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Kirche aus ottonischer Zeit

Verschollene Pfalz gibt Geheimnisse preis

Archäologen decken auf, was zuvor im Ackerland schlummerte. (Luftbild der Grabungsfläche: Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt, Thomas Koiki)

Einst thronte eine Basilika neben Repräsentationsgebäuden auf einer Anhöhe nahe der Lutherstadt Eisleben: Archäologen berichten über die Spuren eines 30 Meter langen Kirchenbaus auf dem Gelände der vor einigen Jahren wiederentdeckten Königspfalz Helfta. Den Befunden und historischen Quellen zufolge handelt es sich um die Überreste der verschollenen Radegundiskirche. Otto der Große hatte sie vor über 1000 Jahren errichten lassen – am Ende des Mittelalters wurden die Basilika und alle Gebäude der Anlage dann komplett abgetragen. Die Archäologen hoffen nun auf weitere Spuren des ottonischen Herrschersitzes zu stoßen.

Lange war nur aus historischen Schriften bekannt, dass sich einst im Bereich des heutigen Helfta vor den Toren der Lutherstadt Eisleben ein bedeutender Ort der Geschichte befand: Im späten 9. Jahrhundert wird er als „Helpide“ und „Helphideburg“ erwähnt. Im 10. Jahrhundert sind dort dann Aufenthalte Ottos des Großen (912 bis 973) – des Königs des Ostfrankenreiches und ab 962 römisch-deutschen Kaisers – sowie seines Sohnes, Otto II. (955 bis 983), belegt. Somit handelte es sich um eine der Königspfalzen der ottonischen Herrscher. Dem später geschleiften und dadurch verschollenen Gebäudekomplex sind bereits vor einigen Jahren Archäologen des Landesamtes für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt (LDA) auf die Spur gekommen: Aus geophysikalischen Untersuchungen des Untergrunds ging hervor, dass der ausgedehnte Siedlungs- und Befestigungskomplex einst auf einem Areal stand, dessen Zentrum die Anhöhe „Kleine Klaus“ bildete.

Die verschollene Radegundiskirche taucht auf

Gewandspange aus dem 9. Jh. (Bild: Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt, Friederike Hertel)

Seit Anfang Mai 2021 führen dort nun Archäologen des LDA Grabungen durch. Wie sie berichten, förderten sie bereits spannende Funde zutage. Den Untersuchungsschwerpunkt bilden dabei momentan die Überreste einer großen Kirche auf dem Gelände. Die Spuren der Baustrukturen zeigen eine etwa 30 Meter lange, dreischiffige Basilika mit Querschiff. Zudem stießen die Archäologen auf Münzen, kunstvoll mit Emaille verzierte Gewandspangen, Trachtstücke, Pilgerzeichen, Tonscherben und mehr. Sie stammen aus der Karolinger- und Ottonenzeit, reichen aber auch bis zum Ende des Mittelalters. Die einstige Pracht der Kirche lassen außerdem Relikte der Ausstattung erahnen: Unter anderem handelt es sich dabei um ein romanisches Bronzekruzifix mit Emaille und große Bruchstücke einer Glocke.

Die Kirche war offenbar auch ein wichtiger Bestattungsort: Die Archäologen deckten teils aufwändig gestaltete Gräber im Kirchenareal und um das Gebäude herum auf. Es zeichnet sich ab, dass das eindrucksvolle Gotteshaus vom 10. Jahrhundert an etwa 500 Jahre lang die Gegend dominierte. Im Rahmen der Reformation wurden die Mauern der Basilika dann allerdings komplett abgetragen, berichtet LDA. Aus den Befunden geht somit klar hervor, dass es sich um die verschollene Radegundiskirche gehandelt hat.

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Geheimnisvoller Hotspot der Archäologie

Wichtige Informationen über dieses Gebäude stammen dabei von dem berühmten Geschichtsschreiber Thietmar von Merseburg. Er erwähnt die Kirche in seiner zwischen 1012 und 1018 verfassten Chronik zweimal. Er berichtet, dass Otto der Große sie der heilig gesprochenen Thüringerprinzessin Radegundis hatte weihen lassen. Der Herrscher war laut Thietmar auch höchstselbst anwesend, als Bischof Bernhard von Halberstadt das Gotteshaus feierlich einweihte. Die außergewöhnlich stattliche Kirche zeigt, dass die Pfalz Helfta für Otto den Großen eine besondere Bedeutung besaß – worin diese genau bestand, bleibt allerdings unklar, schreibt das LDA.

Einblicke können vielleicht die weiteren Forschungsgrabungen liefern, die auch größere Flächen im Umfeld des Gotteshauses umfassen werden. Die Archäologen hoffen dabei auf Spuren der einstigen Befestigungsanlagen, Siedlungsstrukturen und der steinernen Repräsentationsarchitektur zu stoßen. Man kann also gespannt sein, was sie an dem geheimnisvollen Ort noch aufdecken werden – an dem einst wohl Reichsgeschichte geschrieben wurde.

Quelle: Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt

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