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Archäogenetik

Verwandten-Heirat in der Bronzezeit-Ägäis

Die Darstellung einer minoischen Göttin, die DNA-Ketten statt Schlangen in den Händen hält, dient als ein Symbol für die Studie. © Eva Skourtanioti

Partnerwahl im engen Kreis: In den alten Kulturen der Minoer und Mykener kamen Verbindungen zwischen Cousin und Cousine ersten Grades erstaunlich häufig vor, berichten Forscher. Dies zeigen genetische Spuren in den Genomen von zahlreichen Personen, die in der Bronzezeit auf Kreta, dem griechischen Festland und den ägäischen Inseln gelebt haben.

Die moderne Genetik hat in viele Forschungsbereiche Einzug gehalten – so auch in die Archäologie: Durch die Untersuchung von Erbgutresten, die sich menschlichen Funden manchmal noch entlocken lassen, sind Rückschlüsse auf verschiedenen Ebenen möglich: Übergeordnet kann sich die Entwicklungsgeschichte von ganzen Populationen abzeichnen. Aber auch die individuellen verwandtschaftlichen Hintergründe von Menschen können sich im Erbgut widerspiegeln. Die aktuelle Studie des internationalen Forscherteams um Eirini Skourtanioti vom Max-Planck-Institut (MPI EVA) für evolutionäre Anthropologie in Leipzig liefert nun Informationen auf beiden Ebenen.

Die alte Ägäis im Spiegel der Genetik

Für die Studie haben die Wissenschaftler fossile DNA von insgesamt 102 Menschen analysiert, die von der Jungsteinzeit bis zur Eisenzeit in der Ägäis und auf Kreta gelebt haben. Einige stammten demnach aus dem minoischen Kulturkreis, andere aus dem mykenischen und die ältesten sind deren jungsteinzeitlichen Vorgängerkulturen zuzuordnen. Wie die Forscher betonen, haben es erst jüngste methodische Fortschritte ermöglicht, auch in Regionen mit klimabedingt problematischer DNA-Erhaltung wie Griechenland umfangreiche Daten zu gewinnen.

Zunächst berichten das Team über genetische Hinweise, die Bevölkerungsentwicklungen in der Region im Verlauf des Untersuchungszeitraums beleuchten. Demnach besaßen die frühen Bauern in der Ägäis, einschließlich Kretas, eine gemeinsame Abstammung. Am Ende der Jungsteinzeit und der frühen Bronzezeit zeichnen sich dann genetische Veränderungen ab, die besonders auf Kreta überwiegend anatolischen Ursprungs waren. In der mittleren Bronzezeit kam es auf dem griechischen Festland dann offenbar zu einem verstärkten Zustrom von mittel- und osteuropäischen Menschen. Deren genetische Merkmale erreichten dann ab dem 17. Jahrhundert v. Chr. zunehmend auch Kreta, berichten die Forscher.

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Häufige Cousin-Cousine-Ehen

Die Studie lieferte aber auch Informationen über die individuellen genetischen Hintergründe der Menschen. Im Fall einer mykenischen Familie, deren Mitglieder in einem Gemeinschaftsgrab bestattet wurden, ist es den Forschern sogar gelungen, einen detaillierten Stammbaum zu rekonstruieren. Das überraschendste Ergebnis bildeten allerdings die Hinweise auf die Heiratspraktiken im minoischen Kreta und dem mykenischen Griechenland: In den genetischen Merkmalen der Menschen spiegelte sich wider, dass es in beiden Kulturkreisen vor rund 4000 Jahren üblich war, nahe Verwandte zu heiraten. Konkret handelte es sich dabei wohl um Verbindungen zwischen Cousin und Cousine ersten Grades.

Entsprechende genetische Muster zeichnen sich bei über 30 Prozent der untersuchten Individuen ab, berichten die Forscher. Auf manchen Inseln scheinen sogar etwa die Hälfte der Verbindungen im engeren Verwandtschaftskreis geknüpft worden zu sein. „Mehr als tausend alte Genome aus den verschiedensten Regionen der Welt sind inzwischen publiziert, aber so ein strenges System der Verwandten-Heirat scheint es sonst nirgendwo in der Antike gegeben zu haben. Das kam für uns alle völlig überraschend und wirft viele Fragen auf“, sagt Skourtanioti.

Partnermangel war wohl nicht der ausschlaggebende Grund für diese Form der sogenannten Endogamie, denn aus den genetischen Daten geht auch hervor, dass die Populationen wohl nicht kritisch klein waren, sagen die Forscher. Wie diese besonderen Heiratspraktiken zu erklären sind, bleibt somit spekulativ: „Vielleicht wollte man auf diese Weise verhindern, dass das ererbte Ackerland immer weiter aufgeteilt wurde. Auf jeden Fall garantierte es eine gewisse Kontinuität der Familie an einem Ort, was etwa für den Anbau von Oliven und Wein eine wichtige Voraussetzung ist“, so Seniorautor Philipp Stockhammer vom MPI EVA. Abschließend sagt Skourtanioti dazu: „Sicher ist, dass die Analyse alter Genome uns auch in Zukunft fantastische, neue Einblicke in antike Familienstrukturen ermöglichen wird“.

Quelle: Max-Planck-Instituts für evolutionäre Anthropologie, Fachartikel: Nature Ecology & Evolution, doi: 10.1038/s41559-022-01952-3

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