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Geschichte+Archäologie

Warum die ältesten Großsiedlungen Europas kollabierten

TRipolye-Sieldung
Luftbild des 200 Hektar großen Siedlungsareals der Tripolye-Megasiedlung Maidanetske mit Grabungsflächen. (Bild: Institut für Ur- und Frühgeschichte/ Univesität Kiel)

Vor rund 6000 Jahren entstanden in Osteuropa erste Megasiedlungen mit bis zu 15.000 Einwohnern. Merkwürdigerweise jedoch kollabierte diese sogenannte Tripolye-Kultur schon nach wenigen hundert Jahren wieder. Warum, könnte nun ein ukrainisch-deutsches Archäologenteam herausgefunden haben. Demnach spielte der Wandel von einer wenig hierarchischen, demokratischen Gesellschaftsform zu einer zentralistischen eine entscheidende Rolle.

In der Zeit ab 4100 vor Christus entwickelte sich im Osten Europas eine ungewöhnliche Siedlungsform: Im Rahmen der Tripolye-Kultur entstanden auf dem Gebiet der heutigen Ukraine, Moldawiens und Rumäniens bis zu 340 Hektar große Siedlungen aus konzentrisch angeordneten Häusern. In einigen dieser Megasiedlungen könnten zeitweise bis zu 15.000 Einwohner gelebt haben. Forscher sehen in diesen Siedlungen die ältesten nichtstädtischen Großsiedlungen Europas.

Rätsel um die Großhäuser

Offen war jedoch bisher, wie die Menschen in diesen Megasiedlungen zusammenlebten – wie war ihre Gemeinschaft soziopolitisch organisiert? Lange gingen Archäologen davon aus, dass die Tripolye-Kultur weder große Klassenunterschiede noch reiche Eliten kannte. Dafür sprachen die relativ einheitliche Bauart und Größe der Gebäude und das Fehlen auch anderer Indizien für eine solche gesellschaftliche Schichtung. Doch in den letzten zehn Jahren haben Ausgrabungen, aber auch magnetische Kartierungen enthüllt, dass dies zumindest für die 3000 Häuser umfassende Megasiedlung Maidanetske in der Ukraine so nicht stimmt.

„Eine komplett neue Kategorie von großen Gebäuden wurde entdeckt, die durch ihre hochgradig prominente Position auf öffentlichen Plätzen auffiel“, berichten Robert Hofmann von der Universität Kiel und seine Kollegen. Diese Großhäuser lagen nicht in den konzentrischen Ringen der übrigen Gebäude, sondern in den freien Korridoren dazwischen. Der Schluss lag nahe, dass es sich hier um öffentliche Gebäude, möglicherweise um eine Art Versammlungshäuser handelte. Um diese Hypothese zu überprüfen, haben Hofmann und sein Team die Großhäuser in Maidanetske und in 19 weiteren Megasiedlungen näher untersucht und datiert.

Gestaffelte Versammlungen

Die vergleichenden Untersuchungen ergaben: Die von den Forschern als Megastrukturen bezeichneten Großhäuser unterschieden sich architektonisch deutlich von den normalen Wohnhäusern. Sie waren größer und bestanden aus einem geschlossenen, überdachten Raum und einem von Mauern umschlossenen Hof. Fragmente von Töpferwaren, Gerätschaften zur Getreideverarbeitung und Tierknochen deuten darauf hin, dass in diesen Gebäuden größere Gruppen zusammensaßen und gemeinsam aßen. Nach Ansicht der Archäologen könnten diese Großhäuser daher tatsächlich Versammlungshäuser gewesen sein, in denen gemeinsame Entscheidungen gefällt wurden und möglicherweise auch rituelle Handlungen stattfanden.

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Doch wie die Wissenschaftler feststellten, wandelte sich die Zahl und Art dieser Versammlungshäuser im Laufe der Zeit: Zu Beginn der Tripolye-Kultur gab es in einer Megasiedlung typischerweise mehrere kleinere, über die Siedlung verteilte Versammlungshäuser, sowie einige wenige etwas größere, prominenter platzierte Großhäuser und ein zentrales, größtes Versammlungshaus direkt am Haupteingang der Siedlung. Das spricht dafür, dass die Menschen in diesen Megasiedlungen eine gestaffelte, demokratische Entscheidungsstruktur für ihre sozialen und politischen Belange besaßen, wie Hofmann und sein Team erklären.

Wandel der sozialen Struktur

Das änderte sich jedoch: „Während zu Beginn der Entwicklung der Großsiedlungen mindestens drei unterschiedliche Größenklassen dieser Versammlungshäuser bestehen, gibt es nach circa 300 Jahren nur noch die größten von ihnen“, berichtet Hofmann. „Offensichtlich wurden die unteren und mittleren Entscheidungsebenen aufgrund innergesellschaftlicher Spannungen ausgeschaltet.“ Daraus schließen die Wissenschaftler, dass die Macht, die zunächst noch über die Gemeinschaft verteilt war, auf eine zentrale Institution überging.

In diesem Wandel sehen die Archäologen auch eine der Hauptursachen für den Niedergang der Megasiedlungen nach nur wenigen hundert Jahren. Denn bereits um 3600 vor Christus wurden die meisten dieser Siedlungen wieder aufgegeben und verfielen allmählich. Der Grund dafür könnte eine Zunahme der sozialen Ungleichheit und von zentralistischen Verwaltungsformen gewesen sein: „Die drastische Zentralisierung und der Wegfall demokratischer Entscheidungsstrukturen auf unterer und mittlerer Ebene waren der Hauptgrund für den Kollaps der Tripolye-Großsiedlungen“, erklärt Hofmann.

Quelle: Christian-Albrechts-Universität zu Kiel; Fachartikel: PLOS ONE, doi: 10.1371/journal.pone.0222243

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