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Historische Dokumente

Verschlossener Brief „virtuell“ geöffnet

Die „virtuelle Entfaltung“ dieses Briefs hat einen Einblick in die schriftliche Kommunikation und ihre Form am Ende des 17. Jahrhunderts geliefert. (Bild: Courtesy of the Unlocking History Research Group archive)

300 Jahre lang blieb er versiegelt und ungelesen: Mithilfe eines zahnmedizinischen Röntgenscanners und Algorithmen haben Forscher einem „kryptisch“ gefalteten Brief zerstörungsfrei Geheimnisse entlockt: Er ließ sich virtuell entfalten und lesen. Damit konnten sie zeigen, dass das Verfahren neben Einblicken in Texte auch Informationen über die historische Faltkunst liefern kann, die Dokumente einst vor der Einsicht durch Unbefugte bewahren sollte.

Die bis heute üblichen standardisierten Briefumschläge dominieren erst seit den 1830er Jahren das Postwesen – zuvor wurden sie individuell angefertigt – und das mit teils erheblichem Aufwand: Neben Wachssiegeln und weiteren Verfahren kamen spezielle Falttechniken zum Einsatz, um ein flaches Blatt Papier in ein komplexes Briefpaket zu verwandeln, das sich nicht zerstörungsfrei öffnen ließ. Dieses sogenannte Letterlocking sollte der Wahrung des Briefgeheimnisses dienen: Ein Empfänger konnte erkennen, dass ihn ein Brief ungeöffnet erreicht. Es handelte sich bei den Verfahren somit um Vorläufer der modernen Kryptographie.

Ungeöffnete Briefe im Visier

Die historischen Techniken des Letterlockings zu untersuchen, ist allerdings problematisch, denn meist liegen die alten Dokumente natürlich in geöffneter Form vor. Doch es gibt Ausnahmen: Eine Sammlung von nicht zugestellten Briefen im Besitz des Postmuseums in Den Haag umfasst auch viele noch bislang ungeöffnete Exemplare. Es handelt sich um Briefe aus ganz Europa, die zwischen 1680 und 1706 verschickt worden waren. Bisher konnten auch diese Briefe nur untersucht und gelesen werden, indem man sie aufschnitt, wodurch sie beschädigt wurden. Doch das internationale Forscherteam präsentieren nun ein Verfahren, das eine zerstörungsfreie Untersuchung der Texte sowie ihrer Sicherungssysteme ermöglicht.

Wie die Wissenschaftler berichten, verwendeten sie zur Erkennung der Schrift und der Materialstrukturen einen Röntgenscanner, der ursprünglich für die zahnmedizinische Forschung entwickelt wurde. Durch Computerberechnungen war dann auch eine virtuelle Entfaltung möglich. „Der Röntgenscanner besitzt eine extrem hohe Empfindlichkeit, um den Mineralgehalt von Zähnen abzubilden“, erklärt Co-Autor Graham Davis von der Queen Mary University of London. „Dies ermöglicht es auch, bestimmte Arten von Tinte in Papier und Pergament zu detektieren.“ Sein Kollege David Mills ergänzt: „So sind wir in der Lage, die Geschichten zu durchleuchten. Außerdem können die Scan-Bilder genutzt werden, um sie in virtuelle Briefe zu verwandeln, die man am Computer öffnen und lesen kann“, so der Wissenschaftler.

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Einblick in Inhalt und Faltung

Dieser Prozess offenbarte den Inhalt eines ungeöffneten Briefs aus der Sammlung, der auf den 31. Juli 1697 datiert ist. Wie sich zeigte, handelte es sich um die Anfrage eines Jacques Sennacques an seinen Cousin Pierre Le Pers. Er bittet den französischen Kaufmann in dem Brief um die Zusendung einer beglaubigten Kopie einer Todesanzeige eines Daniel Le Pers. Neben dem Text deckte das Verfahren auch ein Wasserzeichen in der Mitte des Papiers auf, das einen Vogel darstellt. Was die Herstellung des Briefs betrifft, stellten die Forscher fest: Er wurde zwar durch spezielle Faltungen mit dem sogenannten Letterlocking-System versehen, allerdings nicht in sehr komplexer Weise: Im Rahmen des Kategorisierungssystems, das die Forscher ebenfalls in ihrer Studie präsentieren, ordnen sie die Sicherheitsstufe dieses Briefs als vergleichsweise gering ein.

Die Forscher hoffen nun, dass ihre Methode dazu beitragen kann, weitere historische Texte aufzudecken, wobei gleichzeitig Einblicke in die historische Version der Kryptographie möglich werden. „Es zeigt sich, dass Briefe viel aufschlussreicher sein können, wenn man sie ungeöffnet lässt. Die virtuelle Entfaltung zu nutzen, um eine persönliche Geschichte zu lesen, die so lange verborgen geblieben ist – und nicht einmal ihren Empfänger erreicht hat – ist etwas ganz Besonders“, so die Forscher.

Quelle: Queen Mary University of London, Fachartikel: Nature Communications, doi: 10.1038/s41467-021-21326-w

Video: Credit: Unlocking History Research Group

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