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Geschichte+Archäologie

Wikipedia: Wie objektiv sind Beiträge über historische Konflikte?

Wikipedia
Wie objektiv sind Wikipedia-Einträge über historische Konflikte? (Bild: brightstars/ iStock)

Wikipedia ist längst eine der wichtigsten Informationsquellen im Netz geworden. Doch wie objektiv sind die Artikel über historische Konflikte in der Online-Enzyklopädie? Der Vergleich verschiedener Sprachversionen enthüllt: Viele Artikel sind auf subtile Weise subjektiv verzerrt. Je nach Sprache wird die jeweils „eigene“ Konfliktpartei positiver dargestellt. Besonders ausgeprägt ist dies bei Konflikten der jüngeren Geschichte, wie Wissenschaftler ermittelt haben.

Schon die Geschichtsschreiber der Antike demonstrieren, dass Geschichtsschreibung nur selten neutral ist: Der Bericht über Konflikte und Kriege ist oft parteiisch – Angehörige der eigenen Nation werden positiver dargestellt, die Gegner und ihre Motivation dagegen negativer. Der Grund dafür ist tief in unserer Psychologie verankert, denn tendenziell neigen Menschen dazu, ihre eigene soziale Gruppe positiver zu bewerten als die Fremdgruppe. „In der Psychologie nennen wir das den Eigengruppenfehler“, erklärt Aileen Oeberst von der Fernuniversität Hagen. Kein Wunder daher, dass es solche subtilen Verzerrungen auch in der Gegenwart gibt: Wer beispielsweise ist schuld am Konflikt zwischen Russland und der Ukraine? Und wer blockiert den Friedensprozess zwischen Israel und Palästina? Die Antwort auf diese Frage hängt stark davon ab, wen man fragt.

Sprachversionen im Vergleichstest

Unklar war jedoch bisher, ob es diese verzerrte Sicht auf Konflikte auch auf kollektiver Ebene gibt. Das haben Oeberst und ihre Kollegen nun an dem bekanntesten Beispiel von internationalem Teamwork näher untersucht: an der Online-Enzyklopädie Wikipedia. An dieser kollaborativen Plattform schreiben Autoren aus verschiedenen Ländern und mit unterschiedlichsten Hintergründen mit. Die meisten Einträge sind daher Gemeinschaftsproduktionen. Das Spannende für das Aufspüren von Eigengruppenfehlern ist dabei, dass Einträge über Konflikte in unterschiedlichen Sprachversionen existieren. Dadurch lässt sich untersuchen, ob ein Konflikt in der Sprache einer der Konfliktparteien in anderen wertenden Nuancen beschrieben wird als in der Sprache des jeweiligen Gegners.

Für ihre Studie suchten Oeberst und ihr Team jeweils diese beiden Sprachversionen für 35 Konflikte von der frühen Neuzeit bis zur Moderne heraus. Vertreten waren unter anderem der Englisch-Spanische Krieg von 1585 bis 1604 und der Preußisch-Französische Krieg von 1870/71, aber auch der Angriff der Japaner auf Pearl Harbor und der Atombombenabwurf der USA auf Japan. Unter den neueren Konflikten war der Falklandkrieg zwischen Argentinien und England, der Russisch-Georgische Krieg und der Streit um Zypern. Um mögliche Verzerrungen aufzuspüren, ließen die Forscher zunächst alle Artikel ins Deutsche übersetzen. Dann wurden beide Versionen Dutzenden verschiedenen Wertern vorgelegt, die die Gewichtung der Artikel nach bestimmten Regeln einschätzen sollten – ohne dabei zu wissen, welche der beiden Sprachfassungen sie gerade lesen.

Verzerrung nachweisbar

Das Ergebnis: Über alle 35 Konflikte hinweg war der Einfluss von Eigengruppenfehlern nachweisbar, wie Oeberst und ihre Kollegen berichten. Obwohl die Wikipedia-Artikel von einem Autorenkollektiv verfasst werden und keine Länder-, sondern nur Sprachversionen haben, gibt diese wertenden Verzerrungen demnach in vielen Beiträgen über Konflikte. „In vielen Artikeln wird die eigene Gruppe systematisch besser oder auch mächtiger dargestellt und die andere Konfliktpartei als unmoralischer und stärker verantwortlich für den Konflikt“, unterstreicht Oeberst. Diese Verzerrung der Sichtweise ist meist schon im Einsteigabsatz der Beiträge bemerkbar und zeigt sich manchmal sogar im Titel: „Selbst scheinbar neutrale Titel von Konflikten wie der Französisch-Preußische Krieg können eine Wertung vermitteln, indem sie die eigene Gruppe zuerst nennen“, erklären die Forscher.

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Allerdings gibt es durchaus Unterschiede im Ausmaß der Verzerrung: „Es gibt aber auch einige Konflikte ohne Unterschiede zwischen den Sprachversionen, sowie Beispiele mit dem gegenteiligen Muster“, berichtet Oeberst. So geht etwa der englische Eintrag über den Atombombenabwurf von Hiroshima sogar härter mit den US-Amerikanern ins Gericht als sein japanisches Pendant. Zudem stellten die Wissenschaftler fest, dass die Tendenz zum Eigengruppenfehler bei Konflikten der Gegenwart oder aus der jüngeren Vergangenheit stärker ausgeprägt waren als bei weiter zurückliegenden Ereignissen.

„Diversität erhöht die Ausgewogenheit“

Als Ursache dieser Verzerrungs-Effekte sehen Oeberst und ihr Team mehrere Faktoren: Zum einen schreiben an einem Artikel über einen bestimmten Konflikt überwiegend Betroffene aus den jeweiligen Staaten mit. Und selbst wenn beispielsweise spanischsprachige Autoren aus anderen Ländern als Argentinien über den Falklandkrieg mitschreiben, könnte die sprachliche und kulturelle Verbundenheit für eine stärkere Identifikation mit Argentinien sorgen. Hinzu kommt: „Wikipedia-Artikel müssen sich immer auf Quellen stützen. Spanischsprachige Personen beziehen sich eher auf Texte, die ihrerseits schon den Eigengruppenfehler beinhalten könnten – etwa, weil sie aus den argentinischen Nachrichten stammen“, erklärt Oeberst.

„Wikipedia ist nicht frei von Fehlern. Es steht und fällt mit den Menschen, die daran mitschreiben“, fasst die Psychologin zusammen. Doch gerade wegen der Autorenkollektive ist Wikipedia auch nicht schlechter als andere Quellen: „Es kann trotzdem sein, dass die Wikipedia-Artikel über manche Konflikte deutlich ausgewogener informieren als diverse Nachrichtenberichte, Lexika oder Geschichtsbücher.“ In jedem Fall, so das Fazit des Forscherteams, ist der Eigengruppenfehler umso geringer, je mehr Diversität unter den Autorinnen und Autoren herrscht.

Quelle: FernUniversität in Hagen; Fachartikel: British Journal of Social Psychology, doi: 10.1111/bjso.12356

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