Wie das Klima Vorgeschichte schrieb - wissenschaft.de
Anzeige
Anzeige

Geschichte+Archäologie

Wie das Klima Vorgeschichte schrieb

Palästina – die erste multikulturelle Gesellschaft. Neben Krieg und Handel haben Klimaverschiebungen die Geschichte des Nahen Ostens seit der Steinzeit entscheidend geprägt. Der ständige Austausch von Menschen, Ideen und Kulten ermöglichte die ersten kulturellen Glanzleistungen.

Wann hörte der Mensch auf, von der Hand in den Mund zu leben? Die frühesten Zeugnisse für den ersten, entscheidenden Kulturschritt des Menschen – von Sammeln und Jagen zu Ackerbau und Viehzucht – haben die Archäologen in den letzten Jahren gefunden.

Die Stufe der bloßen Bedürfnisbefriedigung haben die Menschen also schon im 7. Jahrtausend v. Chr. hinter sich gelassen; es gab genug Lebensressourcen und Ideenkraft, um neugierig hinter das banal Alltägliche zu schauen. Die archäologischen Funde ab dem 7. Jahrtausend bringen die ersten rechtwinkligen, mehrräumigen Häuser mit Fußboden und Wandschmuck, ja mit Wasserkühlung (Nevali Cori) und Installation (‚Ain Ghazal) zum Vorschein. Gewohnt wird nicht in ungeordneten Hütten-Haufen, sondern in planmäßig angelegten Siedlungen. Das alles können die Archäologen fassen. Nicht greifbar war lange Zeit die soziale Struktur dieser Gemeinschaften: Es gab keine Hinweise auf eine Hierarchie.

„Unsere Funde lassen erkennen“, sagt Hartmut Kühne, Archäologe an der Freien Universität Berlin, „daß die Vorstellungen über die gesellschaftliche Struktur in dieser frühen Zeit revidiert werden müssen.“
Die erste vorderasiatische Hochkultur hat ihren Scheitelpunkt im 7. Jahrtausend v. Chr. erreicht und bricht gegen 6000 ab. Die steinzeitlichen Siedlungen werden aufgegeben, die Bevölkerung zieht sich in die regensicheren Gebiete im Norden und Westen zurück. Die archäologisch faßbaren Zeugnisse dieser Zeit belegen einen totalen Niedergang. Die Ursache ist leicht auszumachen, wenn man einen übergeordneten Blickwinkel wählt: Das Klima war immer trockener geworden, gleichzeitig wuchs die Bevölkerung – bedingt durch die um sich greifende Seßhaftigkeit. Der Mensch wird auf seine elementaren Lebensbedürfnisse zurückgeworfen. Das heißt zunächst allemal: Sicherung der Nahrung, Kultur wird zweitrangig.

Ab 5500 bringt die „Atlantikum“ genannte Klimaperiode wieder feuchteres Klima in die Region; die alten Siedlungen werden dennoch nicht reaktiviert, aber allmählich regt sich erneut menschlicher Gestaltungswille mit den „wunderschön bemalten Keramiken der späten neolithischen Ackerbaukulturen zwischen 5500 und 4000 v. Chr.“, diagnostiziert Nahost-Experte Kühne. Im Anschluß etablierte sich in enger Verzahnung mit dem bäuerlichen Umfeld im ganzen Vorderen Orient eine ausgeprägte Stadtkultur – nach den archäologischen Befunden etwa gleichzeitig in Mesopotamien und im küstennahen Palästina, wo die Blütezeit zwischen 2900 und 2800 erreicht wird. In Nordsyrien dagegen begann die Urbanisierung erst zu diesem Zeitpunkt.

Anzeige

Die Städte dieser Frühen Bronzezeit, vermutlich Fürstensitze, waren machtvolle Gebilde mit Mauern und Toren. Sie waren abhängig von den Produkten der umliegenden Landwirtschaft. Die Städter selbst lebten von der Veredelung der Produkte und deren Handel. Das System funktionierte solange gut, wie die Landwirtschaft „Gewinne“ erwirtschaftete. Aber: Die Klimakurve senkte sich bereits seit geraumer Zeit wieder in Richtung Trockenheit. Um 2400 (in Palästina) und 2200 bis 2100 v. Chr. (in Nordsyrien) kollabierte dieses ausgeklügelte Wirtschaftssystem. Die klimatischen Veränderungen hatten den „Wertschöpfungskreislauf“ an der Basis durchbrochen. Eine neue Nullrunde in Nahost.

Was folgt, ist archäologische Unübersichtlichkeit: Die 500 Jahrevon 2400 bis 1900 v. Chr. haben die Altertumsforscher noch nicht ganz durchschaut, vor allem für den engeren Bereich Palästinas fehlen – bislang – verwertbare Quellen.

Die einzig beständige Größe in der mittleren Bronzezeit (1900 – 1500 v. Chr.), in der Völker und Religionen durcheinandergewirbelt wurden, war der internationale Handel: Weihrauch von der arabischen Südküste, Lapislazuli aus Afghanistan, Bernstein aus dem hohen Norden, Obsidian aus der Türkei, Türkis aus Südpalästina, Zinn aus dem Osten, Kupfer von Zypern, Zedern aus dem Libanon, Keramik aus der Ägäis, Tiere, Sklaven und Diplomaten- wie Handels-Post.

