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Von wegen Rentnerdemokratie

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Credit: Thinkstock
Deutschland bekommt zunehmend graue Schläfen: Das Durchschnittsalter der Bevölkerung steigt – der Prozentsatz der über 65-jährigen wird in den kommenden Jahren weiter anwachsen. Doch was bedeutet das für die Politik – droht uns eine Rentnerdemokratie, in der Parteien zu Lasten der Generationengerechtigkeit Politik machen? Eine Studie scheint nun die Klischees zu widerlegen: Ältere Menschen zeigen sich demnach bei politischen Entscheidungen tendenziell sogar zukunftsorientierter als jüngere.

Die Studie von Forschern der Bertelsmann Stiftung und des Rheingold Instituts basiert auf
Auswertungen von 54 jeweils zweistündigen tiefenpsychologischen Interviews. Die  Studienteilnehmern gehörten dabei drei Altersgruppen an: 19 bis 32, 33 bis 49 und 50 bis 70 Jahre. Durch die Auswahl der Befragten versuchten die Forscher eine aussagekräftige Stichprobe zu gewinnen. Einkommen, Geschlecht, Wohnort, Bildung und die Parteipräferenzen wurden innerhalb der Alterssegmente möglichst repräsentativ gewählt.  Ziel der Interviews war es, möglichst viel über die politischen Einstellungen der Befragten und den Grad ihrer darin zum Ausdruck kommenden Zukunfts- beziehungsweise Gegenwartsorientierung zu erfahren. Die Informationen wurden darüber hinaus durch Ergebnisse einer Repräsentativumfrage des Instituts für Demoskopie Allensbach ergänzt. Sie basieren auf insgesamt 1.621 persönlich-mündlichen Interviews.

Den Forschern zufolge zeichnete sich bei den Auswertungen ab: Die Wahlentscheidungen von Älteren sind vergleichsweise mehr von langfristigen Perspektiven geprägt. Die 19- bis 32 Jährigen richten sich hingegen eher nach individuellen Bedürfnissen aus und machen ihre Entscheidungen von der aktuellen Lebenssituation abhängig, berichten die Forscher. „Nicht die viel diskutierte Rentnerdemokratie, sondern die kurzfristigen politischen Entscheidungen der jüngeren Generation stellen die Langfristorientierung der Demokratie vor eine Herausforderung“, so das Fazit von Jörg Dräger, Vorstand der Bertelsmann Stiftung. Die Studienautoren nennen die Jüngeren deshalb die Generation „Wahl-O-Mat“ – nach einem Instrument, das bei der Orientierung in der Angebotsvielfalt der Parteien hilft.

Auch Kinder machen nicht wirklich zukunftsorientiert

Kinder verändern offenbar die Perspektiven von Menschen durchaus – aber in überraschender Weise, sagen die Forscher: Eltern äußern zwar den Anspruch, langfristig politisch handeln zu wollen, sind dabei aber oft nicht konsequent. So entsteht ein Paradox:  Die hohe Beanspruchung im Alltag führt zu einer größeren Orientierung an aktuellen Bedürfnissen, obwohl sich Eltern generell von den Parteien eine Politik wünschen, die sich langfristig am Wohl ihrer Kinder orientiert. 

Dass Ältere im Durchschnitt vergleichsweise zukunftsorientierte Perspektiven einnehmen, liegt den Forschern zufolge an ihrer tiefer verankerten politischen Weltanschauung, die aus den früheren politischen Verhältnissen herrührt. In den 1970er Jahren gaben noch 65 Prozent der Bevölkerung an, bei jeder Wahl dasselbe politische Lager oder dieselbe Partei zu wählen. Heute sagen dies nur noch 42 Prozent.

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Überforderung führt zum Blick auf die Gegenwart

Vor allem äußere Einflüsse führen laut der Studie dazu, dass die Zukunftsorientierung abnimmt. Viele Menschen äußern sich besorgt über die Weltwirtschafts- und Finanzkrise und fürchten Auswirkungen auf Deutschland. Aus einem Gefühl der Überforderung entsteht dann der Wunsch, den Status Quo zu bewahren. Immer mehr Wähler empfinden die Welt als zu komplex, um sich zuzutrauen, Weichenstellungen für die Zukunft als richtig oder falsch zu beurteilen. Stattdessen konzentrieren sie sich eher auf die überschaubare Gegenwart, erklären die Forscher.

Dennoch bleibt natürlich ein Grundbedürfnis nach langfristiger Stabilität und Sicherheit über alle Generationen hinweg: Die Bürger erwarten von Politik, dass sie sich um die Lösung langfristiger Probleme kümmert. Sie fühlen sich unwohl, wenn Parteien und Regierungen nur auf tagesaktuelle Probleme zu reagieren scheinen und keine Zukunftsvisionen vermitteln. „Politik darf Zukunftsorientierung nicht zu Gunsten von mehr Stimmen bei der nächsten Wahl vernachlässigen“, mahnt Dräger. Die Studienautoren empfehlen daher eine Debatte darüber, ob Selbstverpflichtungen der Politik zu Generationengerechtigkeit und Nachhaltigkeit die Zukunftsfähigkeit unserer Demokratie stärken können.

Quelle:

© wissenschaft.de – Martin Vieweg
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