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Geschichte+Archäologie

Wie man Seuchen in vergangenen Jahrhunderten begegnete

Schulen schließen!
"Schulen schließen!": Zeitungsartikel in Der Morgen vom 7. Oktober 1918 (Bild: Österreichische Nationalbibliothek Wien, ANNO | www.anno.onb.ac.at)

Maßnahmen wie soziale Distanzierung, Schulschließungen und Quarantäne sind alles andere als neu, wenn es um die Eindämmung einer Pandemie geht. Denn schon vor Jahrhunderten versuchten Menschen auf diese Weise, Seuchen zu bekämpfen. Wie dies konkret ablief und welche Rolle dabei die Gelehrten der Universitäten spielten, haben Historiker nun am Beispiel der Universität Wien untersucht.

In den letzten Jahrhunderten kam es in Mitteleuropa immer wieder zum Ausbruch von als „Pest“ oder „Pestilenz“ bezeichneten Seuchen. Damals wurde unter diesem Sammelbegriff alles zusammengefasst, was ansteckend war und sich in der Bevölkerung verbreitete. Weil man aber nicht wusste, wodurch solche Seuchen ausgelöst wurden, suchte man vielfach nach scheinbar naheliegenden Erklärungen. Einige sahen in ihnen eine Strafe Gottes und versuchten, durch Buße, Prozessionen oder Selbstgeißelungen Vergebung zu erlangen. Andere machten Minderheiten und Randgruppen verantwortlich, weshalb es im Gefolge von Epidemien häufig zu Judenprogromen kam. Gelehrte sahen dagegen eher ungünstige astronomische Konstellationen, oder krankmachende Fäulnisdünste als Seuchenursachen an.

„Social Distancing“ und geschlossene Universitäten und Schulen

Was aber wurde gegen die „Pestilenzen“ unternommen? Wie ein Blick in historische Dokumente der Universität Wien, in städtische Bekanntmachungen und Zeitungen belegt, haben sich die Gegenmaßnahmen über die Jahrhunderte hinweg kaum verändert. Schon im Mittelalter versuchte man beispielsweise, die Ansteckung zu verhindern, indem man Kranke isolierte und soziale Kontakte in der Bevölkerung verringerte. Vielfach wurden Einrichtungen gesperrt, in denen besonders viele Menschen zusammenkamen, wie Gasthäuser, Badehäuser oder Schulen. Auch an der Universität Wien musste bereits im Jahr 1399 der Lehrbetrieb ausgesetzt werden, weil in der Stadt eine Seuche umging. Viele Universitätsangehörige verließen damals fluchtartig die Stadt, wie historische Aufzeichnungen verraten.

Noch bis zum 18. Jahrhundert kam es durch die regelmäßig auftretenden Epidemien sogar im Schnitt alle 15 bis 20 Jahre zu einer vorübergehenden Schließung der Universität Wien. Die Dauer einer solchen seuchenbedingten Sperre wurde vom Rektor meist für zwei bis drei Monate verfügt – oft mit dem Vorbehalt, die Schließung im Bedarfsfall zu verlängern. In diesen Zeiten wurden Fakultätsversammlungen zum Teil außerhalb Wiens abgehalten, Immatrikulationen von Neustudenten blieben aus. So wurde in der Matrikel der Rheinischen Nation für das Pestjahr 1521 angemerkt, dass niemand zur Inskription gekommen sei. Auch das studentische Leben in den sogenannten Bursen, einer Art Lerngruppen in WG-Form, war betroffen. Im Seuchenjahr 1421 ist beispielsweise in einem Dokument verzeichnet, dass die Studenten bei Infektionsgefahr außerhalb der Burse zu verköstigen seien.

Und es gibt noch eine Parallele zur aktuellen Pandemie: Auch bei vergangenen Seuchen wurden nicht nur kulturelle Veranstaltungen abgesagt, auch wissenschaftliche Tagungen fielen der „Pestilenz“ zum Opfer. So musste die für Herbst 1831 geplante Versammlung deutscher Naturforscher und Ärzte wegen einer Epidemie um ein Jahr verschoben werden.

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Universität als „Fachberater“

Doch ähnlich wie heute die Virologen und Epidemiologen trugen auch damals die Universitäten und Wissenschaftler dazu bei, geeignete Maßnahmen zu empfehlen und Ursache zu erforschen. So spekulierten die Mediziner der Universität Wien bei einer Seuche im Jahr 1539 darüber, ob die aktuelle Pest auf Ansteckung, schlechte Dünste oder astronomische Einflüsse zurückzuführen sei. Weil sie die Ursache nicht eindeutig bestimmen konnten, kamen sie zu dem Schluss, dass sie keine gesicherten Heilmittel empfehlen konnten. Um die Ansteckung zu minimieren, rieten sie aber bereits zu einer Reinhaltung der Häuser und Straßen sowie zur Reinigung der Luft durch Räucherwerk und Feuer mit wohlriechenden Hölzern.

Im 16. Jahrhundert finden sich auch erste Ansätze einer systematischen Seuchenstatistik in den Fakultätsakten: Es wurden tägliche Sterberaten ermittelt und aufgezeichnet. Etwa ab dieser Zeit verfassten etliche Wiener Mediziner Schriften über die Pestilenz und ihre Bekämpfung, teilweise auch in deutscher Sprache. Gleichzeitig wurden die Mitglieder der Medizinischen Fakultät nun auch verstärkt in das Gesundheitswesen der Stadt Wien sowie Niederösterreichs eingebunden. So waren die Ärzte der Universität verpflichtet, Arme unentgeltlich zu behandeln. Auf Landesebene war das Collegium sanitatis die oberste Instanz, die sich aus Angehörigen des Hofes, des Landes, der Stadt Wien sowie der Kirche und der Universität zusammensetzte.

Magister sanitatis – ein gefährlicher Posten

Aufgrund der ständig wiederkehrenden Seuchen wurde an 1541 ein eigener Seuchenarzt, der Magister sanitatis, etabliert. Das Amt wurde ab 1552 von der Niederösterreichischen Regierung mit jährlich 200 Gulden besoldet. Doch trotz dieses Entgelts war dieses Amt bei den Mitgliedern der medizinischen Fakultät wegen der Beschwerlichkeit und des Ansteckungsrisikos eher unbeliebt – nicht ganz zu Unrecht. Denn schon der erste besoldete Amtsinhaber Franz Vesalius starb an der Pest, ebenso wie zahlreiche seiner Nachfolger. Unter anderem deswegen bestimmten die Professoren meist das jüngste Fakultätsmitglied zum Seuchenarzt, manchmal sogar einen Medizinstudenten, wie die Aufzeichnungen verraten.

Die letzte Schließung erlebte die Universität Wien während der spanischen Grippe im Jahr 1918. Im Oktober 1918 wurden wegen der Grippe-Pandemie für rund zwei Wochen Kultureinrichtungen und Schulen geschlossen, die Universität Wien hielt jedoch zunächst ihren Lehrbetrieb aufrecht – anders als viele andere Hochschulen in Europa. Erst im Dezember 1918 verfügte der Akademische Senat das vorgezogene Ende des Vorlesungsbetriebs – allerdings nicht wegen der Grippe, sondern wegen des damals herrschenden Kohlemangels.

Quelle: Universität Wien

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