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Geschichte+Archäologie Gesellschaft+Psychologie

wie Bauern die Welt eroberten

Vor 10 000 Jahren wurden die ersten Jäger und Sammler zu Ackerbauern. Ohne soziale Revolution wäre der wirtschaftliche Wandel nicht möglich gewesen.

Behutsam hatten sie das Grab geöffnet, alte Skelette beiseite geschoben, den Toten hineingelegt und die Flüssigkeit mit zerstoßenem roten Sandstein darüber geschüttet, die alles blutrot färbte. Wer die Menschen waren, die den Toten im Steinzeitdorf Ba’ja bestatteten, ist bis heute – 9000 Jahre später – ein Geheimnis. Der Ursache des Todes sind Anthropologen zurzeit im Zentrum Anatomie der Universität Göttingen auf der Spur. War der Mann das Opfer einer Gewalttat? Kein abwegiger Gedanke: In Basta, im Süden des heutigen Jordaniens, nur wenige Kilometer von Ba’ja entfernt, machten Margit Berner vom Naturhistorischen Museum Wien und Michael Schultz vom Zentrum Anatomie in Göttingen eine aufschlussreiche Entdeckung: 5 von 29 Schädeln tragen verheilte Brüche. „Das kann ein Hinweis auf Gewalt sein“, formuliert es die Wiener Anthropologin vorsichtig. Funde wie diese zeigen den Wissenschaftlern, dass es nicht ausreicht, Umwelt, Klima und Wirtschaftsfaktoren zu untersuchen, wenn sie mehr über den Wandel von Jägern und Sammlern zu Ackerbauern erfahren wollen, der in der Zeit von Ba’ja und Basta stattfand. Soziale und rituelle Aspekte waren sicher genauso wichtig.

Seit Ende der 1990er-Jahre haben Archäologen der Freien Universität Berlin und Göttinger Anthropologen in Ba’ja drei Kollektivgräber in den steinzeitlichen Häusern freigelegt. Sie fanden Leichen auf engstem Raum in Gruben unter dem Fußboden und in einer kleinen Kammer. Pailletten aus Perlmutt, Perlen, Pfeilspitzen und Dolche aus Feuerstein waren die Beigaben. Überall gab es Reste von roter Erde. „Die Farbe Rot kommt in dieser Zeit häufig im Alltag und in Verbindung mit dem Tod vor. Sie steht wohl für Blut und Leben“, spekuliert Hans Georg K. Gebel, der die Ausgrabungen von Ba’ja leitet. Fast jedes Jahr reist der Berliner Prähistoriker mit seinem Team in das Steinzeitdorf mitten im Sandsteingebirge bei der berühmten Felsenstadt Petra. Ba’ja ist das Pompeji Jordaniens, nur dass es nicht von Lava und Asche ausgelöscht wurde, sondern unter meterhohen Erdschichten begraben liegt.

LEBEN AUF DEN DÄCHERN

Mit Schaufeln, Kellen und Pinseln befreien die Ausgräber die Siedlungsreste von den Spuren der Jahrtausende. Über vier Meter hoch sind die Wände der Häuser erhalten. Dicht an dicht standen sie, keine Straße, nicht einmal ein Fußweg war dazwischen. „Das öffentliche Leben spielte sich auf den Dächern ab“, vermutet der Berliner Bauforscher Moritz Kinzel, der an den Ausgrabungen teilnimmt. Das Felsplateau, auf dem Ba’ja liegt, ist eingepfercht zwischen einer 70 Meter tiefen Schlucht und senkrecht aufragenden Felswänden.

Im Gegensatz zu den Nachbardörfern, die sich immer weiter in die steinzeitliche Landschaft ausbreiten konnten und auf etliche Hektar anwuchsen, mussten die Bewohner von Ba’ja die Höhe nutzen. Sie bauten mehrstöckige Treppengebäude. „Die Architektur des Fundorts reflektiert eine rasch wachsende immense Bevölkerungsdichte. Das kann nicht ohne Konflikte abgegangen sein“ , ist Gebel überzeugt.

