Anfänge des Risorgimento Von Angesicht zu Angesicht - wissenschaft.de
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Anfänge des Risorgimento

Von Angesicht zu Angesicht

Die Kopfrekonstruktion bestätigt, dass es sich bei der Skythin um eine Frau „europiden Typs“ handelte. Foto: Peter Haag-Kirchner/Historisches Museum der Pfalz Speyer

Vor mehr als 2000 Jahren wurde eine junge Skythin im Altai-Gebirge nahe des Flusses Ak-Alacha bestattet. Ihre Grabbeigaben zeugen von einem Leben als Kriegerin und beschwören Erinnerungen an die mythischen Amazonen herauf. In der aktuellen Schau „Amazonen – Geheimnisvolle Kriegerinnen“ zeigt das Historische Museum der Pfalz neben Schmuck, Waffen und Gerätschaften, die an ihrer Seite gefunden wurden, auch das Skelett der jungen Frau. Wer war diese Kriegerin, woher stammte sie und wie sah sie aus? Das Historische Museum der Pfalz stellte sich der schwierigen Herausforderung, das Gesicht der Kriegerin zu rekonstruieren, mit dem Ziel, das Rätsel ihrer Herkunft zu lösen und der wissenschaftlichen Forschung zum Volk der Skythen eine wichtige Wendung zu geben.

Für die Wissenschaft bietet die einzigartige Gesichtsrekonstruktion, die erstmals vom Historischen Museum der Pfalz realisiert wurde, einen wichtigen Schritt in der aktuellen Forschung. Nach anthropologischen Untersuchungen gingen die Forscher bisher davon aus, dass es sich bei der Skythin um eine Frau europiden Typs handelte. Und das, obwohl sie im mongolisch-chinesischen Grenzgebiet lebte. Bereits eine erste Rekonstruktionszeichnung, die kurze Zeit nach der Ausgrabung Anfang der 1990er Jahre erstellt wurde, schien diese Folgerung zu bestätigen. Mit der nun angefertigten Rekonstruktion, die auf Basis des Originalschädels hergestellt wurde, hat das Historische Museum der Pfalz Gewissheit geschaffen: Auch hier zeigen sich deutlich die europiden Züge. Zwischen den Altai-Skythen europiden Typs und den Skythen der ukrainischen Steppen gab es offenbar Verbindungen. Das spricht zum einen für die weite Verbreitung der skythischen Völker in der Eisenzeit und zum anderen für ihre nicht nur nach Westen, sondern auch nach Osten gerichteten Wanderbewegungen. Diese führten sie demnach bis weit nach Sibirien und ins Altai-Gebirge.

Modernste Technik, neueste wissenschaftliche Methoden und die Fachkenntnisse verschiedenster Experten waren nötig, um die Schädelknochen zu analysieren und der Kriegerin Schritt für Schritt ein Gesicht zu geben. Jahrhunderte und Jahrtausende im sibirischen Eis hatten zwar für die gute Erhaltung ihrer sterblichen Überreste gesorgt, ihr Schädel jedoch hatte unter dem Druck des Eises Schäden erlitten. Dieser Umstand erschwerte das ohnehin aufwändige Verfahren ungemein.

Um die Knochen zu schützen, wurde eine Replik des Schädels angefertigt. Voraussetzung dazu waren eine exakte Analyse und Vermessung der Knochen. Das wissenschaftliche Team des Historischen Museums der Pfalz arbeitete dabei eng mit der Hochschule für Technik und Wirtschaft in Aalen zusammen. Dort scannten die Experten per Computertomograph die Knochen und erstellten aus den Daten ein 3D-Modell. Allein dieser Vorgang nahm auf Grund der Schädeldeformation fünf Tage in Anspruch.

