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Was hinter der „Cocoliztli“-Epidemie steckte

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Übersichtskarte von Teposcolula-Yucundaa. Die Karte zeigt die Lage der Siedlung in der Mixteken-Region von Oaxaca, Mexico (A), und die Lage der Ausgrabungsstätte (B). Teilbild C ist eine zeichnerische Darstellung des Individuums, aus dessen Probe das Erreger-Genom rekonstruiert werden konnte. (Illustration: Åshild J. Vågene et al. Salmonella enterica genomes from victims of a major 16th century epidemic in Mexico. Nature Ecology and Evolution.
Elend unvorstellbaren Ausmaßes: Von 1545 bis 1550 wurde die ohnehin gebeutelte indigene Bevölkerung Mexikos von einer mysteriösen Erkrankung dahingerafft. Nun haben Forscher den möglichen Erreger der sogenannten „Cocoliztli“-Epidemie identifiziert. Durch Analyse der DNA von Opfern der damaligen Epidemie gelang es ihnen, Salmonella enterica Paratyphi C nachzuweisen, ein Bakterium, das enterisches Fieber beziehungsweise Typhus verursacht.

Für die Menschen der Neuen Welt war die Ankunft der Europäer bekanntlich eine Katastrophe. Die indigene Bevölkerung war nicht nur der Gewalt und Verachtung der Eroberer ausgesetzt, sondern auch ihren Krankheiten, gegen die sie keine Widerstandskräfte besaßen. Viele Epidemien breiteten sich deshalb im 16. Jahrhundert aus und forderten Millionen von Menschenleben. Obwohl viele Berichte aus erster Hand über die Erkrankungen vorliegen, war es bislang oft schwierig, ihre Ursachen anhand der historischen Beschreibungen der Symptome klar bestimmten Erregern zuzuordnen. So können Infektion mit verschiedenen Bakterien oder Viren sehr ähnliche Symptome hervorrufen und außerdem ist es möglich, dass sich die Krankheitsbilder in den letzten 500 Jahren verändert haben.

Welcher Erreger brachte den millionenfachen Tod?

Ein unklarer Fall war in diesem Zusammenhang auch die Ursache der sogenannten Cocoliztli-Epidemie von 1545 bis 1550. Sie gehörte zu den verheerendsten Seuchen in der Neuen Welt  während der Kolonialzeit. Sie grassierte in großen Teilen Guatemalas und Mexikos. Schätzungen zufolge brach die Bevölkerung dort um 60 bis zu 90 Prozent ein. Betroffen war auch die mixtekische Stadt Teposcolula-Yucundaa in Oaxaca, Mexiko. Dort haben Archäologen einen Seuchenfriedhof freigelegt, den sie mit dem Ausbruch der Epidemie in Verbindung bringen konnten. „Angesichts des historischen und archäologischen Kontextes von Teposcolula-Yucundaa bot sich uns die einzigartige Gelegenheit, die Frage nach den mikrobiellen Ursachen dieser Epidemie zu beantworten“, erklärt Åshild J. Vågene vom Max-Planck-Institut für Menschheitsgeschichte in Jena.

Im Rahmen der Studie analysierten sie und ihre Kollegen DNA von 29 menschlichen Überresten aus der Fundstelle. Wie sie betonen, basiert der Erfolg ihrer Analysen auf dem Einsatz eines innovativen Computerprogramms zur Charakterisierung der in den Proben enthaltenen bakteriellen DNA. Der Clou dabei: Ohne vorher genauer festlegen zu müssen, wonach gesucht werden soll, ermöglicht es diese Technik, die Proben vollständig auf bakterielle DNA zu untersuchen.

Eine einschlägig bekannte Mikrobe

Wie die Forscher berichten, detektierte das Verfahren bei zehn Proben Spuren der DNA des Bakteriums Salmonella enterica. Anschließend kam eine speziell für diese Studie entwickelte DNA-Anreicherungs-Methode zum Einsatz: Sie ermöglichte es, das komplette Salmonella enterica-Genom aus den Proben aufzudecken. Vergleiche zeigten dann, dass die zehn Individuen tatsächlich mit einer Unterart des Bakteriums Salmonella enterica infiziert waren, das bekanntermaßen enterisches Fieber verursacht.

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Damit scheint klar, warum die Cocoliztli-Epidemie ein so furchtbares Ausmaß erreichte: Das bakterielle enterische Fieber, dessen bekannteste Form heute Typhus darstellt, verursacht hohes Fieber, Dehydrierung und schwere Magen-Darm-Infektionen. Noch immer handelt es sich um eine gefährliche Infektionskrankheit: Weltweit erkranken daran jährlich etwa 32 Millionen Menschen. Heute stehen allerdings Antibiotika zur Behandlung zur Verfügung. Die Studienergebnisse werfen nun Licht auf ein bisher unbekanntes Kapitel in der Geschichte dieser Erkrankung, sagen die Forscher.

Abschließend hebt Co-Autor Alexander Herbig vom MPI für Menschheitsgeschichte noch einmal die Bedeutung des neuatigen Nachweisverfahrens im Rahmen der Studie hervor: „In der Vergangenheit haben wir in der Regel einen bestimmten Erreger oder eine kleine Gruppe von Krankheitserregern ins Visier genommen, für die es zuvor eine Indikation gab. Deshalb ist es ein wichtiger Beitrag dieser Studie, dass es uns gelungen ist, Informationen über eine mikrobielle Infektion zu gewinnen, ohne dass wir vorher genauer spezifizieren mussten, wonach wir suchten“, erklärt Herbig. Darin steckt nun enormes Potenzial für weitere Studien in dieser Art, sind die Forscher überzeugt.

Originalarbeit der Forscher:

© wissenschaft.de – Martin Vieweg
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Erd|kern  〈m. 1; unz.〉 der wahrscheinlich aus verschiedenen Metallen bestehende Kern der Erde

Cæ|si|um  〈n.; –s; unz.; Chem.; Zeichen: Cs; fachsprachl.〉 = Cäsium

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