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Geschichte+Archäologie

Was passierte mit den Toten der Schlacht von Waterloo?

Waterloo
Kolorierte Radierung von Napoleon Bonaparte in Waterloo. © powerofforever/ iStock

Die Schlacht von Waterloo am 18. Juni 1815 endete mit der Niederlage Napoleon Bonapartes und Tausenden von toten Soldaten. Merkwürdigerweise jedoch wurden bei Ausgrabungen bisher nur eine Handvoll sterblicher Überreste auf diesem Schlachtfeld gefunden. Wo die restlichen Toten geblieben sind, ist rätselhaft. Ein britischer Archäologe hat nun in den Briefen und Beschreibungen zeitgenössischer Schlachtfeldtouristen nach Hinweisen gesucht.

In der Schlacht von Waterloo, einem Ort südlich von Brüssel, trat die französische Armee unter Napoleon Bonaparte zum entscheidenden Kampf gegen alliierte Truppen unter dem britischen Duke of Wellington und dem preußischen Feldmarschall Fürst Blücher von Wahlstatt an. Nach einer heftigen Schlacht war Napoleon besiegt und bis zu 50.000 Männer lagen tot oder verwundet auf dem Schlachtfeld. Zeitzeugen berichteten damals von Kolonen von Verwundetentransporten, die verletzte Soldaten in Feldlazarette der Umgebung oder in Krankenhäuser nach Brüssel brachten.

Nur wenige Knochen gefunden

Umso erstaunlicher ist es, dass bis heute kaum Überreste der unzähligen Toten der Schlacht von Waterloo gefunden wurden. So gibt es zwar Gebeine unklarer Herkunft im Museum von Waterloo, außerdem entdeckten Archäologen des Projekts Waterloo Uncovered 2015 erstmals ein vollständiges menschliches Skelett beim Bau eines neuen Museums und Parkplatzes. 2019 stießen sie zudem in einem Areal in Mont St Jean, das bei der Schlacht als Feldlazarett gedient haben soll, auf mehrere Beinknochen, die möglicherweise von Amputationen verletzter Soldaten stammen. Doch von Massengräbern toter Soldaten fehlt bisher jede Spur.

Um einer Lösung dieses Rätsels näher zu kommen, hat Tony Pollard, der Leiter des Zentrums für Schlachtfeld-Archäologie der University of Glasgow jetzt noch einmal historische Zeugnisse aus der Zeit direkt nach der Schlacht von Waterloo zusammengetragen und ausgewertet. „Waterloo hat schon Besucher angezogen, fast bevor sich der Rauch ganz verzogen hatte“, erklärt er. Schon wenige Tage nach der Schlacht kamen Menschen aus der Umgebung, aber auch Touristen aus England und anderen an dem Konflikt beteiligten Ländern, um sich das berühmte Schlachtfeld und den Ort von Bonapartes Niederlage anzuschauen. Unter den Besuchern waren Schriftsteller, Diplomaten und auch Maler, die das Schlachtfeld und die Aufräumarbeiten porträtierten. Auch der berühmte englische Dichter Sir Walter Scott stattete Waterloo zwei Monate nach der Schlacht einen Besuch ab.

Verbrannt statt begraben?

Diese frühen Schlachtfeld-Touristen berichteten über ihre Eindrücke in Briefen und anderen Schriftstücken in teils bedrückenden Schilderungen. So beschrieb die Engländerin Charlotte Eaton, dass nach der Schlacht so viele Tote zu bestatten waren, dass sie nicht in die ausgehobenen Massengräber passten: „Die Gruben waren gegraben, aber ihre Füllung ragte über die Bodenoberfläche hinaus“, schreibt sie. „Diese furchtbaren Haufen wurden daher mit Holz bedeckt und angezündet.“ Ähnliches schildert auch James Ker, ein schottischer Händler, der damals in Brüssel lebte und direkt nach der Schlacht Waterloo besuchte: „Auf der französischen Seite des Felds war der Gestank so schlimm, dass man es für vernünftig hielt, die Toten, Männer und Pferde, aus Mangel an Zeit und Helfern zu verbrennen statt sie zu begraben.“

