahnanalysen zeigen: Bereits Neandertaler waren erhöhten Bleikonzentrationen ausgesetzt. (Foto: Tanya M. Smith/ Griffith University)

Zähne können erstaunlich viel über das Leben ihres Besitzers verraten. Diese Tatsache haben Forscher nun genutzt, um neue Einblicke in die Welt unserer berühmten Steinzeit-Cousins zu erhaschen: den Neandertalern. Ihre Analyse fossiler Beißer zeigt nicht nur, dass die Frühmenschen ihre Kinder möglicherweise ähnlich lange stillten wie moderne Menschen aus der vorindustriellen Zeit. Sie offenbart zudem: Bereits vor 250.000 Jahren waren Neandertaler bedenklichen Konzentrationen eines Umweltgifts ausgesetzt: Blei.

Als die ersten modernen Menschen in Europa auftauchten, lebten die Neandertaler dort bereits seit über hunderttausend Jahren. Dank etlicher Funde können wir uns inzwischen zwar schon ein recht genaues Bild über diese Steinzeit-Cousins des Homo sapiens machen. Trotzdem liegen viele Details über ihr Leben noch im Dunkeln. Neue Einblicke in einen prägenden Lebensabschnitt der Frühmenschen liefern nun rund 250.000 Jahre alte Zähne aus dem Südosten Frankreichs. Diesen sterblichen Überresten zweier Neandertaler haben Forscher interessante Geheimnisse über die Kindheitsjahre unserer Vettern entlockt. Möglich war dies, weil Zähne in einer gewissen Hinsicht Bäumen gleichen: Ihre Wachstumsringe lassen sich lesen wie Tagebucheinträge. So bildet sich während der kindlichen Entwicklungsphase regelmäßig eine neue Schicht Zahnschmelz. Der Gehalt bestimmter Elemente in diesen Schichten kann Hinweise auf die Ernährung und die Umwelt liefern, der die Kinder ausgesetzt sind.

Ein Frühlingskind

Das Team um Tanya Smith von der Griffith University im australischen Brisbane analysierte für seine Studie unter anderem das Vorkommen bestimmter Sauerstoffisotope und die Bariumkonzentrationen in den Zähnen. Auf diese Weise vollzogen die Wissenschaftler in wöchentlichen Intervallen nach, was die beiden Neandertaler gegessen und getrunken hatten und wie die klimatischen Bedingungen in deren Umgebung gewesen waren. So konnten sie anhand der Sauerstoffisotope im Zahnschmelz beispielsweise feststellen, dass einer der Frühmenschen im Frühling auf die Welt gekommen sein muss. Der Bariumgehalt im Zahn offenbarte wiederum, wie lange dieses Kind von seiner Mutter gestillt wurde. Bekannt ist, dass Säuglinge über die Muttermilch relativ viel Barium aufnehmen und dass die Aufnahme dieses Elements weniger wird, wenn andere Nahrung hinzukommt.

Bei dem Neandertaler zeigten sich stark erhöhte Bariumwerte bis zum neunten Lebensmonat, wie die Forscher berichten. Danach sank der Spiegel etwas ab und blieb dann bis zum Alter von zweieinhalb Jahren konstant, bevor er dramatisch abfiel – ein Zeichen dafür, dass das Kind zu diesem Zeitpunkt endgültig abgestillt wurde. „Interessanterweise entsprechen unsere Ergebnisse bekannten Mustern“, schreibt das Team. „Die meisten Säugetiere bringen ihren Nachwuchs im Frühling zur Welt, wenn das Nahrungsangebot groß ist. Und im vorindustriellen Zeitalter haben auch moderne Menschen ihre Kinder in der Regel im Alter von zweieinhalb Jahren abgestillt.“ Allerdings: Auf Basis dieses einen Fundes lassen sich noch keine allgemeinen Aussagen über das Gebär- und Stillverhalten der Neandertaler treffen – zumal sich im zweiten Zahn nicht die charakteristischen Bariumspitzen zeigten.

Überraschende Bleibelastung

Darüber hinaus stellten Smith und ihre Kollegen fest, dass beiden Neandertaler-Kindern die kalten Winter der Eiszeit extrem zu schaffen machten. Dieser klimatische Stress zeigte sich in schlecht entwickelten Zahnschmelzschichten. Besonders überraschend war für die Forscher allerdings ein weiterer Befund: Beide Neandertaler müssen in jungen Jahren mehrmals kurzfristig mit einem Umweltgift in Kontakt gekommen sein: dem Schwermetall Blei. Demnach ließen sich in beiden Zahnproben stark erhöhte Bleikonzentrationen nachweisen – Werte, die in einem Fall sogar zehnmal höher waren als die normale Hintergrundbelastung. Es handelt sich damit um den ältesten Nachweis einer Bleibelastung in menschlichen Gebeinen, wie die Wissenschaftler betonen. Wie der Neandertaler-Nachwuchs mit dem Schwermetall in Berührung kam, darüber können sie nur spekulieren: Möglicherweis atmeten die Frühmenschen kontaminierten Rauch von Feuern ein oder nahmen belastete Nahrung oder Wasser zu sich.

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„Traditionell gilt die Bleibelastung als ein Problem, das erst nach der Industrialisierung auftauchte. Unsere Ergebnisse zeigen aber, dass Menschen auch schon in der prähistorischen Zeit erhöhten Bleiwerten ausgesetzt waren“, sagt Mitautorin Christine Austin. Weitere Untersuchungen sollen nun klären, wie verbreitet derartige Umweltbelastungen damals waren: „Wir planen, noch mehr Zähne zu analysieren und herauszufinden, inwiefern das Schwermetall die Gesundheit der Neandertaler belastet haben könnte“, so die Forscherin. Diese Analysen könnten dann auch offenbaren, ob sich die nun beobachteten Muster zum Gebär- und Stillverhalten verallgemeinern lassen. „Insgesamt eröffnet unsere Methode neue Möglichkeiten, Fragen über lange ausgestorbene Arten zu beantworten“, schließt das Team. Zum Beispiel Fragen über das Leben unserer Steinzeit-Cousins.

Quelle: Tanya Smith (Griffith University, Brisbane) et al., Science Advances, doi: 10.1126/sciadv.aau9483

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