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Vor 9000 Jahren leben die Menschen hier zu Hunderten dicht beisammen. Monotones Klopfen hallt durchs Dorf, wenn Männer aus Feuerstein Pfeilspitzen schlagen, Kinder rennen schreiend einer Ziege hinterher. Geräusche, Gerüche und Gefühle werden zum explosiven Gemisch – ein Albtraum für jeden Jäger und Sammler, der es gewohnt ist, bei Konflikten das Lager zu verlassen. Doch Ba’ja ist kein Einzelfall. Zahlreiche Megadörfer waren bis zu 14 Hektar groß und hatten vermutlich bis zu 6000 Bewohner. Die Jäger und Sammler, die zuvor in Gruppen von etwa 30 Mitgliedern über längere Zeit zusammenlebten, mussten für das Leben im Dorf neue Formen der Konfliktbewältigung finden. Eine gewaltige Aufgabe, an der die ersten Bauern scheiterten, wie Gebel glaubt: „ Die Gemeinschaften implodierten um 6900 v.Chr.“ Viele Orte wurden für immer verlassen. Wohin die Menschen gingen, bleibt im Dunkeln.

BIERSELIGe Steinzeitler

Aber nicht erst die produzierende Wirtschaftsweise brachte enorme soziale Umwälzungen. Immer mehr spricht dafür, dass sich das Zusammenleben schon vor Beginn des Ackerbaus grundlegend veränderte. Die bislang als provokant geltende These, dass eine soziale oder religiöse Revolution der wirtschaftlichen Veränderung vorausging, ist salonfähig geworden. Die populärste Version ist die „Bier-statt-Brot- These“, die vor allem von dem Evolutionsbiologen und Buchautor Josef H. Reichholf vertreten wird. Sie besagt, vereinfacht ausgedrückt: Das gemeinsame Trinken war es, was die Menschen dazu brachte, Getreide anzubauen – und nicht der Zwang, mehr Clan-Mitglieder zu ernähren oder Vorräte anzulegen. Vordenker der These war in den 1970er-Jahren der französische Urgeschichtler Jacques Cauvin, der mit seiner Forschergruppe eines der ältesten Steinzeitdörfer am mittleren Euphrat freilegte: Mureybet. Wohlbeleibte Frauenstatuetten veranlassten ihn, noch vor dem Getreideanbau von der „Geburt der Götter“, also einer religiösen Initialzündung, zu sprechen.

Den entscheidenden Schritt zur Bier-statt-Brot-These machte die britische Archäologin Barbara Bender. Sie postulierte, machthungrige Männer hätten Überschüsse an Getreide gebraucht, um Feste zu geben und dadurch ihren Einfluss zu mehren. Die gigantischen Megalithbauten vom Göbekli Tepe in der Südosttürkei sowie die Funde von Jerf-el Ahmar in Nordsyrien scheinen diese These zu bestätigen. In Jerf-el Ahmar haben Archäologen nicht nur Reste reich verzierter Stelen und Steinplatten entdeckt, sondern auch Hinweise auf rätselhafte Bräuche: Auerochsen-Schädel hingen an den Wänden, menschliche Schädel wurden in Gruben deponiert. Wahrscheinlich trafen sich an diesen Orten viele Menschen. Vielleicht tanzten sie, trommelten – und tranken Gerstenbier.

Doch jahrzehntelange Forschungen von Ethnologen und Archäobotanikern legen nah, dass die Beweggründe für den Anbau von Getreide vielschichtig waren. George Willcox, Archäobotaniker im Forschungszentrum des „Maison de l’Orient“ in Südfrankreich, fand heraus, dass Wildgetreide anfangs nur als Zubrot diente. Hauptsächlich sammelten die Menschen kleine Kalorienbomben wie Pistazien, Mandeln und Feigen, von denen es nach dem Übergang zu unserer Warmzeit vor rund 11 000 Jahren im Nahen Osten reichlich gab. Diese neue Fülle an Nahrung ermöglichte es den Menschen, längere Zeit an einem Ort zu leben, Häuser zu bauen und schließlich sesshaft zu werden.

