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Mittelalter

Von wegen riesige Schlachtrösser

Für die Studie wurden die Merkmale der Knochen historischer Pferden analysiert. (Bild: Professor Oliver Creighton)

So „hoch zu Ross“ wie man meinen könnte, waren Ritter offenbar nicht unterwegs: Mittelalterliche Kriegspferde waren nach heutigen Maßstäben eher klein, geht aus einer umfangreichen Analyse von Pferdeknochen aus England hervor. Im frühen Mittelalter waren sie demnach wohl kaum größer als heutige Ponys und auch im Hochmittelalter ritten Krieger noch auf recht kleinen Pferden. Erst in der frühen Neuzeit näherten sich ihre Stockmaße denen von heute als groß geltenden Reittieren an, geht aus der Studie hervor. Den Forschern zufolge belegen die Befunde, dass bei der Zucht der mittelalterlichen Kriegspferde offenbar andere Merkmale als die Größe im Vordergrund stand.

Kriegsmaschinen der tierischen Art: Darstellungen mittelalterlicher Schlachtrösser in Filmen und Medien zeigen häufig besonders hochgewachsene Pferde mit Widerristhöhen von über 1,70 Meter. Es scheint auch nahezuliegen, dass die Tiere für den militärischen Einsatz besonders groß sein sollten. Doch inwieweit das tatsächlich zutraf, ist gar nicht genau bekannt – handfeste Belege dazu gibt es kaum. Um weiterer Hinweise zu erhalten, hat nun ein britisches Forscherteam die Überreste von Pferden aus 171 archäologischen Fundstätten in ganz England analysiert. Die Funde stammen dabei aus der Zeitspanne vom 4. bis zum 17. Jahrhundert n. Chr.. Bei ihren Untersuchungen erfassten die Wissenschaftler die Merkmale der Knochen und leiteten daraus die Größen der historischen Tiere ab.

Mittelalterliche Pferdeknochen analysiert

Wie sie erklären, ist nicht bekannt, bei wie vielen Exemplaren es sich tatsächlich um Pferde mit einer militärischen Funktion gehandelt hat. Denn bei Funden aus dem Bereich von Burgen könnte es sich auch um anderweitig genutzte Zug- oder Lasttiere gehandelt haben. Historische Schlachtfelder könnten klarere Hinweise liefern – doch dort werden nur selten Pferdeknochen entdeckt, da die Körper der im Kampf getöteten Tiere in der Regel verwertet wurden. Meist landeten die Überreste der Schlachtrösser deshalb neben anderen Nutz- und Reitpferden am ehesten im Abfall von Gerbereien und Abdeckereien. Doch zumindest teilweise umfassen die untersuchten Knochen wohl auch militärisch genutzte Pferde, geht aus der Studie hervor.

Wie die Forscher berichten, zeichnete sich in den Auswertungen der Widerristhöhen ab: Die Pferde aus der sächsischen und normannischen Zeit (5. bis 12. Jahrhundert) würden nach modernen Maßstäben im Durchschnitt eher als Ponys gelten: Der Übergang vom Hals zum Rücken lag meist bei weniger als 1,48 Meter Höhe. In der normannischen Zeit (1066-1200 n. Chr.) sind dann zumindest etwas größere Ausreißer zu verzeichnen: Das größte Pferd dieser Ära aus Trowbridge Castle besaß eine geschätzte Widerristhöhe von etwas über 1,50 Meter. Damit entsprach es der Größe moderner leichter Reitpferde.

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Andere Aspekte wichtiger

Erst im Hochmittelalter (1200 bis 1350 n. Chr.) tauchen dann auch erstmals Pferde mit einer Größe von über 1,60 Meter Widerristhöhe auf, deren Überreste aus dem Heron Tower in London geborgen wurden. „Hochmittelalterliche Schlachtrösser mögen für die damalige Zeit relativ groß gewesen sein, aber sie waren eindeutig viel kleiner, als wir es bei entsprechenden Funktionen heute erwarten würden“, sagt Alan Outram von der University of Exeter. Erst nach 1500 zeichnet sich eine deutliche Zunahme der durchschnittlichen Pferdegrößen ab sowie eine größere Variationsbreite: Sie reicht dann auch bis zu knapp 1,70 Meter, berichten die Wissenschaftler.

Wie das Team erklärt, geht aus den Ergebnissen hervor, dass im Mittelalter offenbar nicht unbedingt die Größe im Fokus der Zucht von militärisch genutzten Pferden stand. Dies erscheint durchaus plausibel, denn dieses Merkmal kann wiederum andere Fähigkeiten der Reittiere beeinträchtigen. „Es ist wahrscheinlich, dass während des gesamten Mittelalters zu verschiedenen Zeiten unterschiedliche Formen von Pferden erwünscht waren, um den wechselnden Taktiken auf dem Schlachtfeld und den kulturellen Vorlieben gerecht zu werden“, sagt Co-Autorin Helene Benkert von der University of Exeter. Ihr Kollege Outram ergänzt dazu: „Die Auswahl- und Zuchtpraktiken in den königlichen Gestüten konzentrierten sich möglicherweise ebenso sehr auf das Temperament und die richtigen körperlichen Merkmale für die Kriegsführung wie auf die bloße Größe“, so der Wissenschaftler.

Quelle: University of Exeter, Fachartikel: International Journal of Osteoarchaeology, doi: 10.1002/oa.3038

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