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Domestikationsgeschichte

War die Gans das erste gefiederte Nutztier?

Die heutigen Hausgänse Chinas besitzen offenbar Vorgänger in der Steinzeit. © Masaki Eda

Die Wildgans wurde offenbar schon überraschend früh zur Hausgans: Bereits vor 7000 Jahren haben die Bewohner eines Dorfes im heutigen China die Vögel aufgezogen und mit Reis gefüttert, geht aus einer Untersuchung von Überresten der Vögel hervor. Gänse könnte demnach schon vor den Hühnern domestiziert worden sein und wären damit die ältesten gefiederten Nutztiere der Menschheit, sagen die Forscher.

Einst mussten sich die Menschen allein auf ihr Jagdglück verlassen, um sich mit Fleisch und anderen tierischen Produkten zu versorgen. Doch im Zuge der Entwicklung der Landwirtschaft hielt dann vor über 10.000 Jahren auch die Tierhaltung Einzug in die menschliche Kultur: Man geht davon aus, dass die ersten domestizierten Nutztiere Schafe, Schweine, Ziegen und Rinder waren. Erst später folgte dann das Geflügel. Dabei galt bisher das heute wichtigste gefiederte Nutztier als das älteste: Die ersten Hühnervögel könnten schon vor 8000 Jahren gehalten worden sein – doch die entsprechenden Hinweise sind umstritten und somit nicht gesichert. Eindeutige Nachweise der Hühnerhaltung gehen hingegen erst auf die Zeit vor etwa 5000 Jahren zurück. Die anderen Vertreter des Federviehs kamen dann später dazu, ging bisher aus Funden hervor. Die früheste Gänsehaltung war dabei im zweiten Jahrtausend v. Chr. belegt. Doch das hat sich nun geändert.

Fragender Blick auf steinzeitliche Gänseknochen

Die Ergebnisse der Forscher um Masaki Eda von der Universität von Hokkaido beruhen auf der Untersuchung von Gänseknochen mit menschlichen Bearbeitungsspuren, die im Bereich eines steinzeitlichen Dorfes im Osten Chinas entdeckt wurden. Früheren Funden zufolge bauten die Bewohner von Tianluoshan bereits Reis an, ernährten sich aber auch von der Jagd und dem Fischfang. So lag zunächst nahe, dass die im Rahmen der archäologischen Untersuchungen gefundenen Gänseknochen von gejagten Wildtieren stammten. Denn auch heute noch überwintern Wildgänse in der Region. Allerdings erschien auch denkbar, dass die Vögel bereits gehalten wurden. Deshalb haben Eda und seine Kollegen den Gänseknochen aus Tianluoshan eine genauere Untersuchung gewidmet. Dabei kamen verschiedene morphologische und biochemische Analysetechniken zum Einsatz und das Alter der Überreste wurde mittels Radiokarbondatierungen bestimmt.

Wie die Wissenschaftler berichten, entdeckten sie unter den Überresten der Gänse Knochen, die den Merkmalen zufolge eindeutig von einem Jungvogel stammten, der nicht zur Überwinterung zugeflogen sein konnte. Stattdessen war er im Bereich des Fundortes geschlüpft und aufgewachsen. Wie die Wissenschaftler erklären, gibt es heute jedoch keine Wildgansart, die im Bereich des einstigen Dorfes natürlicherweise brütet und es ist davon auszugehen, dass dies auch schon in der Steinzeit so war.

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Gänsehaltung zeichnet sich ab

Einen weiteren Hinweis auf eine menschliche Haltung lieferten die Ergebnisse von Isotopenanalysen der Knochen der erwachsenen Gänse. In ihnen spiegelten sich Merkmale der Ernährung und des Lebensraums der Tiere wider. Die entsprechenden Signaturen konnten die Forscher mit denen der heute als Wintergäste in der Region vorkommenden Wildgänse vergleichen. Aus den Ergebnissen ging hervor, dass die Tiere aus Tianluoshan keine Zugvögel waren, sondern das ganze Jahr am Fundort verbracht haben. Zudem ergaben sich Hinweise darauf, dass sie spezielle Nahrung zu sich genommen hatten – vermutlich Reis. Abgerundet wurden die Ergebnisse von den Datierungen der Knochen: Sie bestätigten, dass die Gänseknochen rund 7000 Jahre alt sind und somit nicht etwa aus jüngeren Schichten in den Bereich der steinzeitlichen Fundschicht gerutscht waren.

So kommen die Wissenschaftler zu dem Schluss: „Die Befunde und kontextuellen Hinweise legen nahe, dass sich die Gänse im Dorf Tianluoshan in einem frühen Stadium der Domestikation befanden“, schreiben Eda und seine Kollegen. Sie vermuten, dass sich die Gänsezucht entwickelt hat, um die Nachfrage nach Fleisch und Knochenwerkzeugen zu decken, wenn die wilden Zugvögel gerade nicht verfügbar waren. Vor dem Hintergrund der unklaren Domestikationsgeschichte des Huhns, die möglicherweise erst 5000 Jahre zurückreicht, geht den Wissenschaftlern zufolge aus den Studienergebnissen somit auch hervor: „Möglicherweise ist die Gans die älteste domestizierten Geflügelart der Geschichte“.

Quelle: Proceedings of the National Academy of Sciences, doi: 10.1073/pnas.2117064119

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