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Geschichte+Archäologie

Wie die Aufklärung die Gebärdensprachen prägte

Gebärden-Alphabet
Gebärden-Alphabet von 1873. (Bild: traveler116/ iStock)

Gebärdensprachen für Gehörlose existieren heute in fast allen Ländern und Regionen. Wann und wie die verschiedenen Varianten der Gestenkommunikation entstanden und in welchem Kontext, haben nun Linguisten rekonstruiert. Ihre Ergebnisse unterstreichen, welch wichtige Rolle die europäische Aufklärung und die mit ihr verbundenen Bildungsmaßnahmen für die Ausbreitung dieser Gestensprachen spielten.

Die nonverbale Kommunikation über Gesten ist keine Erfindung der Neuzeit: Schon unsere frühen Vorfahren nutzten vermutlich Handzeichen zur wortlosen Verständigung. Die heute in der ganzen Welt verwendeten Gebärdensprachen entstanden jedoch viel später: Ein Großteil von ihnen wurde im späten 18. und frühen 19. Jahrhundert entwickelt. Dabei entstand aus Buchstabenzeichen nach und nach ein komplexes System aus Wortzeichen mitsamt grammatikalischer Varianten.

Subtile Unterschiede verraten den Stammbaum der Gebärdensprachen

Doch wo liegen die Ursprünge der verschiedenen modernen Gebärdensprachen? „Während die Evolution gesprochener Sprachen seit mehr als 200 Jahren untersucht wird, steckt die Erforschung der Entwicklung von Gebärdensprachen noch in ihren Kinderschuhen,“ sagt Erstautor Justin Power von der University of Texas in Austin. „Vieles, was wir über die Geschichten der heute gebräuchlichen Gebärdensprachen wissen, beruht auf historischen Quellen, welche den Kontakt zwischen Institutionen von Gehörlosen und Lehrkräften beschreiben. Wir wollten wissen, inwiefern ein Vergleich von Gebärdensprachen mit Hilfe von aktuellen und historischen Quellen neues Licht auf die Entwicklung und Ausbreitung europäischer Gebärdensprachen werfen könnte.“

Für ihre Studie führten die Forscher eine vergleichende Analyse von 40 modernen und 36 historischen manuellen Alphabeten durch. Dabei verglichen sie subtile Abwandlungen der einzelnen Gebärden zwischen den Sprachen – ähnlich wie ein Genetiker Mutationen im Erbgut vergleicht. „Sowohl in der biologischen wie auch in der linguistischen Evolution werden Merkmale von Generation zu Generation weitergegeben“, erklärt Power. Dabei kommt es aber immer wieder zu kleinen Veränderungen. Je ähnlicher sich einzelne Gesten in den verschiedenen Gebärdensprachen sind, desto eher spricht dies daher für eine enge Verwandtschaft und einen gemeinsamen Ursprung.

Paris als europäisches Zentrum der Aufklärung und der Gebärdensprache

Die Ergebnisse bestätigen die enge Verknüpfung der europäischen Aufklärung und ihrer Bildungsideale mit der Ausbreitung und Weiterentwicklung der Gebärdensprachen. „Die Gründung von Bildungseinrichtungen für Gehörlose begann während der Aufklärung im Europa des späten 18. und 19. Jahrhunderts“, erklären Power und sein Team. Eines der Zentren dieser aufklärerischen Bildung war damals Paris: „Der Erfolg der ersten öffentlichen Schule für Gehörlose, dem zwischen 1759 und 1771 gegründeten Institut National de Jeunes Sourds de Paris, zog Pädagogen aus ganz Europa und der Neuen Welt an“, so die Forscher. „Die Erzieher kamen an das Pariser Institut, um pädagogische Methoden zu lernen und dann eigene Gehörlosenschulen in ihren Heimatländern zu gründen.“ Auch die Schüler des Instituts kamen aus ganz Europa und trugen so zur Ausbreitung der dort praktizierten Gebärdensprache bei.

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Dies wird durch die vergleichenden Analysen der Zeichen bestätigt. Demnach bildet die französische Zeichensprache den Ursprung einer der fünf Hauptgruppen der modernen Gebärdensprachen. Sie hat die Entwicklung zahlreicher europäischer, aber auch der amerikanischen und der Internationalen Gebärdensprache geprägt, wie Power und seine Kollegen herausfanden. In der Pariser Gehörlosen-Gemeinschaft wurden als erstes alte spanische Buchstabenzeichen so weiterentwickelt, dass daraus eine Gebärdensprache entstand. Doch neben der französischen Gebärdensprache gab es noch eine andere, die schon Ende des 18. Jahrhundert überraschend großen Einfluss besaß: die österreichische Gebärdensprache. „Aus historischen Quellen ist bekannt, dass die Gründer der ersten Gehörlosenschule in Wien, Joseph May und Friedrich Storch, im Jahr 1777 das Pariser Gehörloseninstitut besuchten, um pädagogische Methoden zu lernen und später dann die Bildung von Gehörlosen im Habsburgerreich voranzubringen“, berichten Powert und sein Team. Deshalb nahm man bisher auch an, dass sich die österreichische Gebärdensprache aus der französischen entwickelt hat.

Doch die Zeichenanalysen enthüllen dies als Irrtum. Denn der Studie zufolge haben beide Sprachen zwar ihren Ursprung in den spanischen Handzeichen, sie entstanden aber unabhängig voneinander – eine in Wien, die andere in Paris. Auf Basis der frühen österreichischen Gebärdensprache entwickelten sich im frühen 19. Jahrhundert auch die Sprachvarianten Polens, Ungarns und Russlands. Auch einige skandinavische Gebärdensprachen lassen sich auf österreichische Wurzeln zurückverfolgen, wie die Forscher herausfanden.

Quelle: University of Texas at Austin; Fachartikel: Royal Society Open Science, doi: 10.1098/rsos.191100

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