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Geschichte+Archäologie

Wikingerarmee hinterließ Massengrab

Dies ist einer der wenigen weiblichen Schädel, die im Wikinger-Massengrab gefunden wurde – möglicherweise stammt er von einer Kriegerin. (Foto: Cat Jarman)

Ein Massengrab im englischen Derbyshire hat sich jetzt als Grab von Wikingerkriegern erwiesen. Datierungen belegen, dass die knapp 300 Toten im 9. Jahrhundert dort bestattet wurden. Sie waren wahrscheinlich Angehörige der Großen Wikingerarmee, die damals in dieser Gegend lagerte. Darauf deuten auch im Grab gefundene Wikingerwaffen und zwei weitere mit Grabbeigaben ausgestattete Gräber hin.

Rätsel um das Massengrab von Repton

Im späten 9. Jahrhundert hatte eine aus Dänemark kommende Wikingerarmee weite Teile Englands erobert. Aus historischen Aufzeichnungen geht hervor, dass Teile dieses „Großen Heidnischen Heeres“ im Jahr 873 nahe des Ortes Repton in der Grafschaft Derbyshire überwinterten. In einer Schlacht besiegte diese Wikingerarmee dort auch den König der angelsächsischen Mercier.

Bereits in den 1980er Jahren hatten Archäologen in der Gegend um Repton mehrere Wikingergräber entdeckt und sogar ein Massengrab: Unter einem Hügel waren die Knochen von fast 300 Toten bestattet. Neben den Knochen fanden die Forscher Wikingerwaffen, darunter eine Axt und mehrere Messer, sowie einige silberne Münzen in diesem Massengrab. Alle Funde deuteten darauf hin, dass es sich hier um ein Grab von Wikingern der großen Armee handelte.

Doch die damals durchgeführten Radiokarbon-Datierungen widersprachen dem: Sie ergaben für die Knochen ein unterschiedliches Alter, einige schienen sogar aus einer Zeit lange der Wikingerbesatzung zu stammen. „Die Datierung dieser Knochen im Massengrab von Repton ist wichtig, denn bisher wissen wir nur wenig über die ersten Wikingerkrieger in England“, erklärt Cat Jarman von der University of Bristol. „Denn mit ihnen und ihren Nachfolgern begann die Geschichte der skandinavischen Siedlungen in England.“

Doch aus der Zeit der Wikingerarmee

Um mehr Klarheit zu schaffen, haben Jarman und ihre Kollegen jetzt die Knochen aus dem Massengrab erneut datiert. Ihr Verdacht: die fischlastige Ernährung der Wikinger könnte damalige Datierung verfälscht haben. „Wenn wir Fisch oder Meeresfrüchte essen, nehmen wir Kohlenstoff auf, dessen Isotopenverhältnis anders ist als bei Nahrung vom Land“, erklärt Jarman. „Das müssen wir bei der Radiokarbondatierung berücksichtigen.“

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Und tatsächlich: Die neue Datierung bestätigt, dass alle Toten im Massengrab aus der Zeit zwischen 872 und 875 stammen – und damit genau aus der Zeit, in der die große Wikingerarmee in dieser Region lagerte. „Die neuen Radiokarbondaten beweisen zwar nicht, dass diese Toten der Wikingerarmee angehörten, es ist aber sehr wahrscheinlich“, sagt Jarman. Denn nähere Analysen der Knochen ergaben, dass mindestens 80 Prozent von Männern im Alter zwischen 18 und 45 Jahren stammen. Viele Knochen zeigen zudem Anzeichen für schwere Verletzungen – wie es für in einer Schlacht gefallene Wikingerkrieger typisch wäre.

Doppelgrab und Menschenopfer

Noch etwas spricht für eine enge Beziehung des Massengrabs zur Großen Wikingerarmee: Unmittelbar neben dem Grabhügel liegt ein Doppelgrab zweier Männer aus der gleichen Zeit, wie die Archäologen berichten. Bei dem älteren der beiden Toten lagen ein Wikingerschwert sowie ein Pendant zu Thors Hammer und weitere Utensilien. Dem Toten, der offenbar schwere Verletzungen erlitten hatte, wurde zudem ein Wildschwein-Eckzahn zwischen die Beine gelegt – möglicherweise als Ersatz für seine im Kampf verletzten Geschlechtsteile.

Ein weiteres Grab könnte darauf hindeuten, dass die Wikinger damals ihre toten Krieger sogar durch Menschenopfer ehrten – möglicherweise von Gefangenen. Denn am Eingang des Massengrabs fanden die Archäologen vier jugendliche Tote, die gesondert und mit einem Schafsschädel zu ihren Füßen bestattet worden waren. Wie Jarman erklärt, gibt es historische Berichte darüber, dass die Wikinger ihre Toten manchmal mit rituellen Tötungen ehrten. Die bei ihrem Tod zwischen acht und 18 Jahre alten Jungen könnten solche Opfer gewesen sein, mutmaßen die Forscher.

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