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Geschichte+Archäologie

Weihnachten bei den Tudors

Derbe Späße an Weihnachten: Der "Lord of Misrule" und sein Gefolge. (University of Leicester Special Collections, 1852)

Wer glaubt, Trunkenheit, verbale Ausrutscher und alberne Spielchen wären eine Domäne neuzeitlicher Betriebs-Weihnachtsfeiern, der irrt. Denn schon vor fast 500 Jahren ging es am Hof der englischen Könige kaum anders zu – im Gegenteil. Zwölf Tage, vom 24. Dezember bis zum 5. Januar regierte damals der „Lord of Misrule“ – eine Art Zeremonienmeister des Chaos.

Wie im 16. und 17. Jahrhundert am englischen Königshof Weihnachten gefeiert wurden, haben Historiker der University Leicester erforscht. Sie trugen dafür zeitgenössische Berichte zusammen und werteten sie aus. Was aus diesen Dokumenten hervorgeht, ähnelt so gar nicht unseren Vorstellungen einer steifen, höfischen Weihnacht.

Der „Lord of Misrule“

Typisch für die Weihnachtstage waren demnach ausgiebige Ess- und Trinkgelage, Verkleidungen und ausgelassene Spiele. Diese wenig besinnlichen Umtriebe und der Brauch, einen „Lord of Misrule“ für diese Tage zu ernennen, geht bis auf die römischen Feste der Saturnalien und das mittelalterliche Fest der Narren zurück, wie die Forscher berichten. Typischerweise war der „Lord of Misrule“ ein untergeordneter Höfling oder sogar Hausverwalter, in jedem Falle nicht der Haushaltsvorstand.

Welche Freiheiten ein „Lord of Misrule“ damals hatte, dokumentiert eine überlieferte Anweisung des Adeligen Richard Evelyn. Er hatte seinen Hausdiener Owen Flood für die zwölf Tage zum „Lord“ ernannt: „Ich gebe Owen Flood das Recht, über alle und jede Person, auch über die Dienerschaft zu herrschen. Wenn immer er seine Trompete oder Musik ertönen lässt, sollen sie ihm gute Dienste leisten, als wenn ich selbst zugegen wäre. Ich gebe seiner Lordschaft zudem volle Macht und Autorität, alle Schlösser, Riegel und Türen aufzubrechen und alle Türen aus den Angeln zu reißen…“

„Nächtliche Unruhen“

Während der zwölf Tage, in denen der „Lord of Misrule“ die Oberherrschaft über das Treiben am Hofe erhielt, waren beispielsweise Gesellschaftsspiele erlaubt, die im Rest des Jahres zumindest in Adelskreisen eher verpönt waren, wie die Historiker berichten. Dazu gehörten Münzenwerfen, das Shuffleboard, bei dem flache Steinscheiben auf eine bestimmte Position geschleudert werden müssen und diverse Varianten des Kegelns oder Bowlens.

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Aus der Regierungszeit von Elisabeth I. berichtet John Strype von „Unruhen und großen Störungen“, die einige junge hochgestellte Männer während der Herrschaft des „Lord of Misrule“ im Jahr 1582 verursacht hatten. Die Ruhestörer wurden damals vor dem Bischof von London angeklagt als „Störer des Friedens, für nächtliches Umherlaufen, Zerbrechen von Glasscheiben, Laternen und ähnlichem und überhaupt für die große Unruhe, die sie verursacht haben.“

Puritaner gegen Brauchtum

Es ist wenig verwunderlich, dass die Puritaner im 17. Jahrhundert versuchten, diese ausgelassenen und subversiven Bräuche zu unterbinden. Der strenggläubige Puritaner Philip Stubbs berichtete angewidert: „Sie treiben Spaß mit Steckenpferden, Drachen und anderem Quatsch und mit ihren grellen Pfeifern und donnernden Trommlern führen sie einen wahren Teufelstanz auf.“

Von ihren Kanzeln herab predigten die Puritaner gegen diese heidnischen Bräuche und verboten sie ihren Gläubigen strikt. 1644 hieß es im „Directory of Public Worship“, einer Art Regelbuch für das Verhalten von Predigern: „Die Festtage, vulgär als Heiligen Tage bezeichnet, haben keine Basis im Wort Gottes und sind daher nicht fortzuführen.“

Allerdings: Wirklich Erfolg hatten sie damit nicht. Die Tradition ausgelassener Weihnachtsfeiern überlebte bis in die viktorianische Ära wie zeitgenössische Berichte und Bilder belegen. So schildern die „Illustrated London News“ 1859 die Weihnachtsfeierlichkeiten im Kristallpalast von London: „Der alte König Weihnacht saß auf seinem mit Immergrün geschmückten Thron, während der Lord of Misrule die Spiele dirigierte.“

Quelle: University of Leicester
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