Alpen Westallgäu war ein bronzezeitlicher Verkehrsknotenpunkt - wissenschaft.de
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Westallgäu war ein bronzezeitlicher Verkehrsknotenpunkt

Hegau
So günstig wie hier im Hegau waren Klima und Natur im bronzezeitlichen Westallgäu nicht. (Bild: Universität Tübingen)

Eigentlich war das Westallgäu in der Bronzezeit eine eher karge, kalte Bergregion, die nur wenig Möglichkeiten des Lebensunterhalts bot. Dennoch lebten in diesem Gebiet schon vor mehr als 3000 Jahren erstaunlich viele Menschen, wie nun archäologische Ausgrabungen belegen. Die Forscher vermuten, dass die günstige Lage an mehreren Fernhandelswegen die Menschen trotz der schwierigen Bedingungen in diese Gegend zog.

Steile Berghänge, karge Böden und ein harsches Klima: Das Westallgäu war vor 3000 Jahren kein sehr freundlicher Ort. Die schmelzenden Gletscher der letzten Eiszeit hatten dort eher unfruchtbare, kiesige Böden hinterlassen und die meisten Täler lagen höher als in den angrenzenden Alpenregionen. Zudem waren die Winter dort lang und hart und die Sommer verregnet. Bisher galt dieses Gebiet daher nicht gerade als günstiger Siedlungsraum für die Menschen der Bronzezeit – und noch heute ist das Westallgäu nicht gerade dicht besiedelt.

Grabhügel, Siedlungen und abgeholzte Wälder

(Bild:  B. Höpfer, Kartenhintergrund: „NASA SRTM-1 V.3“ (NASA JPL, NASA Shuttle Radar Topography Mission Combined Image Data Set. NASA EOSDIS Land Processes DAAC (2014).)

Aus diesem Grund blieb das Allgäu auf der archäologischen Landkarte lange weitgehend leer – es gab nur wenige Ausgrabungen und Studien zur frühen Besiedlung dieser Region. „Das ist auch darauf zurückzuführen, dass die Region weit entfernt von den Universitäten und den zuständigen Denkmalschutzbehörden liegt“, erklärt Benjamin Höpfer von der Universität Tübingen. „Es wurde weniger gegraben, und Baustellen, bei denen oft archäologische Überreste freigelegt werden, konnten weniger gut beaufsichtigt werden als andernorts.“ Doch Höpfer und seine Kollegen wollen dies ändern: Seit 2017 führt das Forschungsteam Ausgrabungen bei Leutkirch durch, die bereits einige Funde erbrachten.

So enthüllten die Ausgrabungen, dass es in dieser vermeintlich so leeren Gegend in der Bronzezeit eine befestigte Bergkuppe gab, außerdem ein dazu gehörendes Gräberfeld mit Grabhügeln. Im Tal lagen gleich mehrere Siedlungen. Bodenanalysen ergaben, dass offenbar schon um 1500 vor Christus Menschen einen großen Teil der Wälder abgeholzt hatten, um Felder anzulegen und Nahrung anzubauen. „Der Umfang der bronzezeitlichen Besiedlung, der jetzt deutlich wurde, verändert unser ganzes Bild von der Region zu dieser Zeit“, sagt Höpfer. „Das prähistorische Allgäu war keineswegs menschenleer. In der Bronzezeit dürfte es – ähnlich wie heute – viele einzelne Höfe und einige kleine Dörfer gegeben haben.“

Handelswege als Siedlungsanreiz

Das weckt die Frage, warum sich die Menschen damals ausgerechnet in dieser kargen Gegend mit unwirtlichem Klima niederließen. Aus den archäologischen Funden schließen die Wissenschaftler, dass die Beweggründe möglicherweise weniger die Ressourcen und Lebensbedingungen vor Ort waren, sondern eher eine in anderer Hinsicht günstige Lage. Denn das Allgäu bildete die Verbindung zwischen wichtigen Handels- und Transportwegen über Alpen, Donau, Iller, Rhein und Bodensee. Damit war diese Bergregion ein bronzezeitlicher Verkehrsknotenpunkt. „Die Alpen waren nicht nur ein Hindernis, sondern auch eine wichtige Handelsdrehscheibe“, erklärt Höpfer. „Der Fernhandel wurde immer wichtiger und dabei spielten Flusstäler als Wegstrecken und Höhenzüge als Orientierungspunkte eine wichtige Rolle.“ Funde von Importwaren im Alpenvorland zeugen vom intensiven Handel jener Zeit.

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Für die Bewohner des Westallgäu wog die Lage an diesen Handelsrouten offenbar die Nachteile der Landschaft auf. Dabei kam ihnen zugute, dass viele der gehandelten Waren und technologischen Neuerungen ihnen direkt bei der Urbarmachung der Bergregion halfen. Neue Techniken der Metallbearbeitung beispielsweise führten zur Entwicklung der Bronzesichel, mit der die Bergbauern Getreide, Stroh und Heu ernten konnten. Dies lieferte das Futter für Nutzvieh, das ihnen wiederum Milch, Häute, Wolle und Fleisch lieferte – Nahrung und gleichzeitig Waren, mit denen sie handeln konnten. Im Laufe der Zeit passten die Bewohner der Gegend ihre Umgebung, aber auch ihre Landwirtschaft an die Bedürfnisse und Gegebenheiten an, wie Funde belegen. So züchteten sie neue, widerstandsfähige Getreidesorten, aber auch Nutztierrassen. „Sie akzeptierten nicht nur passiv, was die Natur ihnen bot. Das verändert unser Bild von den prähistorischen Menschen“, sagt Höpfer.

Die ersten Ergebnisse ihrer Ausgrabungen und Nachforschungen wurden in der neuesten Ausgabe der Archäologischen Ausgrabungen in Baden-Württemberg, dem Jahrbuch der Landesdenkmalpflege, veröffentlicht.

Quelle: Universität Tübingen; Fachartikel: Archäologische Ausgrabungen in Baden-Württemberg 2019, 2020, 24-27

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