Wikinger rotteten Island-Walrosse aus - wissenschaft.de
Anzeige
Anzeige

Geschichte+Archäologie

Wikinger rotteten Island-Walrosse aus

Walrossknochen
Alte Walross-Knochen und Schädel an der Südküste Islands. (Bild: Hilmar J. Malmquist)

Es ist eines der frühesten Beispiele für die lokale Ausrottung einer marinen Tierart durch den Menschen: Als die Wikinger vor rund 1200 Jahren Island besiedelten, hatte dies für die Walrosse der Insel fatale Folgen, wie nun eine Studie belegt. Demnach starb die isländische Variante der Walrosse schon kurze Zeit nach Ankunft der Nordmänner aus – durch übermäßige Bejagung wegen ihres Fleisches, aber vor allem wegen ihrer Elfenbein-Stoßzähne.

Die bis zu drei Meter langen und eineinhalb Tonnen schweren Walrosse kommen heute in vielen Teilen der Nordmeere und entlang der arktischen Küsten vor. Auch an den Küsten Islands gab es einst eine Population dieser Großrobben, wie prähistorische Walross-Stoßzähne, Knochen und Schädel belegen. Doch heute sind diese Walrosse verschwunden – warum, war allerdings umstritten: „Einige Historiker und Archäologen sehen den Verlust dieser Walrosse als Folge der menschlichen Bejagung in der frühen Besiedlungsperiode“, erklären Xenia Keighley von der Universität Kopenhagen und ihre Kollegen. „Andere waren der Ansicht, dass die Walrosse schon lange vor Ankunft der Wikinger verschwunden waren.“

Walross-Elfenbein für die Kathedrale

Welches Szenario aber stimmt? Um das zu klären, haben Keighley und ihre Kollegen nun biologische, archäologische und historische Quellen zum Vorkommen und dem Schicksal der isländischen Walrosse ausgewertet. Unter anderem analysierten sie dafür das Erbgut von 34 Walrossrelikten aus Island und verglichen diese mit Walross-DNA aus anderen Meeresgebieten. Dies bestätigte, dass die isländischen Walrosse eine einzigartige und eigene Untergruppe dieser Meeressäuger bildeten. Zudem durchsuchten die Forscher historische Aufzeichnungen nach Schilderungen von Walrossjagden und isländischen Ortsnamen und Bezeichnungen, die auf die Präsenz von Walrossen geben.

So berichtet eine Sage aus dem 12. Jahrhundert von einem Walross, dessen Stoßzähne und Schädel zu Ehren von Thomas Becket von Island nach England in die Kathedrale von Canterbury verschifft wurden. „Dieser Bericht unterstreicht den Wert des Walross-Elfenbeins während der Wikingerzeit“, so die Forscher. Die Walross-Stoßzähne und die daraus gefertigten geschnitzten Schmuckstücke, Kreuze, Schwertgriffe oder Spielfiguren waren damals eine begehrte Handelsware, die von den Wikingern nach ganz Europa und bis in den Nahen Osten exportiert wurde. Nach Ansicht der Forscher demonstrieren die historischen Quellen, dass das Ausmaß der Jagd auf die Meeressäuger sowohl für die Nahrung als auch den Handel bisher stark unterschätzt worden ist.

Verschwinden kurz nach Ankunft der Wikinger

Die große Frage aber ist, ob diese Walross-Jagd auch daran schuld war, dass die isländischen Walrosse ausgestorben sind. Um das zu klären, bestimmten Keighley und ihre Kollegen das Alter der isländischen Walross-Relikte mithilfe der Radiokarbondatierung. Diese Datierung enthüllte, dass die Walrosse Islands nicht schon vor der Ankunft der Wikinger verschwanden, sondern kurz danach. „Angesichts dieses Timings wurde die Ausrottung der isländischen Walrosse sehr wahrscheinlich von der menschlichen Jagd verursacht“, konstatieren die Forscher. Hinzu kam, dass die Meeressäuger Islands zuvor keinen Kontakt mit Menschen hatten und daher kaum Angst zeigten – sie waren damit leichte Beute für die Wikingerjäger.

Anzeige

Nach Ansicht der Forscher ist damit klar, dass die Wikinger die entscheidende Rolle bei der Ausrottung der isländischen Walrosse spielten. Das Ende dieser Population der großen Meeressäuger sei damit eines der frühesten eindeutigen Beispiele für die lokale Ausrottung mariner Tierarten durch den Menschen. „Wir zeigen, dass die kommerzielle Jagd, die wirtschaftlichen Anreize und die Handelsnetzwerke schon in der Wikingerära vor mehr als tausend Jahren ausreichend stark ausgeprägt waren, um signifikante und irreversible ökologische Folgen für die Meeresumwelt zu haben“, sagt Keighley.

Quelle: University of Copenhagen; Fachartikel: Molecular Biology and Evolution, doi: 10.1093/molbev/msz196

Anzeige

DAMALS | Aktuelles Heft

Bildband DAMALS Galerie

Anzeige

Wissenschaftslexikon

abbren|nen  〈V. 117〉 I 〈V. t.; hat〉 1 verbrennen, durch Verbrennen beseitigen 2 in Brand stecken ... mehr

dys|troph  〈Adj.; Med.〉 auf Dysthrophie beruhend, sie bewirkend, die Ernährung (der Organe, Muskeln usw.) störend

Harn|röh|re  〈f. 19; Anat.〉 Ausführungsgang der Harnblase; Sy Urethra ... mehr

» im Lexikon stöbern
Anzeige
Anzeige