„Die Späte Bronzezeit (1500 – 1000 v. Chr.) zeichnet sich aus durch einen intensiven Handel, an dem alle Mittelmeerländer von Ägypten über Palästina bis nach Anatolien teilgenommen haben“, summiert Dr. Jens Kamlah die zivilen Aktivitäten der Zeit. Der Bibelforscher und Archäologe von der Tübinger Universität weiß aber auch: „Alle waren von diesem Handel auch abhängig. Und der wiederum war abhängig von der internationalen politischen Konstellation. Als die sich um 1200 v. Chr. änderte, brach der Handel zusammen, alle Beteiligten erlitten eine heftige Rezession und mußten sich umstellen – vor allem Palästina, weil es immer Durchgangsstation ohne Bodenschätze war.“ Zeit für die nächste Katastrophe.

Die „Dunklen Jahrhunderte“ legen sich verdüsternd über Mittelmeer und Vorderen Orient, königliche Dynastien verschwinden. „Die Seevölker“ ersticken alle Kultur. Raunend nur wird über das Mysterium berichtet. Mittendrin aber, so das Alte Testament, die „Landnahme“: Das Volk Israel erobert Kanaan, das ihm von seinen Propheten versprochene Heilige Land.

Was ist Tatsache? Kühne-Kompaktvorlesung: „Auch hier hat eine Dürreperiode etwas in Gang gesetzt. Kleinvieh-züchtende Nomaden aus der syrischen Steppe verlieren ihre Lebensgrundlage und drücken auf das Kulturland. Der eingespielte Kreislauf zwischen nomadischer und städtischer Wirtschaft bricht abermals zusammen. Vor allem die Aramäer dringen nach Nordsyrien und Babylonien. Vermutlich sind Teile von ihnen nach Südwesten, nach Palästina, gezogen.“

Die Klimaänderung, davon ist Kühne überzeugt, erfaßte diesmal auch Gebiete auf dem Balkan und löste den Zerstörungszug der „Seevölker“ aus. „Diese beiden Bewegungen“, so Kühne, „finden fast gleichzeitig statt und erschüttern die etablierten Reichsgebilde: Die mykenisch-ägäische Kultur wird torpediert, das Hethiterreich bricht zusammen, Babylonien wird erschüttert, das mittelassyrische Reich fällt in eine Schwächeperiode, und selbst Ägypten kann sich der Invasoren nur mit Mühe erwehren.“
„Die Klimaänderung löste den Zerstörungszug der Seevölker aus
So weit die zerstörerischen Auswirkungen der „Seevölker“, die historisch und archäologisch nachzuzeichnen sind. Was aber ist mit den „Dunklen Jahrhunderten“, gemeinhin zwischen 1200 und 800 v. Chr. datiert? Kühnes Forschungen im nordsyrischen Durkatlimmu haben dazu beigetragen, „daß wir das Dunkle Zeitalter allmählich mit historischen Daten füllen können“. Es ist wie so oft: Man muß nur den Blickwinkel ändern, um die, angeblich verschwundenen, Menschen wiederzufinden – nicht in den Hauptstädten, aber in der Provinz. Kühne: „Das Dunkle Zeitalter ist eine Chimäre!“

Das gilt besonders für das israelitische Palästina. Während die Forscher in allen anderen vorderasiatischen Gebieten mit neuen Ansätzen mühsam nach habhaften Nachrichten suchen müssen, gibt es in Palästina eine umfassende Auskunftei: Folgt man dem Alten Testament, ging es dort um 1200 v. Chr. erst so richtig los: Kriegerische Eroberung des Landes durch die eingewanderten Israeliten, Konsolidierung, Religionsstreitigkeiten, Zerfall des Königreichs, Vernichtung und Verschleppung erst durch die Assyrer, dann durch die Perser, Rückkehr aus dem Exil, endgültige Etablierung des „Einen Gottes“.

Ohne je selbst ausgreifende politische Macht gewesen zu sein oder eine eigenständige ausstrahlende Kultur gehabt zu haben, ist der Landstrich zwischen Mittelmeer und Jordan, zwischen Ägypten und der heutigen Türkei zu einem Fixpunkt in der Weltgeschichte geworden.

Michael Zick
Anzeige

bild der wissenschaft | Aktuelles Heft

Liken und keine News mehr verpassen!

Anzeige

Proxima b: Wasser von Kometen?

Erdzwilling könnte dank Einschlägen von Exokometen wasserreich sein weiter

Warum koten Wombats Würfel?

Geheimnis um seltsam geformte Hinterlassenschaften der Beuteltiere gelüftet weiter

Marianengraben schluckt Wasser

Subduktionszone transportiert weit mehr Wasser in den Erdmantel als gedacht weiter

Supernova-Vorgänger aufgespürt

Astronomen finden erstmals möglichen Vorgängerstern einer Supernova vom Typ 1c weiter

Wissenschaftslexikon

Stum|mel|af|fe  〈m. 17; Zool.〉 Schmalnase von schlanker Gestalt, mit reicher Behaarung, langem Schwanz u. stummelförmiger Rückbildung des Daumens: Colobus

Zwangs|hand|lung  〈f. 20; Psych.〉 unsinnige, ungewollte, krankhafte Handlung (bei jmdm., der an Zwang (4) leidet)

Farn  〈m. 1; Bot.〉 krautige od. baumförmige Farnpflanze mit gefächerten Blättern: Filicina, Pteropsida [<ahd. farn, ... mehr

» im Lexikon stöbern
Anzeige
Anzeige