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Geschichte+Archäologie

Was war vor Stonehenge?

STonehenge
Stonehenge liegt heute in einer unbewaldeten, offenen Landschaft. © Nicholas Jones/ iStock

Der Steinkreis von Stonehenge liegt heute in einer offenen, weitgehend waldlosen Landschaft. Doch wie sah es in dieser Gegend aus, bevor die jungsteinzeitlichen Erbauer vor rund 5500 Jahren ihr Heiligtum errichteten? Das haben Archäologen nun mithilfe von Tierfossilien und Pollen herausgefunden. Demnach war das Gebiet offenbar schon in der mittleren Steinzeit nicht mehr dicht bewaldet, sondern von größeren offenen Graslandflächen geprägt. Dies und zahlreiche Funde von Auerochsenspuren könnten erklären, warum Stonehenge gerade dort erbaut wurde.

Stonehenge im Südwesten Englands ist eines der berühmtesten Megalith-Bauwerke der Welt. Die ersten Anfänge der Kreisanlage errichteten wahrscheinlich Angehörige der Windmill-Hill-Kultur, einer der frühesten sesshaften Bauernkulturen dieser Region schon um etwa 3100 v. Chr. Stonehenge bestand damals aus einem kreisförmigen Erdwall von 115 Meter Durchmesser mit einem Graben und einem Ring aus Holzpfosten. Um 2600 v. Chr. ergänzten dann Menschen der Glockenbecher-Kultur dieses Bauwerk um die ersten aufrechtstehenden Steinkreise.

Wald oder offene Landschaft?

Unklar war allerdings bisher, was die Stonehenge-Erbauer dazu bewegte, ihr Heiligtum gerade in dieser Gegend zu errichten – und wie die Landschaft vorher aussah. „Es gibt eine langanhaltende Debatte darüber, ob die monumentale Anlage von Stonehenge in einer unbewohnten, bewaldeten Landschaft errichtet wurde oder ob sie in einer offenen Landschaft entstanden ist, die schon zuvor eine signifikante Bedeutung für die mittelsteinzeitlichen Jäger und Sammler besaß“, erklären Samuel Hudson von der University of Southampton und seine Kollegen. Lange favorisierten Wissenschaftler das erste Szenario, nach dem der Süden Englands damals größtenteils von einem weitgehend geschlossenen Wald überzogen war.

In neuerer Zeit mehren sich jedoch Hinweise darauf, dass die Landschaft auch schon vor Beginn der Jungsteinzeit und den ersten Rodungen durch sesshafte Bauern in einigen Gebieten von Grasland und spärlich bewaldeten Habitaten geprägt war. Für solche offenen Zonen könnte neben einer für Bäume ungeeigneten dünnen Humusschicht auf dem Kalksteinuntergrund auch die Weidetätigkeit größerer Huftierherden gesorgt haben. Um diese verschiedenen Szenarien zu überprüfen, haben Hudson und sein Team ein Gebiet am Rand der Stonehenge-Welterbestätte näher untersucht.

Pflanzen- und Tierfossilien zeugen von Grasland

Die Fundstätte Blick Mead liegt knapp zwei Kilometer östlich von Stonehenge und südlich der Woodhenge-Ganggräber auf einer Ebene nahe dem Fluss Avon. „Ausgrabungen haben dort bereits eine große Zahl mittelsteinzeitlicher Relikte, darunter gut 100.000 Steinwerkzeuge, zutage gefördert, außerdem verschiedene Relikte von Tieren“, berichten die Forscher. Die Funde belegen, dass dieser Ort schon ab etwa 8000 v. Chr. von Jägern und Sammler besucht wurde. Für ihre Studie haben Hudson und sein Team nun Fossilien von Tieren und Pflanzen sowie Pollen aus dieser Zeit analysiert und daraus die damalige Vegetation und Tierwelt rekonstruiert.

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Die Analysen ergaben, dass in Blick Mead zwar einige Waldtierarten vorkamen, der größte Teil der Fossilien stammte jedoch von Tieren, die bevorzugt in auf Feuchtwiesen und in Tümpeln vorkommen. Dazu gehörten neben einigen Fischen und Amphibien auch Erdmäuse sowie Insekten wie der Rotklee-Spitzmausrüssler oder der Flohkäfer. Auch die Pflanzenrelikte und DNA-Analysen zeichneten ein ähnliches Bild: Die Vegetation war demnach von Kräutern wie Disteln, Winden, Brennnesseln und Gräsern dominiert, in flussnahen Senken standen auch Weiden, Süßgräser und Erlen. „Zusammengenommen deutet dies auf die Existenz von kleinen, überwucherten Tümpeln in einer von Grasland geprägten Landschaft hin“, berichten die Wissenschaftler.

Vom wildreichen Jagdgebiet zum Heiligtum

Nach Ansicht von Hudson und seinem Team spricht all dies dafür, dass die Landschaft rund um Stonehenge schon vor der Errichtung des berühmten Steinkreises nur dünn bewaldet und eher offen war. Zudem deuten die archäologischen Funde sowie große Mengen an Spuren und Knochen von Auerochsen, Rothirschen und anderen Huftieren darauf hin, dass es dort damals reiche Huftierbestände gab, die durch ihre Beweidung die Landschaft offenhielten. Gleichzeitig könnte dieses Wild die Gegend schon für die mesolithischen Jäger und Sammler besonders attraktiv gemacht haben, wie das Team erklärt.

„Die eindeutigen Belege für eine menschliche Nutzung an der Fundstätte und die Präsenz vieler Auerochsenknochen mit Schnittspuren sprechend dafür, dass Blick Mead von Menschen für die Jagd auf Auerochsen und andere Huftieren genutzt wurde“, erklären Hudson und seine Kollegen. Ihrer Ansicht nach liegt es nahe, dass die wild- und wasserreiche Gegend schon damals auch für rituelle Zusammenkünfte genutzt wurde – und damit quasi für Vorläufer der Zeremonien in Stonehenge. „Europas größte Monumental-Landschaft könnte demnach nicht nur räumlich-ökologisch auf die Zeit der Jäger und Sammler zurückgehen, sondern sich auch in vielerlei anderer Hinsicht aus ihr entwickelt haben“, konstatieren die Forscher.

Quelle: PLOS One, doi: 10.1371/journal.pone.0266789

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