Verräterischer Zahnbelag - wissenschaft.de
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Geschichte+Archäologie

Verräterischer Zahnbelag

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Beim Werkzeugmachen (hier eine Rekonstruktion aus dem Neandertaler-Museum) waren die Neandertaler dem Homo sapiens wohl ebenbürtig. Bild: Thomas Ihle / Wikipedia (GNU-Lizenz)
Die Neandertaler haben nicht nur Fleisch gegessen, sondern auch regelmäßig gekochte Pflanzenkost. Das hat ein internationales Forscherteam durch die Analyse fossiler Zähne herausgefunden. Im Zahnstein fanden sie zahlreiche pflanzliche Partikel, die Anzeichen für eine Zubereitung durch Kochen aufwiesen. Diese Ergebnisse widersprechen der bisherigen Annahme, die Neandertaler hätten sich fast ausschließlich von Fleisch ernährt und seien dadurch dem modernen Menschen unterlegen gewesen. Den Forschern zufolge zeigen die Resultate, dass die ausgestorbenen Urmenschen ebenfalls in der Lage waren, vegetarische Kost zu nutzen und durch Zubereitung leichter genießbar zu machen.

Bis heute ist unklar, warum die Neandertaler (Homo neanderthalensis) vor etwa 30.000 Jahren ausstarben, nachdem sich der moderne Mensch (Homo sapiens) zunehmend in ihrem Lebensraum ausgebreitet hatte. Einige Wissenschaftler vermuteten, seine flexiblere Ernährung, die neben Fleisch zusätzlich vegetarische Kost umfasste, hätte ihn den Neandertalern überlegen gemacht: Durch die pflanzliche Nahrung habe der moderne Mensch mehr Energie aufnehmen können als die Neandertaler, die nahezu ausschließlich auf ihr Jagdglück angewiesen gewesen seien. Dieser Annahme widersprechen nun die aktuellen Analysen.

Die Forscher hatten mikroskopische Untersuchungen an Zähnen durchgeführt, die von Neandertalerskeletten aus Belgien und dem Irak stammen. Schon zu Lebzeiten unserer Urahnen bildete sich an den Zähnen Zahnstein, der durch die Einlagerung von Mineralien in Zahnbelag entsteht. Zahlreiche Nahrungsbestandteile haben darin die Jahrtausende überdauert, wie die Analysen der Wissenschaftler zeigten.

Die Untersuchungen offenbarten Stärkekörnchen aus einem breiten Spektrum pflanzlicher Kost: Wildgräser, Hülsenfrüchte, Wurzeln und Knollen. Die Struktur einiger dieser Partikel weißt eindeutig auf die Einwirkung von Hitze durch Kochen hin, sagen die Forscher – sowohl bei den fossilen Zähnen aus Belgien als auch bei den Funden aus dem Irak. Daraus leiten die Wissenschaftler ihre Schussfolgerung ab, die Neandertaler seinen sehr wohl schon in der Lage gewesen, pflanzliche Nahrungsquellen ihrer jeweiligen Umwelt zu nutzen und durch Zubereitung leichter genießbar zu machen. Das hätten sie offensichtlich auch regelmäßig getan. Somit bestehe diesbezüglich kein prinzipieller Unterschied zum modernen Menschen.

Amanda Henry (Center for Advanced Study of Hominid Paleobiology, Washington) et al.: PNAS, Onlinevorabveröffentlichung, doi: 10.1073/pnas.1016868108 dapd/wissenschaft.de ? Martin Vieweg
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