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Altes Ägypten

Vogelmumien: Wild- oder Zuchttiere?

Einem mumifizierten Adlerbussard wird eine Probe entnommen. (Bild: Romain Amiot/LGL-TPE/CNRS)

Sie symbolisierten die Götter Thot und Horus: Ibisse und Raubvögel wurden im Reich der Pharaonen geradezu im industriellen Maßstab mumifiziert und anschließend rituell bestattet. Eine Studie wirft nun Licht auf die Frage, ob die Ägypter den enormen Bedarf an den Vögeln durch Wildfänge oder durch eine systematische Zucht deckten. Die Ergebnisse der Isotopenanalysen legen nahe, dass die Wildvogelpopulationen am Nil schon früh erheblich dezimiert wurden.

Sorgfältig präparierten sie ihre Toten, um sie vor dem Verfall zu bewahren – doch die alten Ägypter mumifizierten nicht nur Menschen: Sie wendeten das Verfahren auch auf Tiere an, die in ihrer Religion eine symbolische Bedeutung besaßen. Vor allem wurden Katzen sowie Ibisse und Raubvögel mumifiziert – und zwar massenweise: Vom Alten Reich (3. Jahrtausend v. Chr.) bis zur Römerzeit (1. bis 3. Jh. n. Chr.) wurden Millionen von Vogelmumien produziert und rituell bestattet, wie aus zahlreichen Funden in den Nekropolen des Reichs am Nil hervorgeht.

Dem Ursprung auf der Spur

Im Fall der Katzen liegt nahe, dass sie gezüchtet wurden. Doch woher die Vögel stammten, wird unter Ägyptologen nach wie vor kontrovers diskutiert. Manche sehen in bestimmten Texten Hinweise darauf, dass die Vögel in Farmen gezüchtet wurden, um einen stetigen Nachschub für die „Mumienindustrie“ im Umfeld der Tempelanlagen zu gewährleisten. Im Fall der Ibisse ließ das Ergebnis einer genetischen Studie dies jedoch bereits bezweifeln. Die mumifizierten Tiere besaßen demnach deutlich unterschiedliche Erbgutmerkmale, was eher für Wildfänge spricht als für Tiere aus Zuchtlinien.

Um neue Hinweise zur Herkunft der Ibisse und auch der für die Mumifizierung verwendeten Raubvögel zu gewinnen, haben die Forscher um Marie Linglin von der Universität Lyon nun eine weitere Untersuchungsmethode angewendet: Wie sie erklären, lassen Isotopenanalysen Rückschlüsse auf die Ernährungsweise zu sowie darauf, wo Tiere oder Menschen einst gelebt haben. Im Rahmen der Studie haben die Wissenschaftler winzige Fragmente von Federn und Knochen von 20 Ibis- und Raubvogelmumien aus der Sammlung des Musée des Confluences in Lyon untersucht. In diesen Proben erfassten sie die Signaturen der Isotope von Sauerstoff, Kohlenstoff, Stickstoff, Schwefel und Strontium. Die Vogelmumien wurden zudem einer Datierung mit der Kohlenstoff-14-Methode unterzogen. Die Ergebnisse wurden anschließend mit denen von menschlichen Mumien der gleichen Fundorte und aus der gleichen Zeit verglichen.

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Offenbar Wildfänge

Wie die Forscher erklären, würde für eine Zucht sprechen, wenn sich Hinweise auf eine einheitliche Nahrung von lokaler Herkunft ergeben würden. Die Isotopensignaturen müssten zudem denen der damals koexistierenden Ägypter an den jeweiligen Fundorten ähneln. Doch wie die Wissenschaftler berichten, war das nicht der Fall. Aus den Isotopenwerten ging hervor, dass die Ibisse zwar Nahrung aus dem Niltal zu sich genommen hatten, jedoch mit einer deutlich höheren Streuung als bei der Ernährung der Menschen an den Fundorten. Das bedeutet: Es handelte sich wohl um Wildvögel, die im Verlauf ihres Lebens in verschieden Bereichen des Nils und seiner Nebenflüsse gelebt haben.

Bei den Raubvögeln ist das Ergebnis sogar noch klarer: Die Isotopenzusammensetzungen weisen eine hohe Variabilität und „exotische“ Signaturen im Vergleich zu denen der altägyptischen Menschen auf, berichten die Wissenschaftler. Dies passt zu der Tatsache, dass die freilebenden Raubvögel der untersuchten Arten ein saisonales Zugverhalten zeigen, das sie in ihrem Leben an sehr weit voneinander entfernte Orte bringt. Bei den mumifizierten Raubvögeln handelte es sich demnach um Wildfänge und auch im Fall der Ibisse gehen die Forscher nun davon aus, dass zumindest die meisten der Tiere durch Jagd beschafft wurden. Großangelegte Zuchtanlagen erscheinen unwahrscheinlich, resümieren die Forscher.

Ihnen zufolge gibt es auch in Abbildungen Hinweise darauf, dass die alten Ägypten Vögel massenweise einfingen. Im berühmten Grab des altägyptischen Beamten „Nacht“ in der Nekropole von Theben-West ist beispielsweise eine solche Szene dargestellt. Abschließend stellen die Wissenschaftler fest: Vor dem Hintergrund des enormen Bedarfs für die Mumifizierung liegt nahe, dass bereits die alten Ägypter einen erheblichen ökologischen Druck auf die Wildvogelpopulationen ausgeübt haben.

Quelle: CNRS, Fachartikel: Scientific Reports, doi: 10.1038/s41598-020-72326-7

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