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Geschichte+Archäologie

Wie sich transeurasische Sprachen verbreiteten

Asien
Transeurasische Sprachen werden in Teilen Asiens gesprochen, aber auch in der Türkei.(Bild: janrysavy/ iStock)

Sprachen wie Japanisch, Türkisch, Koreanisch und Mongolisch gehen wahrscheinlich auf eine gemeinsame Ursprache zurück, die vor etwa 9000 Jahren von Hirsebauern in Nordostasien gesprochen wurde. Das legt eine neue Studie nahe, die genetische, archäologische und linguistische Hinweise kombiniert hat, um dem Ursprung der sogenannten altaischen oder transeurasischen Sprachen auf den Grund zu gehen. Die Ausbreitung der Sprache wurde demnach durch die Landwirtschaft vorangetrieben.

Der Ursprung und die frühe Ausbreitung der transeurasischen Sprachen, zu denen unter anderem Japanisch, Koreanisch, Mongolisch und Türkisch zählen, gehören zu den umstrittensten Fragen der asiatischen Vorgeschichte. Die Sprachen weisen zwar viele Gemeinsamkeiten auf, diese sind aber zu großen Teilen auf Entlehnungen durch spätere kulturelle Kontakte zurückzuführen. Dennoch deuten Forschungen darauf hin, dass sie einen gemeinsamen Ursprung haben. Wann und wo dieser lag, war allerdings unklar. Da die Schrift erst vor etwa 5.000 Jahren erfunden wurde, müssen Sprachforscher für Fragen, die sich auf frühere Zeiträume beziehen, auf andere Quellen zurückgreifen.

Kombination aus Linguistik, Archäologie und Genetik

Ein Team um Martine Robbeets vom Max-Planck-Institut für Menschheitsgeschichte in Jena hat nun linguistische, archäologische und genetische Hinweise kombiniert, um dem Rätsel auf die Spur zu kommen. „Wir zeigen, dass der gemeinsame Ursprung und die ursprüngliche Verbreitung der transeurasischen Sprachen bis zu den ersten Bauern zurückverfolgt werden kann, die seit dem frühen Neolithikum durch Nordostasien zogen“, schreiben die Forscher.

Entscheidend für dieses Resultat sei die Kombination von Methoden gewesen. „Für sich allein genommen kann eine einzelne Disziplin die großen Fragen der Sprachausbreitung nicht abschließend klären, aber zusammengenommen erhöhen die drei Disziplinen die Glaubwürdigkeit und Gültigkeit dieses Szenarios“, sagt Robbeets. „Indem wir die Belege der drei Disziplinen zusammengeführt haben, haben wir ein ausgewogeneres und umfassenderes Verständnis der transeurasischen Migration gewonnen, als es jede der drei Disziplinen für sich allein bieten könnte.“

„Hirse“ im ererbten Wortschatz

Für den linguistischen Teil der Studie stellten Robbeets und ihre Kollegen einen umfangreichen Datensatz von über 3000 verwandten Begriffen aus 98 transeurasischen Sprachen zusammen, darunter auch Dialekte und historische Sprachvarianten. Während es sich bei vielen dieser Begriffe wahrscheinlich um spätere Entlehnungen handelte, konnten die Forscher einen Kernwortschatz ausmachen, der in allen Sprachen ähnlich ist und mit hoher Wahrscheinlichkeit auf eine gemeinsame Ursprache zurückgeht. Viele dieser Wörter drehten sich um Ackerbau und Textilienproduktion – beispielsweise Feld, säen, mahlen und weben. Auch das Wort für Hirse zählt zu diesem Kernwortschatz, Bezeichnungen für andere Getreide wie Reis und Weizen dagegen nicht.

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Dieser Befund wiederum passt zu archäologischen Belegen, denen zufolge Menschen schon vor rund 9000 Jahren im West-Liao-Flussgebiet in Nordchina Hirse anbauten und gewebte Kleidung herstellten, andere Feldfrüchte dagegen erst deutlich später kultivierten. Das zeigen Analysen von 255 neolithischen und bronzezeitlichen Fundstätten, die unter anderem zahlreiche Getreideproben enthielten. Der Hirseanbau führte den Forschern zufolge dazu, dass sich die Bevölkerungszahl erhöhen konnte. Dadurch breiteten sich die Bauern in neue Gebiete aus und verdrängten die dortigen Jäger und Sammler und deren Sprachen. Die Kultur der Hirsebauern spaltete sich dabei in zwei Zweige, die sich in der Folge sprachlich getrennt weiterentwickelten. Aus dem einen Zweig gingen unter anderem die japanische und die koreanische Sprache hervor, aus dem anderen die türkische und die mongolische Sprache.

Gemeinsame genetische Wurzeln

Auch genetische Belege stützen diese Hypothese. Die Forscher verglichen zahlreiche alte Genome aus Korea, den Ryukyu-Inseln in Japan und weiteren Teilen Ostasiens. Zusätzlich bezogen sie Genanalysen heutiger Menschen aus Eurasien ein. Dabei stellten sie fest, dass alle Sprecher transeurasischer Sprachen eine gemeinsame genetische Komponente aufweisen, die sogenannte „Amur-ähnliche Abstammung“. Die genetischen Daten zeigen auch spätere Vermischungen mit Menschen aus anderen Regionen Asiens und deuten darauf hin, dass die Ausbreitung der transeurasisch sprechenden Bevölkerung mit der Einführung der Landwirtschaft zusammenfiel.

„Durch neue Beweise aus alter DNA bestätigen unsere Forschungen die jüngsten Erkenntnisse, dass japanische und koreanische Populationen vom West-Liao-Fluss abstammen, während sie früheren Behauptungen widersprechen, dass es kein genetisches Korrelat der transeurasischen Sprachfamilie gibt“, schreiben die Forscher. Die Ergebnisse haben aus Robbeets Sicht auch Implikationen für das nationale Identitätsgefühl: „Zu akzeptieren, dass die Wurzeln der eigenen Sprache – und in gewissem Maße auch der eigenen Kultur – jenseits der gegenwärtigen nationalen Grenzen liegen, kann eine Art Neuorientierung der Identität erfordern, und dieser Schritt fällt den Menschen nicht immer leicht“, sagt sie. „Aber die Wissenschaft der menschlichen Geschichte zeigt uns, dass die Geschichte aller Sprachen, Kulturen und Völker eine Geschichte ausgedehnter Interaktion und Vermischung ist.“

Quelle: Martine Robbeets (Max-Planck-Institut für Menschheitsgeschichte, Jena) et al., Nature, doi: 10.1038/s41586-021-04108-8

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