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Geschichte+Archäologie

Waterloo: Kartätschen und amputierte Knochen

Waterloo
Dieses Löwendenkmal markiert heute das Schlachtfeld von Waterloo. (Bild: Thomas de Wever/ iStock)

Musketenkugeln, Kartätschengeschosse und amputierte Glieder: Bei Ausgrabungen in einem Maisfeld haben Archäologen neue Relikte der berühmten Schlacht bei Waterloo entdeckt. Unter den Funden ist eine Kartätschenkugel, die von einem zwischenzeitlich weiten Vorrücken von Napoleons Truppen zeugt. Außerdem stießen die Forscher auf dem Gelände eines ehemaligen Feldlazaretts auf knöcherne Zeugnisse von Amputationen.

Die Schlacht von Waterloo am 18. Juni 1815 brachte das Ende für Napoleon Bonaparte, den selbsternannten Kaiser der Franzosen. Die alliierten Truppen unter dem britischen Duke of Wellington und dem preußischen Feldmarschall Fürst Blücher von Wahlstatt besiegten die Franzosen nach einer verlustreichen Schlacht, in der insgesamt fast 50.000 Soldaten starben. Trotz dieser enormen Opferzahlen wurden auf dem Schlachtfeld, rund 15 Kilometer südlich von Brüssel gelegen, bis heute kaum Überreste von Toten gefunden.

Amputierte Beinknochen zeugen vom Leid der Verwundeten

In diesem Sommer hat eine Gruppe von Archäologen des Projekts Waterloo Uncovered einen zuvor noch kaum erkundeten Teil des ehemaligen Schlachtfelds untersucht – ein Maisfeld bei Mont St Jean, an dem einst das größte Feldlazarett der alliierten Truppen stand. Schätzungen zufolge wurden dort während der Schlacht rund 6000 verletzte Soldaten notdürftig versorgt. „Feldlazarette wie Mont-Saint-Jean müssen einen schrecklichen Anblick geboten haben – überfüllt mit toten und sterbenden Männern“, berichten die Forscher in ihrem Blog. „In Mont St Jean wurden geschätzt rund 500 Amputationen durchgeführt, darunter auch die Amputation des Unterarms von Wellingtons Militärsekretär Fitzroy Somerset.“

Zeugnisse dieses Leidens haben die Archäologen jetzt im ehemaligen Ostgarten des zum Lazarett umfunktionierten Bauernhofs Mont St Jean entdeckt. „Während wir einige Metallstücke ausgruben, machten wir eine erstaunliche Entdeckung – einen menschlichen Beinknochen“, berichten sie. „Das ist das erste Mal, dass das Projekt Waterloo Uncovered menschliche Überreste gefunden hat – sie sind auf dem Schlachtfeld von Waterloo relativ rar.“ Wenig später wurden noch drei weitere Unterschenkelknochen in der näheren Umgebung gefunden. „Ein Knochen zeigt Anzeichen einer schweren Verletzung, während an einem anderen Beinknochen die Spuren der Amputationssäge eines Chirurgen zu erkennen sind“, sagen die Archäologen. Der Arzt nahm dem verletzten Soldaten demnach das Bein knapp oberhalb des Knies ab.

Kugel
Fund der Kartätschenkugel bei Mont St. Jean. (Bild: Chris van Houts/ Waterloo Uncovered)

Kartätsche aus Napoleons Geschützen

Neben den menschlichen Überresten stießen die Archäologen auch auf Spuren des heftigen Kampfes, der am Abend des 18. Juni in unmittelbarer Nähe des Lazaretts tobte. Neben Dutzenden von Musketenkugeln entdeckten sie in einem Meter Tiefe eine große Metallkugel. Die rund 15 Zentimeter große Kugel war jedoch deutlich zu schwer, um von einer normalen Kanone stammen zu können. Als Tony Pollard, der archäologische Leiter des Projekts, daraufhin diese Kugel einer näheren Untersuchung unterzog, entdeckte er Überraschendes: Die Kugel wies ein Zündloch auf – es handelte sich demnach um eine Kartätsche. Diese Geschosse bestanden aus einer hohlen Eisenkugel, die mit Schießpulver gefüllt und vor dem Abschuss mittels Lunte gezündet wurde. Sie explodierte dann in der Luft oder mitten unter den feindlichen Soldaten.

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„Unsere vermeintliche Kanonenkugel war demnach in Wirklichkeit eine Bombe“, erklären die Archäologen in ihrem Grabungsbericht. „Unsere Kartätsche muss von einer 24-Pfund Haubitze abgeschossen worden sein – der größten der drei Haubitzenvarianten, die die Franzosen bei der Schlacht von Waterloo einsetzten.“ Angesichts der eher geringen Reichweite der Kartätschen von maximal 1100 Metern vermuten sie, dass das Geschoss vom Abend des 18. Juni stammt – einem Zeitpunkt, an dem die französischen Truppen kurz davor standen, die Linien der Alliierten zu durchbrechen. Sie hatten den nur rund 600 Meter entfernten Hof La Haye Sainte erobert und dort schwere Geschütze installiert. Der Beschuss mit den Kanonen und Kartätschen, aber auch das Musketenfeuer der französischen Soldaten brachte den britischen Truppen enorme Verluste bei. Erst die Ankunft der Preußen brachte die Wendung der Schlacht und Napoleon letztlich die Niederlage.

Im Rahmen des Projekts Waterloo Uncovered arbeiten Archäologen gemeinsam mit Archäologiestudenten und Veteranen aus verschiedenen Kriegseinsätzen daran, das Schlachtfeld von Waterloo zu untersuchen.

Quelle: Waterloo Uncovered

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