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Geschichte+Archäologie

Wie es die junge Sowjetunion mit der Religion hielt

Als die Sowjetunion noch jung war, glaubten ihre Führer – vor allem Lenin -, dass sich die Religionsfrage von selbst erledigen würde. Da sich durch die Revolution mittel- bis langfristig die sozialökonomischen Verhältnisse ändern würden, so dachten die Bolschewiki, bräuchten die Menschen auch keinen Trost mehr in der Kirche zu suchen. Und die Bolschewiki selbst bräuchten die Religion und die Gläubigen auch nicht zu verfolgen. Diese Haltung der sowjetischen Staatsmacht änderte sich mit Stalin – und das mehrfach. Wie die junge Sowjetunion mit dem Thema Religion umging, ist nun in einem Sammelband mit dem Titel „Politik und Religion in der Sowjetunion 1917-1941“, herausgegeben von Christoph Gassenschmidt und Ralph Tuchtenhagen, aufgearbeitet worden. Der Sammelband entstand am Osteuropa-Institut München.

Bis zu Lenins Tod (1924) dominierte die evolutionistische Sicht auf die Religion: Mit der Änderung der Verhältnisse würde auch die Religion für die Menschen nicht mehr wichtig sein. Stalin erkannte, dass dies nicht so sein würde und entschied sich für eine interventionistische Herangehensweise. Religion sollte jetzt aktiv bekämpft werden, Zwangsmaßnahmen wurden nicht mehr ausgeschlossen. Zunächst jedoch richtete sich die antireligiöse Politik des Sowjetstaates ausschließlich auf die Kirchenorganisationen. Man glaubte, über die Bekämpfung der Kirchenorganisation auch den Glauben treffen zu können. Dies erwies sich langfristig als Irrtum. Noch Mitte der 30er Jahre bezeichnete sich noch immer der weitaus größte Teil der Bevölkerung als gläubig.

Mehr noch: Da ja vor allem die orthodoxe Kirchenorganisation im Visier der Staatsmacht war, sahen jetzt einige nicht-orthodoxe Religionsgemeinschaften – Lutheraner, Muslime, Buddhisten u.a. – ihre Chance gekommen. Sie waren unter dem Zarismus nur geduldet worden, jetzt beriefen sie sich auf das Verfassungspostulat der Religionsfreheit und verhielten sich dem neuen Staat gegenüber bewusst loyal. Ab Ende der zwanziger Jahre, Anfang der dreißiger Jahre änderte sich die Politik aufs Neue. Im Zuge des entstehenden Sowjetpatriotismus (man musste sich eingestehen, dass die Weltrevolution ausgeblieben war und konzentrierte sich auf den „Sozialismus in einem Land“) setzte der Staat nun eher auf Glaubensgemeinschaften, die sich in der Tradition der orthodoxen Volks- und Kirchenkultur bewegten. Die Orthodoxe Kirche wurde nun eingespannt für die Bildung einer sowjetisch-vaterländischen Identität. Glaubensgemeinschaften wie die Lutheraner, protestantische Freikirchen oder Juden wurden jetzt „unerwünscht“.

Im Grunde aber lief es darauf hinaus, die Partei als Kirchenersatz zu etablieren. Damit wurde letztlich die Herrschaftsstruktur des kaiserlichen Russland fortgesetzt, nur dass hier der Herrscher von Gottes Gnaden durch die Herrscher von Ungottes Gnaden ersetzt wurden. – In dem Sammelband zieht sich dieses Fazit durch die Perspektiven der verschiedenen Glaubensgemeinschaften. Zur Sprache kommen die Beziehungen des Staates zur Russisch-Orthodoxen, Georgischen und Armenischen Kirche, zu den Altgläubigen, den Lutheranern, den protestantischen Freikirchen, den Juden, Muslimen und Schamanisten. Die Beiträge beruhen zum größten Teil auf bisher nicht veröffentlichten Archivquellen.

Doris Marszk
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