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Khmer-Reich

Wie sich Angkor entwickelt hat

Angkor
Tempel von Angkor Wat. (Bild: R.M. Nunes/ iStock)

Anhand von archäologischen Ausgrabungsdaten, historischen Berichten und Karten sowie modernen Laserscanning-Ergebnissen haben Forscher das Wachstum der historischen Stadt Angkor im heutigen Kambodscha modelliert. Die Berechnungen zeigen, dass sich die verschiedenen Bereiche der Metropole im Laufe der Jahrhunderte unterschiedlich schnell entwickelt haben. Zu ihrer Blütezeit im 13. Jahrhundert hatte die Stadt den Forschern zufolge zwischen 700.000 und 900.000 Einwohner.

Angkor, das ehemalige Zentrum des Khmer-Reiches, ist weltbekannt für seine Tempelanlagen, darunter Angkor Wat, der größte erhaltene Tempelkomplex der Welt. Nicht-religiöse Gebäude in Angkor waren allerdings weniger beständig: Errichtet aus organischen Materialien sind sie schon vor langer Zeit zerfallen. Das macht es schwierig, die Bevölkerungszahl der einstigen Metropole abzuschätzen. Obwohl Angkor zu den größten vormodernen Städten der Welt zählt, fehlten daher bisher wichtige Informationen in Bezug auf die Population und ihre Entwicklung.

Umfangreiche Daten kombiniert

Ein Team um Sarah Klassen von der University of British Columbia in Kanada hat nun diese Wissenslücke gefüllt. „Die Bevölkerung von Angkor zu schätzen, ist eine anhaltende Herausforderung“, schreiben die Forscher. Da sie keine Wohngebäude oder ähnliche Infrastruktur als Anhaltspunkt hatten, konzentrierten sie sich auf subtile Spuren der zerfallenen städtischen Umgebung. Sie sammelten umfangreiche Daten aus 30 Jahren Forschungstätigkeit in Form von archäologischen Ausgrabungen, historischen Berichten und Karten und modernen Lidar-Messungen, bei denen ein Gebiet aus der Luft per Laser gescannt wird. Mit Methoden des maschinellen Lernens erstellten Klassen und ihre Kollegen daraus ein Modell, das die Entwicklung der gesamten 3000 Quadratkilometer großen Metropolregion um Angkor abbildet.

Aus dem Modell können die Forscher ableiten, wie sich die Population zwischen dem siebten und 13. Jahrhundert entwickelte. Dabei unterscheiden sie zwischen der Zentralregion, in der sich die königliche Residenz und die Steintempel befanden, dem erweiterten Stadtgebiet sowie den Dämmen entlang des Bewässerungssystems. „Die Bevölkerung Angkors brauchte mehrere Jahrhunderte, um nach der Gründung ihren Höhepunkt zu erreichen“, berichten die Autoren. Bemerkenswert sei, dass das Bevölkerungswachstum in den verschiedenen Bereichen Angkors unterschiedlich schnell vonstatten ging.

Bevölkerungswachstum dank Bewässerungssystem

Während in der frühesten Phase Zentrum, Stadtgebiet und Dämme noch ähnliche Populationszuwächse verzeichneten, hatte sich bereits im zehnten Jahrhundert die Anzahl der Menschen im Stadtgebiet vervierfacht, wahrscheinlich durch verstärkte Investitionen in Infrastruktur. Das Zentrum dagegen begann erst ab dem elften Jahrhundert stark zu expandieren. Ihre Blütezeit erreichte die Metropole Angkor im 13. Jahrhundert. „Unser Modell ergibt, dass zu dieser Zeit zwischen 700.000 und 900.000 Menschen in der Metropolregion lebten“, berichten die Forscher. Im Zentrum betrug die Bevölkerungsdichte zu dieser Zeit bis zu 7500 Einwohner pro Quadratkilometer.

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Eine wichtige Grundlage dafür war eine ausgeklügelte Wasserversorgung der Stadt. „Die Eliten in der Zentralzone entwickelten eine umfangreiche wasserwirtschaftliche und verkehrstechnische Infrastruktur, die große Teile der Landschaft einbezog und das Wachstum der Bevölkerung ermöglichte“, erklären die Forscher. Kurz nach dieser Blütezeit begann jedoch der Abstieg Angkors. „Wissenschaftler haben auf die Zerbrechlichkeit solch teurer urbaner Systeme hingewiesen“, schreiben die Autoren. „Aktuelle Arbeiten legen jedoch nahe, dass die Angkor-Region nicht vollständig entvölkert war.“

Nuancierter Ansatz für demografische Analysen

Ihre Methode zur Schätzung der Bevölkerungsentwicklung lasse sich auch auf andere historische Städte anwenden, schreiben die Forscher. Wichtig dabei sei, die verschiedenen Besiedlungszonen zu unterscheiden. „Auf diese Weise bieten wir einen nuancierten Ansatz für demografische Analysen, der Variationen der Bevölkerungsdichte abhängig vom Gebiet berücksichtigt“, so die Autoren. „Zum Beispiel haben wir festgestellt, dass sich Zentrum und erweitertes Stadtgebiet von Angkor zu unterschiedlichen Zeiten und unabhängig voneinander entwickelt haben.“ Zukünftige Studien könnten zeigen, inwieweit es solche Dynamiken auch in anderen historischen Städten der Welt gab.

Quelle: Sarah Klassen (University of British Columbia, Kanada) et al., Science Advances, doi: 10.1126/sciadv.abf8441