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Wir essen vorwiegend „fremd“

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Zwei Drittel unser pflanzlichen Nahrungsmittel und Nutzpflanzen stammt ursprünglich von woanders (Foto: Manon Koningstein (CIAT))
Ob Tomaten, Kartoffeln, Zwiebeln oder Erdbeeren: Längst gehören diese und viele andere Gemüse und Früchte selbstverständlich zu unserem Speiseplan. Viele dieser Nutzpflanzen werden längst bei uns angebaut. Doch der Ursprung dieser Nutzpflanzen liegt anderswo als in Europa – auch wenn viele von ihnen längst hierzulande angebaut werden. Wie Forscher ausgerechnet haben, machen solche „fremden“ Nutzpflanzen heute weltweit durchschnittlich 68 Prozent der nationalen Nahrungsversorgung aus – Tendenz steigend.

Bei einigen Pflanzen sind wir uns dessen bewusst, dass sie ursprünglich nicht von hier stammen: Kartoffeln, das lernt man im Geschichtsunterricht, brachten Seefahrer erst im 16. Jahrhundert aus der Neuen Welt mit. Auch bei Reis ist der fernöstliche Ursprung klar, ebenso wie der des Weizens und der Gerste im Nahen und mittleren Osten – dort, wo steinzeitliche Bauern diese Getreide zum ersten Mal domestizierten. Weniger offensichtlich ist dagegen die ursprüngliche Herkunft von Erdbeeren – in Nordamerika – oder von Zwiebeln und Knoblauch – in Zentralasien.  Wie viel Gemüse, Obst und Getreide unseres alltäglichen Speiseplans ursprünglich ganz woanders domestiziert und nutzbar gemacht wurde, haben nun Colin Khoury von der Universität Wageningen und sein internationales Team untersucht. Für ihre Studie bestimmten und verorteten die Forscher zunächst die ursprüngliche Herkunft von 151 wichtigen pflanzlichen Nahrungsmitteln. Gängiger Theorie nach existieren weltweit rund 23 Zentren der Diversität – Gebiete, in denen Wildformen heutiger Nutzpflanzen besonders artenreich sind und in denen sie einst domestiziert wurden. Zu diesen gehören neben dem fruchtbaren Halbmond auch Indien, China, Äthiopien, Teile der Anden sowie das Brasilien und Paraguay umfassende Gebiet.

Zwei Drittel kommen von anderswo

Ausgehend von diesen Zentren untersuchten die Forscher, woher die in 177 Ländern weltweit am meisten konsumierten oder angebauten pflanzlichen Nahrungsmittel ursprünglich stammen und wie hoch der Anteil solcher „fremder“ Nutzpflanzen auf dem nationalen Speiseplan ist. Denn durch die Globalisierung, aber auch frühe Kolonialisierungen und Wanderungsbewegungen des Menschen haben sich die meisten Nutzpflanzen längst weit über ihr ursprüngliches Verbreitungsgebiet hinaus etabliert. „Es ist faszinierend zu sehen, wie viele Pflanzen heute Teil der traditionellen Ernährung in Ländern geworden sind, die viele tausend Kilometer von dort entfernt liegen, in denen diese Pflanzen zuerst auftraten“, erklärt Khoury. „Wenn wir Tomaten in Italien oder Chili in Thailand essen, konsumieren wir dort Nahrungsmittel, die eigentlich von weit entfernt stammen.“

Wie stark „fremde“ Nutzpflanzen fast überall die Ernährung dominieren, zeigte die Auswertung: Im Durchschnitt zwei Drittel aller Gemüse, Früchte und Getreide auf dem Speiseplan und den Äckern eines Landes sind nicht einheimischen Ursprungs. Beispiel USA: Die Ernährung wird dort von Nutzpflanzen aus dem Mittelmeerraum und Westasien dominiert, wie die Forscher berichten. Dafür sorgt die Vorliebe der US-Amerikaner für Brot und Nudeln, aber auch die Produktion von Bier und Wein. Die Farmer in den USA wiederum profitieren heute vor allem vom Anbau von Sojabohnen aus Ostasien und Mais aus Mittelamerika. Umgekehrt sind die ursprünglich in Nordamerika heimischen Sonnenblumen längst weltweit ein wichtiger Rohstoff für pflanzliche Öle. Diese starke Nutzung „fremder“ Pflanzen ist aber keineswegs eine Domäne der Industrieländer, wie die Forscher betonen: In Malawi beispielsweise besteht der typische Speiseplan ebenfalls aus „Fremdlingen“ wie Mais, Cassava und Bohnen aus Mittelamerika, Zuckerrohr, Reis und Bananen aus Südostasien und Kartoffeln und Bohnen aus den Anden.

Regionale Unterschiede

Aber die Forscher stießen durchaus auf regionale und nationale Unterschiede: So machen in Australien und Neuseeland nichtheimische Pflanzen sogar fast 100 Prozent der pflanzlichen Nahrungsmittel und angebauten Nutzpflanzen aus. Ähnliches gilt für die Inseln im Indischen Ozean. „Die Nutzung fremder Pflanzen war in den Ländern am höchsten, die geografisch isoliert und/oder weit entfernt von den 23 Ursprungsregionen liegen“, erklären Khoury und seine Kollegen. Eine deutlich geringere Rolle spielen ursprünglich fremde Pflanzen dagegen in den Ländern, die mitten in einem der 23 Biodiversitätszentren liegen oder in denen die traditionelle Kost nur auf wenigen Zutaten beruht. So machen „Fremdlinge“ im Niger, in Bangladesch und Kambodscha nur rund 20 Prozent aus, wie die Forscher ermittelten. „Während weltweit Reste traditioneller Ernährung und sogar der ursprünglichen Verbreitung der Nutzpflanzen erhalten sind – beispielsweise in der Dominanz von Reis in Ostasien und von Weizen in Europa, dominiert dennoch ein globaler Trend zu fremden Nutzpflanzen“, so die Wissenschaftler.

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Hinzu kommt: Im Zuge der Globalisierung hat der Anteil „fremder“ Nutzpflanzen an unsere Nahrung, aber auch im Anbau, in den letzten 50 Jahren signifikant zugenommen, wie die Forscher berichten. So werden heute im weltweiten Durchschnitt rund fünf Prozent mehr ortsfremde Pflanzen angebaut als noch 1961. Noch etwas stärker gestiegen ist der Anteil der „Fremdlinge“ an der Kalorienversorgung der Bevölkerung, bei Fetten und Ölen beispielsweise um rund zwölf Prozent. „Die Expansion der menschlichen Besiedelung bis an die Grenzen der bewohnbaren Gebiete, ein immer effizienteres Transportwesen und Steigerungen im globalen Handel haben die Orte des Konsums immer stärker von den Produktionsorten der Nutzpflanzen entkoppelt“, konstatieren Khoury und seine Kollegen.

Quelle:

© wissenschaft.de – Nadja Podbregar
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