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Was ist ein berühmter Wissenschaftler und wie wird man einer?

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Spätestens dann, wenn ein Who’s Who entsteht, stellt sich die Frage: Wer soll rein, und wer darf rein? Karl Ulrich Mayer vom Max-Planck-Institut für Bildungsforschung gab innerhalb der International Encyclopedia of the Social and Behavioral Sciences ein Who’s Who der Sozialwissenschaften heraus und erarbeitete Kriterien für den Eintritt in den Wissenschaftler-Olymp.

Den Bundeskanzler kennt jeder, weil er ständig im Fernsehen zu sehen ist oder dort sogar selbst auftritt. Das Gleiche gilt für Schauspieler, Sportler oder Moderatoren. Alle diese Leute sind berühmt, manche mehr, manche weniger, einige auf Zeit, andere – wie eben ein Bundeskanzler – hinterlassen mindestens eine Fußnote in der Weltgeschichte (was schon viel ist). Aber wie ist das mit Wissenschaftlern? Welche Wissenschaftler können als berühmt und bedeutend angesehen werden? Mit dieser Frage musste sich der Soziologe Karl Ulrich Mayer Mayer vom Max-Planck-Institut für Bildungsforschung auseinandersetzen, als er die Aufgabe übernommen hatte, innerhalb der „International Encyclopedia of the Social and Behavioral Sciences“ als Herausgeber für den Bereich der Biografien zu fungieren. Die Herausgeber dieser Enzyklopädie, die 2001 im Elsevier-Verlag in 26 Bänden erschien, wollten nur etwa 150 Biografien aufnehmen.

Da galt es nicht nur, auszuwählen, sondern überhaupt erst einmal Kriterien für die Auswahl zu finden. Eine Bedingung gaben die Herausgeber gleich vor: Für den Eintritt in den Wissenschaftler-Olymp musste man gestorben sein. Mayer unterstützt diese Bedingung ausdrücklich: „Sieht man sich frühere Enzyklopädien an, die auch Lebende aufgenommen haben, so zeigt sich, dass deren Bedeutung rasch verblichen ist. Das wollten wir vermeiden.“ Aber auch der toten Gelehrten, die sich zu Lebzeiten bleibende Verdienste um die Wissenschaft erworben hatten, gab es noch so viele, dass weitere Auswahlstrategien und Kriterien gefunden werden mussten.

Mayer fand schon durch bloßes Durchsehen seiner eigenen Bibliothek und verschiedener Handbücher rund 450 Personen, die als berühmte Sozialwissenschaftler durchgehen konnten. Da das viel zu viele waren, sammelte Mayer Vorschläge unter den Herausgebern der Enzyklopädie sowie unter Fachkollegen, die er auf Kongressen und Tagungen traf. Einigen der Kollegen war die Frage nach den wirklich bedeutsamen Sozialwissenschaftlern so wichtig, dass sie, wie Mayer berichtet, „per E-Mail Proselytenmacherei betrieben, um ihren Favoriten auf die Liste zu bekommen.“ Schließlich beriet sich Mayer persönlich mit jedem der 35 Herausgeber der einzelnen Sektionen der Enzyklopädie.

Durch die Kriterien „a) von mehreren Sektionsherausgebern genannt, b) von Repräsentanten mehrerer Disziplinen genannt, und c) mit den höchsten Bewertungen genannt“ kam der Soziologe schließlich auf eine Liste von 150 Personen. Diese Personen und die übrigen der etwa 450 Namen unterzog Mayer dann einer Zitierhäufigkeitsanalyse. Dabei standen vier Fragen im Vordergrund: 1. Wird die betreffende Person immer noch laufend zitiert? 2. Gibt es unter den nicht zu den 150 auserwählten Personen gehörenden solche, die ungewöhnlich häufig zitiert werden und deshalb noch einmal betrachtet werden sollten? 3. Zeigen die Zitate in der wissenschaftlichen Literatur vielleicht noch auf jemanden, der bisher ganz übersehen wurde? 4. Wie stabil war die Zitierquote im Laufe der Zeit?