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Anderer Zeitzeugen berichteten hingegen durchaus von Massengräbern und Begräbnissen in vielen kleinen und größeren Gräben auf dem Schlachtfeld. Auch Maler, die die Nachwehen der Schlacht im Bild festhielten, stellten sowohl Verbrennungen von Toten wie Massengräber dar. „Hougoumont ist beispielsweise einer der Orte, wo Künstler das Südtor als den Ort sowohl von Begräbnissen wie Verbrennungen zeigten“, berichtet Pollard. Zeitzeugen berichten zudem, dass viele Tote vor dem Vergraben von der örtlichen Bevölkerung ihrer Kleider und Gegenstände beraubt wurden. „Viele kamen, um die Habe der Toten zu stehlen, selbst Zähne sollen mitgenommen worden sein“, so Pollard. Er hat anhand der zahlreichen Schilderungen und Bilder ermittelt, wo Massengräber von toten Soldaten am ehesten liegen könnten und sieht dabei vor allem drei Orte als vielversprechend: das Gebiet um Hougoumont, eine Stelle nahe La Haye Sainte sowie eine Sandgrube bei La Belle Alliance.

Allerdings: Einige dieser Areale sind von den Archäologen des Projekts Waterloo Uncovered bereits mithilfe von Bodenradar und Testgrabungen untersucht worden. In Hougoumont zeigten elektromagnetische Messungen zwar Anomalien im Untergrund, diese erwiesen sich aber weder als Gräber noch Verbrennungsorte. Auch anderswo ging die Suche bisher ins Leere. „Insgesamt haben die Untersuchungen keine Belege für Grabgruben zeigen können, weder in Form menschlicher Relikte wie Knochen noch von erkennbaren Gruben“, berichtet Pollard. „Ein Grund für diesen Mangel an Gräbern kann die Verbrennung der Toten sein, aber selbst dies kann nur einen Teil der unzähligen verschwundenen Relikte erklären.“

Wurden die Massengräber geplündert?

Eine weitere mögliche Erklärung wäre eine Plünderung der Gräber: „In den zwei Jahrzehnten nach der Schlacht von Waterloo lieferten die europäischen Schlachtfelder einen reichen Vorrat an Knochenmaterial, das zu Knochenmehl zermahlen werden konnte“, erklärt Pollard. „Dieses diente vor der Entdeckung der Superphosphate in den 1840er Jahren als Dünger.“ Laut englischen Zeitungsberichten aus den 1820er Jahren wurde ein großer Teil dieses Materials nach England gebracht und dort zu Düngemitteln verarbeitet. Ein Artikel vom November 1829 berichtetet beispielsweise von einem mit Knochen vom Leipziger Schlachtfeld beladenen Frachter, die von einem schottischen Landbesitzer erworben worden sein sollen.

Allerdings: Wären die Massengräber von Waterloo auf diese Weise geplündert worden, hätten Besucher des Schlachtfelds dies sicherlich kommentiert. Immerhin stellte dies eine Entweihung der Totenruhe dar und damals beschwerten sich vor allem britische Besucher schon über weit geringere Eingriffe in die Landschaft, wie Pollard berichtet. So kritisierte der Dichter Robert Southey, dass ein Gebiet mit von der Schlacht gezeichneten Bäumen verkauft und abgeholzt werden sollte. Er schrieb: „Sie sollten erhalten bleiben als Denkmal für die tapferen Männer, die unter ihnen begraben liegen“. Angesichts dieser Reaktionen sei es eher unwahrscheinlich, dass eine Aushebung der Massengräber in großem Stil nirgendwo kommentiert wurde“, so Pollard.

„Der nächste Schritt ist es, nach Waterloo zurückzugehen und die anhand der Berichte früher Besucher identifizierten Orte zu kartieren und zu untersuchen“, sagt Pollard. „Wenn dort menschliche Gebeine in diesen Mengen lagen, dann müsste, selbst wenn die Knochen entfernt wurden, noch archäologische Spuren davon in den Gruben zu finden sein.“ Gemeinsam mit den Forschern vom Projekt Waterloo Uncovered ist bereits eine neue geophysikalische Durchmusterung geplant.

Quelle: Taylor & Francis; Fachartikel: Journal of Conflict Archaeology, doi: 10.1080/15740773.2021.2051895

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