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Geschichte|Archäologie

Warum so viele Stasi-Akten ungelesen bleiben

STasiakten
Aus der DDR-Zeit sind unzählige Stasi-Akten erhalten. © MPG; Chris Stermitz/ Pixabay

Im Jahr 1991 wurden die in der DDR-Zeit angelegten Stasi-Akten allen Betroffenen zugänglich gemacht. Doch ein Großteil der von der Stasi bespitzelten Menschen wollten ihre Akten gar nicht sehen. Was aber sind die Gründe für dieses gewollte Nichtwissen? Ist es die Angst vor unliebsamen Enthüllungen? Der Wunsch mit der Vergangenheit abzuschließen? Was dahintersteckt, haben nun Wissenschaftler in einer Kombination aus psychologischen Befragungen und Zeitzeugeninterviews untersucht.

Abgehört, bespitzelt und verfolgt: Die Regierung der Deutschen Demokratischen Republik (DDR) setzte auf die Kontrolle ihrer Bürgerinnen und Bürger. 1989 hatte das Ministerium für Staatssicherheit rund 91.000 Vollzeit-Mitarbeitende und 200.000 inoffizielle Mitarbeiter. Was die Stasi über die DDR-Bürger und ausländische Staatsbürger herausfand, wurde detailliert in Akten festgehalten. Nach dem Zusammenbruch der DDR wurden die Stasiakten beschlagnahmt. Seit 1991 können Betroffene ihre Stasiakten in den Standorten des Stasi-Unterlagen-Archivs auf Antrag einsehen.

Gewolltes Nichtwissen im Fokus

In den drei Jahrzehnten seit der Aktenöffnung haben über zwei Millionen Menschen von diesem Recht Gebrauch gemacht. Doch viele weitere Betroffene entschieden sich, ihre Stasiakte nicht einzusehen – darunter auch prominente Persönlichkeiten wie Nobelpreisträger Günter Grass, der ehemalige Bundeskanzler Helmut Schmidt oder Gewerkschaftsführer Claus Weselsky. Wie lässt sich dieses Verhalten erklären? Und was bedeutet dies für den gesellschaftlichen Umgang mit Erinnerung und Aufklärung in post-diktatorischen Gesellschaften? Das haben Ralph Hertwig vom Max-Planck-Institut für Bildungsforschung und Dagmar Ellerbrock von der Technischen Universität Dresden jetzt näher untersucht.

„Wir haben es hier mit dem psychologischen Phänomen der deliberate ignorance, dem sogenannten gewollten Nichtwissen zu tun“, erklärt Hertwig. „Es gibt Lebensumstände, in denen Menschen bewusst auf potenziell wichtige Informationen verzichten. Die Motive sind häufig keineswegs eine Vogel-Strauß-Politik, sondern Überlegungen, die von der Regulation antizipierter negativer Emotionen bis hin zu Fairnesserwägungen reichen können.“ Um zu untersuchen, welche Motive für die Menschen relevant sind, kombinierten Hertwig und Ellerbrock Befragungsmethoden aus der Psychologie mit Zeitzeugeninterviews. Über 160 Personen folgten Aufrufen in Radio- und Zeitungen und gaben Auskunft, warum sie ihre Stasiakte nicht einsehen wollen. 134 Personen nahmen an einer Umfrage teil, teilstandardisierte Interviews mit 22 weiteren Personen vervollständigten das Bild.

Schutz vor emotionalen und familiären Folgen

Die Auswertung der Interviews und Befragungen ergab, dass es ein breites Spektrum an Motiven für das bewusste Nichtwissen gibt. Der mit 78 Prozent am häufigsten genannte Grund war, dass die Informationen in den Akten nicht mehr für das heutige Leben von Bedeutung seien. Mehrere der Befragten gaben im Interview beispielsweise an, dass sie ihre Akten nicht lesen wollten, weil das Wissen die Vergangenheit ohnehin nicht ändern würde. Ein kleinerer Teil wollte sich aus politischen Gründen nicht mit der Vergangenheit auseinandersetzen: Rund 38 Prozent hielten es für falsch, die DDR nur unter dem Aspekt der Stasi zu betrachten. 22 Prozent haben ihre Akte nicht gelesen, weil sie sich als überzeugte DDR-Bürger identifizierten.

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Weit größere Bedeutung hatte jedoch ein anderes Motiv, denn mehr als die Hälfte der Befragten hatte emotionale und soziale Gründe, ihre Stasiakten nicht zu lesen: Sie befürchteten, dass die Akten Familienangehörige, Freunde oder Kollegen als Informanten entlarven würden. „Die detaillierten und emotionalen Schilderungen deuten darauf hin, dass der vermutete Inhalt der Akten schwerwiegende psychologische oder emotionale Auswirkungen haben könnten – für die Betroffenen selbst und andere“, erklären die Forschenden. So befürchtete eine interviewte Person, dass ihre Schwester eine Informantin gewesen sein könnte, ein andere hatte Angst, dass sich der Vater ihrer Tochter als informeller Mitarbeiter entpuppen könnte. Viele Menschen stellen demnach die Aufrechterhaltung sozialer Beziehungen und der Harmonie im Familien-, Freundes- und Bekanntenkreis über die Aufklärung.

Diskrepanz zwischen öffentlichen und persönlichen Bewältigungsstrategien

Die Studie deckt damit auch eine Diskrepanz zwischen der vorherrschenden Ansicht zur Erinnerungskultur und zur Bewältigung der Vergangenheit und den persönlichen Motiven der Betroffenen auf. „Das Modell des kollektiven Erinnerns beruht auf der Annahme, dass Wissen immer relevant ist: Obwohl es die Vergangenheit nicht ändern kann, ist es instrumentell, um die Gesellschaft in der Gegenwart und Zukunft besser zu machen“, erklären Hertwig und Ellerbrock. Doch wie die Befragungen zeigten, weicht diese Vorstellung deutlich von den persönlichen Haltungen und Beweggründen der Betroffenen ab. „Während individuelle Erinnerung und öffentliche Erinnerungskultur sich gegenseitig beeinflussen, können die zugrunde liegenden Motive offensichtlich auseinandergehen“, sagt Ellerbrock. Diese Kongruenz oder Diskrepanz sei ein wichtiger Faktor des gesellschaftlichen Wandels.

In Deutschland gebe es zwar umfangreiche Forschungen beispielsweise über die Verleugnung der Unterstützung oder aktiven Mitschuld an den Verbrechen des NS-Regimes, wie die Wissenschaftler erklären. Individuelle Motive dieser Verleugnung und vor allem ihr Zusammenhang mit kollektiven Erinnerungskulturen sind bisher kaum erforscht. Die Öffnung der Stasi-Unterlagen bot so die einmalige Gelegenheit, mehr über die Entscheidungen von Bürgerinnen und Bürgern aus einer zusammengebrochenen Diktatur zu erfahren, sich nicht mit der Vergangenheit auseinanderzusetzen.

Quelle: Max-Planck-Gesellschaft; Fachartikel: Cognition, doi: 10.1016/j.cognition.2022.105247

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