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Grippe-Pandemie 1918

Warum die zweite Welle schlimmer war

Spital
Armeeangehörige während der Spanischen Grippe in einem Schweizer Spital. (Bild: A. & G. Zimmermann, Genf/ Archiv für Medizingeschichte, Universität Zürich/ Nachlass Leonie Moser)

Ähnlich wie bei der aktuellen Corona-Pandemie war auch bei der Influenza-Pandemie von 1918 die zweite Welle in vielen Regionen die heftigere. Woran das lag und welche Rolle zu zögerliche Maßnahmen dabei spielten, haben Forscher mithilfe historischer Quellen am Beispiel des Schweizer Kantons Bern untersucht. Dabei haben sie bemerkenswerte Parallelen zur aktuellen Situation entdeckt.

Die Spanische Grippe gilt als eine der großen Pandemien der Menschheitsgeschichte. Die von einem Influenzavirus des Typs H1N1 verursachte Infektion brach Anfang 1918 wahrscheinlich in den USA aus und gelangte dann mit US-Soldaten in der Endphase des Ersten Weltkriegs nach Europa. Dort konnte sich die Grippe in der teilweise unter schlechten Bedingungen lebenden Bevölkerung rasch ausbreiten. Auf die erste Welle im Frühjahr 1918 folgte im Herbst 1918 eine zweite Welle der Influenza-Pandemie. Sie breitete sich rasch auch bis nach Asien aus und forderte vielerorts mehr Todesopfer als im Frühjahr. Insgesamt starben zwischen 20 und 50 Millionen Menschen im Zuge der Grippe-Pandemie, darunter besonders viele junge Erwachsenen zwischen 29 und 40 Jahren. Schätzungen zufolge wurden rund 500 Millionen Menschen infiziert.

Zweite Welle im Blick

Auch die aktuelle Corona-Pandemie hat in den meisten Regionen zwei Wellen durchlaufen: Nach einer ersten Zunahme der Infektionen und Covid-19-Fälle im Frühjahr 2020 sanken die Fallzahlen im Sommer, um dann vielerorts im Herbst und Winter 2020 wieder drastisch und stärker als zuvor anzusteigen. Angesichts der Parallelen zur Grippe-Pandemie von 1918 haben nun Forscher um Kaspar Staub von der Universität Zürich und Peter Jüni von der University of Toronto sich den Ablauf und die möglichen Hintergründe der beiden Influenzawellen am Beispiel des Kanton Bern näher angeschaut. Dieser Kanton ist ihrer Ansicht nach eine gut geeignete Fallstudie, weil er groß und räumlich heterogen ist, von der Spanischen Grippe besonders hart getroffen wurde und gleich zu Beginn der Pandemie im Juli 1918 die Meldepflicht einführte.

Als Quellen für die Studie wertete das Forscherteam unter anderem die damals wöchentlich an die kantonalen Behörden gemeldeten Fälle von influenzaähnlichen Erkrankungen nach Gemeinden und Regionen aus, die im Staatsarchiv Bern zugänglich sind. „Diese Quelle ist ein wahrer Archivschatz und ein hervorragendes Beispiel dafür, dass mehr als 100 Jahre alte Daten für die Gegenwart relevant sein können“, betont Staub. Bereits 2015 hatten er und sein Team damit begonnen, die über 9000 ärztlichen Meldungen mit mehr als 120.000 Influenzafällen aus 473 Berner Gemeinden zwischen Juni 1918 und Juni 1919 zu transkribieren, um sie dann mit modernen epidemiologischen Methoden zu analysieren. Außerdem rekonstruierten sie damals getroffenen behördlichen Maßnahmen gegen die Ausbreitung der Pandemie.

Zögerliche Maßnahmen

Die Auswertung ergab, dass es 1918 nicht nur Unterschiede in den Fallzahlen der ersten und zweiten Grippe-Welle gab – auch die behördlichen Reaktionen auf die Pandemie waren verschieden: In der ersten Welle im Juli und August 1918 griff der Kanton Bern relativ rasch, stark und zentral ein, unter anderem schränkte er Versammlungen ein und schloss Schulen. “ Wir sehen an den Zahlen, dass diese behördlichen Maßnahmen – ähnlich wie heute – assoziiert waren mit einem Rückgang der Infektionszahlen“, berichtet Kaspar Staub. Nach dem Abklingen der ersten Welle hoben die Behörden jedoch im September 1918 alle Maßnahmen wieder auf. Dies begünstigte schon kurz darauf einen Wiederanstieg der Fälle und führte zur zweiten Welle der Grippe-Pandemie.

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Doch als diese zweite Welle im Oktober 1918 an Fahrt aufnahm, reagierte der Kanton Bern, anders als in der ersten Welle, nur zögerlich. Aus Angst vor erneuten wirtschaftlichen Konsequenzen überließ er die Verantwortung für erneute behördliche Maßnahmen zunächst den einzelnen Gemeinden – ähnlich wie zur gleichen Zeit auch im benachbarten Deutschland. „Diese abwartende und dezentrale Herangehensweise war fatal und hat maßgeblich dazu beigetragen, dass die zweite Welle umso stärker wurde und länger dauerte“, sagt Jüni. Erschwerend kam hinzu, dass im November 1918 in der Schweiz ein landesweiter Streik begleitet von zahlreichen Versammlungen und Demonstrationen stattfand. Auch das begünstigte die Ausbreitung der Influenza. Letztlich war die zweite Welle für rund 80 Prozent der im Kanton Bern gemeldeten Erkrankungen und Todesfälle der Grippe-Pandemie verantwortlich.

Nach Ansicht der Wissenschaftler zeigen sich im Ablauf der Grippe-Pandemie und den Faktoren, die zur einer besonders starken zweiten Welle führten, deutliche Parallelen zur aktuellen Corona-Pandemie. So hat die zweite Welle in der Schweiz sowohl 1918 und 2020 fast in der gleichen Kalenderwoche begonnen, und auch die zögerliche Reaktion der Behörden war in beiden Pandemien dabei ähnlich. „Zwar gibt es zwischen den beiden Pandemien auch wesentliche Unterschiede, aber die wachsenden Parallelen zwischen 1918 und 2020 sind bemerkenswert“, sagt Staub.

Quelle: Universität Zürich, Fachartikel: Annals of Internal Medicine, doi: 10.7326/M20-6231

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