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Es zeigte sich, dass die vorausgewählte Gruppe der 150 Personen in der Zitierhäufigkeit im Großen und Ganzen deutlich besser abschnitt als der Rest. Außerdem „gab es keinen verstorbenen Wissenschaftler mit einer hohen Zitierquote, den wir übersehen haben“, sagt Mayer. In den Fällen, wo es eine Abweichung zwischen der Zitierhäufigkeit und der Wertschätzung der Person durch die Experten gab, entschied man sich zugunsten der Expertenmeinung. „Trotz niedrigerer Zitierquoten schlossen wir Wilhelm von Humboldt, Montesquieu, Needham, Pareto, Gauß, Helmholtz, Sherrington und Wundt nicht aus“, erklärt Mayer. „Und trotz hoher (aber instabiler) Zitierquoten nahmen wir George Caspar Homans und C.W. Mills nicht auf.“ Nach diesen Vorarbeiten und Vorentscheidungen war der Aufstieg in den Olymp für 150 Männer und Frauen eigentlich sicher. Dennoch kamen drei dann doch nicht mit – und zwar ganz schlicht deshalb, weil sie von ihren Biografen im Stich gelassen worden waren. D.h. die Autoren, die zugesagt hatten, die entsprechenden biografischen Artikel zu schreiben, hatten ihre Arbeit nicht abgeliefert. Vor den Toren des Olymps blieben der Genetiker Theodosius Dobzhansky (1900-1975), der Psychologe Harold Laswell (1902-1978) und der Historiker Fernand Braudel (1902-1985). „Während Laswell und Dobzhansky sowieso als Grenzfälle betrachtet werden können, muss die Weglassung von Braudel als größerer Schaden angesehen werden“, kommentiert Mayer die sitzengelassenen Gelehrten.

Gewissermaßen gerade rechtzeitig fand dagegen der Soziologe Niklas Luhmann Aufnahme in den Kreis der auserwählten Persönlichkeiten, er war 1998 gestorben, als die Arbeiten an den Biografien schon im Gange waren. Gleich zu Beginn der Planung der Biografiensammlung hatten die Herausgeber der Enzyklopädie sich ausdrücklich vorgenommen, weibliche Größen der Sozialwissenschaften angemessen zu berücksichtigen. Aber es blieben deutlich weniger Wissenschaftlerinnen als Wissenschaftler schon in der Nominierungsphase. Letztlich aufgenommen wurden dann nur acht. „Wir konnten die Wissenschaftsgeschichte nicht umschreiben“, bedauert Mayer. Aufgenommen wurden Hannah Arendt, Simone de Beauvoir, Ruth Benedict, Jessie Bernard, Esther Boserup, Melanie Klein, Margaret Mead und Joan Robinson. Nominiert wurden außerdem Charlotte Bühler, Dorothy Dinnerstein, Florence Nightingale, Ellen Key, Maria Montessori, Margaret Reid, Ellen Churchill Semple, Mary Wollstonecraft, Charlotte Perkins Gilman und Harriet Taylor. Die österreichische Sozialwissenschaftlerin Marie Jahoda, berühmt geworden durch ihre Studie „Die Arbeitslosen von Marienthal“ (1932), wäre sicher aufgenommen worden, betont Mayer. Doch sie starb – hochbetagt – erst, als das Projekt schon abgeschlossen war (2001). Was soll man denen raten, die sich jetzt vielleicht wie Schillers Don Carlos sagen „Dreiundzwanzig Jahre, und nichts für die Unsterblichkeit getan“ ? Das Einzige, was man aktiv unternehmen kann, um sich einen Platz im Wissenschaftler-Olymp zu sichern, ist das Verfassen einiger guter Bücher und Aufsätze. Nur dann wird man beachtet, was sich in der Wissenschaftler-Welt durch Zitate ausdrückt. In den mittleren Lebensjahren kann man sich dann noch nach jungen Leuten umsehen, die vielleicht zuverlässige Biografen werden könnten. Und schließlich sollte man hoffen, nicht steinalt zu werden. Sonst kommt man womöglich in mehreren Enzyklopädien, Lexika, Who’s Who einfach nur deshalb nicht vor, weil man noch nicht gestorben ist.

Hier finden Sie einen Link zur Liste mit allen Wissenschaftler/innen, die aufgenommen wurden (pdf-Datei).

Fotos: Von seinem Biografen im Stich gelassen: Fernand Braudel (1902-1985)
Gerade noch rechtzeitig in den Gelehrten-Himmel gekommen: Niklas Luhmann (1927-1998)
Zu spät gestorben: Marie Jahoda (1907-2001)

Doris Marszk
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