Die Folge: Die Bevölkerung wuchs – im Zeitraffer der Jahrhunderte betrachtet – explosionsartig. Die bisherigen sozialen Verhaltensregeln griffen nicht mehr. Jäger und Sammler in einem Lager hatten die Nahrung meist geteilt und wahrscheinlich auch Fremde bewirtet. In einer größeren Gemeinschaft war das auf Dauer nicht mehr praktikabel. Das Essen konnte nicht länger mit allen geteilt werden. Es wurde versteckt, und man legte Depots an. Offene soziale Netze wurden vermutlich durch engere, vielleicht verwandtschaftliche Bande ersetzt. Das Prinzip zu teilen, schwächte sich allmählich ab, und das traditionelle soziale Netz brach zusammen – eine gewaltige Veränderung, die heute dem Bankrott aller Versicherungen gleichkäme. Denn das höchste Gut der Jäger und Sammler waren soziale Beziehungen, die in Krisenzeiten Sicherheit gaben.

Wie stark das Prinzip zu teilen bei heutigen Jägern und Sammlern verankert ist, zeigen ethnographische Feldforschungen. So berichtet der kanadische Ethnologe Richard B. Lee von einem !Kung-Buschmann in der Kalahari, der sich eine kleine Ziegenherde angeschafft hatte. Innerhalb nur eines Jahres musste der Mann alle Tiere schlachten, um die anderen Lagerbewohner zu verköstigen. Der soziale Druck war so groß, dass es ihm nicht möglich war, die Ziegen über längere Zeit zu halten.

ANGEBER WERDEN GEMOBBT

Wie also gelang es den Steinzeitmenschen vor über 10 000 Jahren, Vorräte für Saatgut anzulegen und eine Herde durchzubringen? Sicher nicht freiwillig und nur gegen größere Widerstände. In diesem Licht betrachtet, bekommen Kultstätten wie Göbekli Tepe eine neue Bedeutung: Soziale Verbindungen, die früher über das Prinzip zu teilen gestärkt wurden, mussten jetzt anders gefestigt werden. Dazu könnten Feste und Riten gedient haben, die an diesen Orten zelebriert wurden. Kaum etwas stärkt das Wir-Gefühl so sehr, wie gemeinsame Emotionen – und gemeinsames Essen. „Feste eignen sich zudem hervorragend, um aufkommende Hierarchien zu kaschieren“, meint der Freiburger Archäologe Alexander Gramsch. In Jäger- und Sammler-Gemeinschaften ist nichts unschicklicher, als seine Macht offen zur Schau zu stellen: Angeber und Machtgierige werden gemobbt. Nicht wer nimmt, sondern wer gibt, genießt Ansehen in der Gruppe. Mit der Sesshaftigkeit wurde es zwar theoretisch möglich, Güter anzuhäufen. Die moralische Legitimation dazu fehlte jedoch zunächst. Durch die Geste des Gebens bei Festen könnte sich das geändert haben. Macht wurde nun über Besitz zur Schau gestellt.

Nicht nur bei den Lebenden untereinander, auch bei ihrem Umgang mit den Toten vollzog sich im 9. Jahrtausend v.Chr. im Vorderen Orient ein Wandel. Die Schädel ausgewählter Toter wurden mit Gips und Ton übermodelliert und kunstvoll bemalt. Erst letztes Jahr haben israelische Archäologen in Yiftahel nahe Nazareth drei solche Schädel gefunden. Die spektakulärsten Funde dieser Art stammen aus der steinzeitlichen Siedlung von Aswad, das vor der syrischen Hauptstadt Damaskus liegt. Die Gesichter sind so fein und lebensecht modelliert, dass man meint, sie blickten einen an, berichtet die französische Grabungsleiterin Danielle Stordeur fasziniert. Einige Schädel, die Archäologen in Hausecken fanden oder die vermutlich von Podesten auf den Boden gefallen sind, sprechen dafür, dass sie zunächst auf- und ausgestellt waren. Man hatte sie wohl erst später – oft in Gruppen – bestattet. Das war wahrscheinlich mit Festen verbunden.

