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Wie nationale Vorurteile prägen

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Arbeiten Menschen unterschiedlicher Nationalität zusammen, sind sie oft von Klischees geprägt. (Foto: Nina Lueth)
Korrekte Deutsche, lockere Amerikaner, höfliche Japaner… Die Menschen jedes Landes haben bekanntlich typische Klischees über die Eigenschaften anderer Nationen im Kopf. Wie eine Studie nun belegt, wirken sich diese Vorstellungen offenbar deutlich auf die Kooperationsbereitschaft von Menschen unterschiedlicher Nationalitäten aus. Da es sich oft um falsche Erwartungen handelt, können sie sich negativ auf die Zusammenarbeit auswirken.

„Heutzutage telefonieren oder treiben wir Handel mit Menschen weltweit, von denen wir nichts anderes als die Nationalität kennen“, sagt Angela Rachael Dorrough vom Max-Planck-Institut zur Erforschung von Gemeinschaftsgütern in Bonn. „Dabei vernachlässigen die üblichen ökonomischen Theorien oft die psychologischen und kulturellen Aspekte“, so die Wissenschaftlerin. Sie und ihr Kollege Andreas Glöckner haben deshalb nun untersucht, welche Rolle Klischees spielen, wenn Menschen unterschiedlicher Nationalität miteinander interagieren sollen. Sie haben dazu über 1.200 Menschen aus Deutschland, den USA, Israel, Indien, Japan und Mexiko ein experimentelles Onlinespiel spielen lassen.

Experimentelle Spiele mit Dilemma

Die Teilnehmer mussten sich dabei in Zweierteams zwischen einer egoistischen oder einer kooperativen Strategie entscheiden, ohne sich absprechen zu können. Der dickste Gewinn stand in Aussicht, wenn sich nur einer der beiden egoistisch verhielt – er bekam dann den ganzen Batzen, während der andere maximal ausgebeutet wurde. Verhielten sich allerdings beide egoistisch, bekam keiner etwas. Entschieden sich die Partner jedoch jeweils für Kooperation, gab es für beide einen mittleren Gewinn. Dieses Konzept des Spiels wird in der psychologischen Forschung Gefangenen-Dilemma bezeichnet. Das Dilemma besteht darin, nicht zu wissen, wie sich der andere entscheiden wird. Dadurch versuchen die Partner, das Verhalten des anderen abzuschätzen. Daraus ergibt sich wiederum: Erwartet ein Teilnehmer vom Partner ein egoistisches Verhalten, so wird er ein ebenso egoistisches Verhalten wählen. Schätzt man ihn hingegen als kooperativ ein, wird man ebenfalls kooperieren.

Im Rahmen des Spiels der Studie kannten die Teilnehmer vom anderen nur ein Merkmal: die Nationalität. Um einen Einblick zu gewinnen, wie die Teilnehmer ihre Erwartung gebildet haben, wurden sie anschließend gefragt, wie sie ihre Mitspieler einschätzen. Dabei standen typische Kriterien der Kooperationsbereitschaft im Fokus – wie vertrauensvoll, freundlich, großzügig oder sympathisch die Teilnehmer ihren unbekannten Partner empfunden haben.

Klischees prägen das Spiel

Es zeichnete sich ab: Die Spieler besaßen tatsächlich ländergeprägte Klischees vom Verhalten ihrer Mitspieler. In diesem Zusammenhang inkompatible Erwartungen wurden beispielsweise bei den US-Amerikaner besonders deutlich: Sie versprechen sich offenbar häufig eine hohe Kooperationsbereitschaft von Japanern, aber eine sehr geringe von Israelis oder Indern.  Menschen aus Israel gehen wiederum von einer sehr hohen Kooperationsbereitschaft von Partnern aus den USA aus und sind deshalb ihrerseits besonders kooperationsfreudig. Japaner stellten sich hingegen tendenziell als eher pessimistisch heraus, was das kooperative Verhalten anderer Nationalitäten betrifft. Die Deutschen liegen für sie dabei übrigens im Mittelfeld.

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Die Forscher kommen letztlich zu dem Fazit: Die Teilnehmer folgten stereotypen Vorstellungen, die sich oft als falsch erwiesen und dadurch zu Inkompatibilitäten führten. Negativ traf dies offenbar besonders die Israelis, von denen durchschnittlich eine geringe Kooperationsbereitschaft erwartet wurde, obwohl sie durchaus zum Teilen bereit sind. Bei den Japanern war der Zusammenhang hingegen tendenziell umgekehrt: Sie wurden als  besonders kooperativ eingeschätzt, was aber oft nicht zutraf. Vermutlich, weil die Japaner von anderen wiederum keine große Neigung zur Zusammenarbeit erwarten.

In der zunehmend globalisierten Welt ist es immer wichtiger, dass Menschen länderübergreifend gut miteinander kooperieren, betonen die Forscher. „Wenn wir Menschen zu Unrecht falsch einschätzen, reagieren wir auch falsch. Genau das sollten wir uns noch bewusster machen. Es wäre eine Aufgabe der Forschung, herauszufinden, wie Hilfsmittel entwickelt werden können, um gegen diese irrigen Annahmen entgegenzuwirken“, meint Dorrough. Die Forscher wollen in diesem Zusammenhang nun am Ball bleiben und ihre Ergebnisse verfeinern, indem sie weitere Länder in ihre Forschung einbeziehen. Sie wollen außerdem untersuchen, wie der Grad der Globalisierung oder historische Faktoren bestimmte Klischees erklären können.

Quelle:

© wissenschaft.de – Martin Vieweg
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