Im nächsten Schritt übergaben die Wissenschaftler das 3D-Modell an den Schweizer Präparator Marcel Nyffenegger, der für seine herausragenden Arbeiten bei der Weltmeisterschaft der Präparatoren in Salzburg 2008 mit der Goldmedaille ausgezeichnet wurde . „Der Schädel gibt Ansätze, Form und Dicke der Muskeln vor und zeigt, an welchen Stellen die Haut direkt auf dem Knochen zum Liegen kam“, erklärte Nyffenegger. Zwei Monate, von Mitte September bis Mitte Oktober 2010, setzte er die einzelnen Muskel- und Gewebeschichten zusammen, rekonstruierte Hautaufbau, Augen und Mimik. Das so entstandene Plastilin-Modell formte er in Silikon ab und goss die Form mit einer Gummimischung ab. Erst jetzt begann die mühevolle Arbeit, Augenbrauen, Wimpern und Kopfhaar einzusetzen. Mehr als 100.000 Strähnchen waren nötig, um das Haar realistisch nachzubilden.

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Archäologen entdeckten im Altai zahlreiche Gräber, bei denen sich durch Eis und Dauerfrost sogar die Haut der Verstorbenen erhalten hatte. Dadurch konnten die Forscher feststellen, dass die Krieger dieser Region ihre Körper mit aufwändigen Tätowierungen schmückten. Auch in Frauengräbern, z.B. bei der berühmten, 1993 gefundenen „Eisprinzessin“, waren solche als Tierbilder gestaltete Tätowierungen zu sehen. Daher geht die russische Archäologin Natalja Polos’mak, die an der Ausgrabung der in der Ausstellung zu sehenden Kriegerin von Ak-Alacha beteiligt war, davon aus, dass die sibirische Amazone ebenfalls eine Tätowierung gehabt haben muss. Allerdings hatte in diesem Fall keine Mumifizierung des Leichnams stattgefunden. Somit fehlte eine Originalvorlage für die Rekonstruktion. Präparator Nyffenegger empfand deshalb die Tätowierung einem Motiv nach, das auf den sterblichen Überresten einer weiteren Skythin aus Ak-Alacha gefunden wurde.

„Mit einer solchen Weichteilrekonstruktion, die sich rein am Knochenaufbau orientiert, erreichen wir eine Genauigkeit von 75 Prozent des einstigen Aussehens der Skythin“, erklärt Marcel Nyffenegger. „Die restlichen 25 Prozent bleiben Interpretation, da beispielsweise in unserem Fall Teile der Nasenknochen fehlten und dadurch eine genaue Rekonstruktion nicht möglich war.“ Ebenso bleibt bei der Frage nach Farbe der Augen, der Haare und der Haut Spielraum für Spekulation. Im Grab der jungen Frau haben sich bis auf einen dünnen braunen Haarzopf keine weiteren sterblichen Überreste erhalten. Für die aktuelle Forschung sind solche rein „kosmetischen“ Details jedoch nicht von Bedeutung.

Im südlichen Sibirien untersuchten Archäologen 1990 das Gräberfeld von Ak-Alacha im Hochland des Altai-Gebirges. Zu den spektakulärsten Funden zählte die außergewöhnliche Bestattung einer bewaffneten Reiterkriegerin. Die etwa 16jährige Frau lag zusammen mit einem Mann in einem Doppelgrab. Die Verstorbenen stammten aus der so genannten Pazyryk-Kultur, einem skythischen Reiternomadenvolk des 6. bis 3. Jh. v. Chr. Beide trugen die gleiche Kleidung und hatten zahlreiche funktionstüchtige Waffen bei sich. Dauerfrost hatte das Grab konserviert und so die Ausstattung der Toten erhalten, zu der auch neun Pferde gehörten.

Die junge Frau ist der östlichste Beleg für skythische Reiterkriegerinnen und zeigt, wie weit die Tradition von bewaffneten Frauen verbreitet war. Ihre Todesumstände sind bislang nicht geklärt. Vermutlich diente sie dem an einer Knochenkrankheit leidenden Mann als Stütze im Leben wie im Tod.

Die Ausstellung in Speyer ist noch bis zum 13. Februar 2011 geöffnet.

Quelle: Historisches Museum der Pfalz
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