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Geschichte Zürichs

Verstrickung in die Sklaverei aufgezeigt

Viele Strukturen und Drahtzieher ermöglichten das internationale Menschheitsverbrechen der Sklaverei. (Bild: Historische Abbildung eines Sklavenschiffs, Grafissimo/istock)

Das Beispiel Zürichs zeigt, wie weitreichend die Sklaverei in die europäische Wirtschaft des 18. und 19. Jahrhundert verwoben war: Die Stadt und einige ihrer teils prominenten Familien waren durch Staatsanleihen, Handel und Plantagen in das menschenverachtende System eingebunden. Ähnlich wie andere Städte Europas investierte auch dieses Zentrum der Schweiz in das Elend der Sklaverei und strich die Profite ein. Dies berichten Historiker, die im Auftrag der Stadt Zürich Licht auf diesen dunklen Punkt der Geschichte werfen sollten.

Es ist ein besonders grauenvolles Beispiel für das finstere Potenzial des Menschen: Schätzungen zufolge wurden im Zeitalter der Sklaverei rund 12,5 Millionen Menschen unter brutalsten Bedingungen aus Afrika in die neue Welt verschleppt und dort zur Arbeit gezwungen. Knapp zwei Millionen von ihnen starben bereits durch die katastrophalen Zustände während der Überfahrt. Die Grundlagen dieses Systems bildeten dabei Menschenverachtung und die Gier nach Profit und Produkten wie Kaffee, Zucker oder Baumwolle.

Blick auf ein dunkles Kapitel

So avancierte die Sklaverei vom 16. bis zum 19. Jahrhundert zu einem wichtigen Element des Wirtschaftssystems der Neuzeit. „Es entstanden weiträumige Verflechtungen, aus denen die transatlantische wirtschaftliche und kulturelle Gemeinschaft hervorging, die heute als ‚der Westen‘ bekannt ist“, schreiben die Historiker der Universität Zürich in ihrer Veröffentlichung. Im Rahmen dieser Studie haben sie sich nun der Aufklärung der Verflechtung ihrer Heimatstadt und ihrer Bürger gewidmet. Sie werteten dazu zahlreiche Quellen und Dokumente aus dem Stadtarchiv und weiteren Einrichtungen aus.

Sie konnten dokumentieren, dass sich ähnlich wie andere Städte der Ära auch Zürich an der Finanzierung des transatlantischen Sklavenhandels beteiligt hat. So kaufte die Stadt im 18. Jahrhundert Anteile der „South Sea Company“, einer englischen Gesellschaft, die im Sklavenhandel aktiv war. In der Zeit der Zürcher Beteiligung verschleppte diese Gesellschaft 8636 Menschen aus Afrika über den Atlantik nach Amerika. In diesem Zeitraum verschiffte sie zudem 27.858 Sklaven vorallem von britischen Inseln wie Jamaika und Barbados weiter in spanische Kolonialgebiete. „Somit war die Stadt Zürich finanziell an der Verschleppung von insgesamt 36.494 Menschen beteiligt“, sagt Co-Autor Frank Schubert.

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Direkte und indirekte Beteiligung

Zudem investierte die Stadt Zürich in die Sklaverei über die halbstaatliche „Zinskommission Leu“: Sie kaufte dänische Staatsanleihen, die der Finanzierung der Sklavereiwirtschaft auf den damaligen Dänischen Antillen dienten. Dort arbeiteten mehrere tausend Sklaven und die Insel St. Thomas dieses Archipels entwickelte sich zu einem Umschlagplatz für den Sklavenhandel. „Durch diese Engagements finanzierte Zürcher Kapital einen kleinen, aber nicht unbedeutenden Teil des Sklavenhandels und der kolonialen Plantagen- und Sklavereiwirtschaft“, sagt Schubert.

Wie die Historiker weiter berichten, profitierte Zürich neben diesen Direktinvestitionen auch über seine bedeutende Textilwirtschaft indirekt von der Sklaverei. Beispielsweise wurden auch in Zürich die sogenannten Indienne-Stoffe hergestellt, die ein typisches Tauschgut für den Kauf von Sklaven in Westafrika darstellten. Zudem bezog die Baumwollindustrie im 19. Jahrhundert ihren Rohstoff vor allem von den Sklavenplantagen im Süden der USA.
Die Züricher Textilindustrie bildete wiederum die Grundlage für die Entwicklung von Industrie- und Wirtschaftsbetrieben, die sich vor allem im 20. Jahrhundert zu führenden Unternehmen der schweizerischen Volkswirtschaft entwickelten und maßgeblich zum Wohlstand der Schweiz beitrugen, betonen die Historiker.

Beitrag zur Erinnerungskultur geplant

Als prominentestes Beispiel der zahlreichen Züricher Familien, die mit der Sklaverei in unterschiedlichster Art verbunden waren, heben sie die Familie Escher hervor. Ihr entstammte Alfred Escher (1819 bis 1882) der als einer der Gründerväter der modernen Schweiz gilt. Es ist bekannt, dass er sich vor Gericht gegen Anschuldigungen wehrte, die seiner Familie Beteiligung an dem damals moralisch nicht mehr akzeptablen „Geschäft“ vorwarfen. Den Historikern zufolge besaß Alfred Escher zwar selbst weder Plantagen noch Sklaven. Doch seine Familie war tatsächlich auf vielfältige Weise in die Sklaverei verwickelt: Sein Großvater Hans Caspar Escher war der Finanzier mindestens eines Sklavenschiffes, sein Vater Heinrich ein erfolgreicher Händler und Investor in den USA und sein Onkel Friedrich Ludwig der Betreiber der Kaffeeplantage Buen Retiro mit mehr als 80 Sklaven auf Kuba.

Vor dem Hintergrund ihrer Ergebnisse und der international geführten Debatte um Denkmäler und die Erinnerungskultur zur Sklaverei, schlagen die Historiker nun vor, dass auch die Stadt Zürich ihrer Beteiligung an dem System in angemessener Form gedenkt. Die Zürcher Stadtpräsidentin Corine Mauch sagt dazu: „Wir dürfen die Augen vor der kolonialen Vergangenheit der Stadt Zürich nicht verschließen. Die Stadt will nun prüfen, wie das Thema im öffentlichen Raum in zeitgemäßer Form sicht- und erinnerbar gemacht werden kann“, so die Politikerin.

Quell: Universität Zürich, Veröffentlichung: Bericht zur Sklaverei

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