Vietnamkrieg: Giftiges Erbe bis heute - wissenschaft.de
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Geschichte+Archäologie

Vietnamkrieg: Giftiges Erbe bis heute

Vietnam
Nach Agent-Orange-Einsatz im Jahr 1969 entlaubtes Gebiet in Südvietnam. (Bild: US Army/ John Crivello)

Der Vietnamkrieg ist seit gut 50 Jahren vorbei, aber sein giftiges Erbe existiert noch immer: Vor allem die Böden und Gewässer rund um die ehemaligen US-Stützpunkte in Südvietnam sind bis heute mit gefährlichen Konzentrationen des hochgiftigen Dioxins TCDD verseucht, wie Forscher berichten. Weil das Gift im Boden und Sediment vor dem Abbau bewahrt wurde, ist noch rund die Hälfte des damals mit dem Herbizid Agent Orange ausgebrachten Dioxins erhalten – und gelangt noch immer in die Nahrungskette.

Agent Orange war der Codename für ein Ende der 1960er Jahre im Vietnamkrieg eingesetztes Entlaubungsmittel. Das aus zwei Komponenten bestehende Herbizid brachte Bäume und Pflanzen dazu, ihre Blätter abzuwerfen – so wollten die US-Streitkräfte den feindlichen Vietkong ihre Deckung nehmen und die Zivilbevölkerung aus den Dörfern vertreiben. Denn der Vietkong nutzte den Schutz des Regenwalds, um mittels Guerilla-Taktik gegen die US-Truppen und ihre Stützpunkte vorzugehen.

Agent Orange und das Dioxin

Im Laufe des Vietnamkrieges versprühten die US-Streitkräfte 80 Millionen Liter Agent Orange über Vietnam, wie Kenneth Ray Olson von der University of Illinois erklärt. Besonders stark und mehrfach wiederholt wurde das Mittel im Süden des Landes eingesetzt, wo die Vietkong mit ihrem Ho-Chi-Minh-Pfad ein dichtes System aus Tunneln und versteckten Pfaden konstruiert hatten, durch das sie ungesehen aus dem benachbarten Kambodscha nach Vietnam gelangen konnten.

„Agent Orange hatte eine kurze Halbwertszeit und wurde schnell abgebaut. Dadurch blieb es nur über wenige Tage bis maximal einige Wochen für die Pflanzen giftig“, erklären Olson und seine Kollegin Lois Wright Morton von der Iowa State University. „Es wurden daher wiederholte Anwendungen nötig, weil die Vegetation nachwuchs.“ Doch was damals keiner ahnte: Bei der Produktion des Herbizids hatte sich ein auch für Menschen hochtoxisches Gift gebildet: 2,3,7,8-Tetrachlorodibenzodioxin, kurz TCDD. „TCDD ist das giftigste aller Dioxine und dioxinähnlicher Verbindungen“, sagen die Forscher. Es gilt als hochgradig krebserregend und kann zu Missbildungen und Unfruchtbarkeit führen.

Nach Schätzungen von US-Forschern wurden während des Vietnamkrieges zwischen 110 und 180 Kilogramm TCDD in Südvietnam freigesetzt. „Zwischen 1962 und 1971 wurden mehr als 20 Prozent der südvietnamesischen Wälder ein oder mehrmals gespritzt, dazu kamen rund zehn Millionen Hektar landwirtschaftliches Gebiet“, berichten die Forscher. „Als Folge lagen die Dioxinwerte in Böden und Gewässern mehrere hundertmal über den TCDD-Werten, die damals noch als sicher galten.“ Dazu kamen Freisetzungen von Agent Organe und damit auch Dioxin durch Lecks in den Behältern, die vor allem im US-Stützpunkt Bien Hoa gelagert und in die Spritzhubschrauer und -flugzeuge umgefüllt wurden.

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Hochgradig verseucht

Doch wie viel Dioxin ist heute noch in Böden und Gewässern Vietnams enthalten? „Die bisher existierende Forschung zu Agent Orange und Dioxin hat sich vor allem auf die medizinischen Aspekte konzentriert, unter anderem auf die Spätfolgen für US-Soldaten und Bevölkerung“, sagt Olson. „Wir wollten wissen, wie stark das Dioxin bis heute in den Böden, dem Wasser und in der Nahrungskette vorhanden ist und wie es die natürlichen Ressourcen Vietnams kontaminiert.“ Dafür werteten die Forscher umfangreiche Dokumente und Berichte der US-Armee und von der Hilfsorganisation US-Aid aus.

Das Ergebnis: In der Umwelt vor allem rund um die ehemaligen US-Stützpunkte ist weit mehr Dioxin in Boden und Wasser enthalten als lange angenommen. Allein in Bien Hoa waren 750 von 1300 Bodenproben noch immer mit Dioxin verseucht. „Dem US-Aid-Bericht nach sind dort zwischen 408.500 und 495.300 Quadratmeter Boden und Sediment kontaminiert“, berichten Olson und Wright Morton. Insgesamt identifizieren sie zehn ehemalige US-Standorte, in deren Umgebung die Umwelt noch immer gefährlich hohe Konzentrationen von Dioxid enthält. „Rund 50 Jahre nach der Tet-Offensive ist noch rund die Hälfte des damals ausgebrachten Dioxins in den Böden und Gewässern rund um die Air-Force-Basen vorhanden“, berichten die Forscher.

Dioxin in Fisch und Wassertieren

Zwar wird Dioxin schnell abgebaut, wenn es verdunstet oder dem direkten Sonnenlicht ausgesetzt ist. „Aber unter der Bodenoberfläche kann TCDD jahrzehntelang giftig bleiben“, so die Wissenschaftler. Hinzu kommt, dass der Grund vieler Gewässer mehr als 100 Jahre lang gesundheitsschädliche Dioxin-Konzentrationen enthalten kann, wie sie berichten. „Das TCDD in diesen Sedimentpartikeln kann zurück ins Wasser gelangen, wenn der Gewässergrund aufgewühlt und das Sediment wieder im Wasser verteilt wird“, erklärt Olson.

Das Fatale daran: In den Gewässern der verseuchten Gebiete werden Fische und andere Wassertiere gefangen und als Nahrung genutzt – und auch sie sind verseucht. „Zwar wurde das Züchten und Verkaufen von Fisch verboten, aber dieses Verbot war wenig effektiv“, so die Forscher. Denn für viele Vietnamesen der ländlichen Regionen ist Fisch ein wichtiger Eiweißlieferant in der täglichen Ernährung und der Handel mit Fisch eine wichtige Einkommensquelle. „Als Folge stellt der Verzehr von Fisch und Wassertieren aus dieser Region weiterhin ein hohes Risiko für die menschliche Gesundheit dar“, warnen die Forscher.

Nach Ansicht von Olson und Wright Morton müssten die verseuchten Gebiete dringend dekontaminiert werden. Sie empfehlen, dafür den Boden oder das verseuchte Wassersediment auszubaggern und zunächst zu trocknen. Dann müsste dieses auf 870 bis 1200 Grad erhitzt werden, um das Dioxin endgültig zu zerstören. „Zwar ist die Verbrennung die teuerste der bisher verfügbaren Technologien, aber dafür würde es das Dioxin eliminieren“, so die Forscher. Auf Deponien wäre es dagegen weiterhin eine potenzielle Gefahr für Mensch und Umwelt.

Quelle: University of Illinois, Fachartikel: Open Journal of Soil Science, doi: 10.4236/ojss.2019.91001

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