Ein ähnliches Brauchtum kennt man heute noch von Madagaskar: Wer es sich leisten kann, richtet dort alle fünf bis sieben Jahre eine große „Famadihana“, eine „Totenwendungsfeier“, zu Ehren der Verstorbenen aus. Wenn die verwesten Körper aus der Gruft geholt und aus den Tüchern gewickelt werden, vermischt sich der modrige Leichengeruch mit dem würzigen Aroma von selbstgebranntem Rum und gebratenem Fleisch. Von weit her reisen Familienmitglieder an, um an der Gruft mit den Verwandten zu feiern. Sie sind überzeugt: Der Tote ist nicht wirklich tot, sondern nimmt weiter am Leben teil. Man erzählt ihm Geschichten und gießt Rum über die in frische Tücher gekleideten Knochenbündel.

Reste von sieben Auerochsen

Und wie liefen die Bestattungsfeste vor 9000 Jahren ab? Sicher wurden Tiere geopfert. Das belegen die Ausgrabungen von Kfar HaHoresh, nur wenige Kilometer südöstlich von Yiftahel in Israel. Hier hat Nigel Goring-Morris mit seinem Team unter einem Grab die Reste von mindestens sieben ausgewachsenen Auerochsen gefunden. Ob für die Feste Getreide angebaut werden musste, um Bier zu brauen, ist fraglich. Wilde Gerste und vergorene Früchte hätten sicher auch für genug Promille gesorgt. Warum sich Getreide dennoch gegen all die anderen Köstlichkeiten durchsetzte, verraten die großen Dörfer wie Basta und Ba’ja. Erst in diesen Megadörfern des späten vorkeramischen Neolithikums zwischen 7600 und 7000 v.Chr. wurde Getreide vom gelegentlichen Zubrot zum Grundnahrungsmittel, weil es sonst nicht genug Essen für alle gegeben hätte. Aus einem Korn ist schnell eine Ähre gewachsen, die man ernten kann. Ein Baum braucht hingegen viele Jahre, bis er Früchte trägt. Außerdem lässt sich Getreide lange lagern und liefert auf wenig Anbaufläche viele Kalorien – eine willkommene Lösung für die Ernährung der wachsenden Bevölkerung. Doch der Preis für das neue Zusammenleben und die neue Wirtschaftsweise war hoch. Denn die Verarbeitung der Körner war sehr mühsam. Dazu kam: Die Kleinkinder konnten jetzt zwar früher abgestillt und mit Getreidebrei und Ziegenmilch gefüttert werden, doch damit fehlten ihnen wichtige Nähr- und Abwehrstoffe. Vermutlich stieg infolgedessen die Kindersterblichkeit.

Bakterien und Viren breiteten sich in den größeren Gemeinschaften sicher rasant aus. Durch die Viehhaltung kamen bis dahin unbekannte Krankheiten hinzu. Fruchtbarer Boden wurde zum Besitz, Hierarchien etablierten sich, und Mächtige konnten erstmals über die Arbeitskraft anderer verfügen. Ackerbau und Viehzucht eroberten die Welt, während die verbliebenen Jäger und Sammler in Rückzugsgebiete abgedrängt wurden. ■

MARION BENZ, Wissenschaftsautorin und promovierte Archäologin, arbeitet in Freiburg. Das Leben in der Steinzeit ist ihr Spezialgebiet.

von Marion Benz

KOMPAKT

· Als die ersten Dörfer entstanden, brauchten die Menschen neue Regeln für das Zusammenleben.

· Erst mit der wachsenden Bevölkerung wurde Getreide zum Grundnahrungsmittel.

· Die steinzeitliche Kultstätte Göbekli Tepe in der Türkei gilt als wichtiges Zentrum für gemeinsame Feste.

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