Wo dem jungen Karl Marx Armut begegnete - wissenschaft.de
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Geschichte+Archäologie

Wo dem jungen Karl Marx Armut begegnete

Die grünen Punkte im Stadtplan markieren die Haushalte, die in den Armenlisten geführt sind. (Credit: Universität Trier). Rechts ist die Erinnerungstafel am Geburtshaus von Karl Marx zu sehen. (Credit: Jorisvo/iStock)

In Trier wuchs im 19. Jahrhundert ein Geist heran, der mit seinen revolutionären Ideen einmal die Welt verändern sollte. Schon früh war Karl Marx in seiner Geburtsstadt mit dem menschlichen Elend konfrontiert, das schließlich ins Zentrum seiner Werke rücken sollte. Dies veranschaulicht nun eine ungewöhnliche Online-Präsentation: Anlässlich des Marx-Jubiläumsjahrs kann man mit dem jungen Karl virtuell durch das von sozialer Ungleichheit gezeichnete Trier des Jahres 1832 spazieren und einige seiner armen Nachbarn „treffen“.

Er selbst wuch vergleichsweise priviligiert auf: Karl Marx wurde am 5. Mai 1818 als Sohn eines Rechtsanwalts in Trier geboren. Bis zu seinem Abitur 1835 lebte er in seiner Heimatstadt, deren kritische soziale Verhältnisse Teil seines Umfeldes bildeten. Doch mit welchen Zuständen war Marx damals in Trier denn genau konfrontiert? Licht auf diese Frage wirft nun ein ungewöhnliches Digitalisierungsprojekt der Universität Trier. Professor Laux und seine Mitarbeiter stießen bei Recherchen auf Armenlisten der Stadt Trier aus der Zeit um 1832. Die darin enthaltenen Angaben zu den armen Familien übertrugen die Wissenschaftler in einen um 1845 entstandenen Plan der Stadt.

Digitale Armutskarte von Trier um 1832

Daraus entstand schließlich eine interaktive Präsentation, die Nutzern Straße für Straße einen Überblick und Informationen zu den mittellosen Familien bietet, die dort damals lebten. „Das Portal liefert über seine Filterfunktionen Hintergrundinformationen und Auswertungen per Mausklick, die auf herkömmliche Weise aufwendige Recherchen erfordern würden“, erklärt Matthias Schneider von der Universität Trier.

Bei der zugrundeliegenden Datensammlung zu den Armen der Stadt handelt es sich um ein Armutskataster, das preußische Beamten im Jahr 1832 angefertigt haben. Der Hintergrund: Seit 1831 überzog die Cholera das Land und Arme galten bei der Verbreitung der Krankheit als Risikogruppe. Daher verschafften sich die Beamten in Trier durch Hausbesuche ein Bild dieser sozialen Gruppe. In ihren Listen erfassten sie dabei nicht nur die Wohnorte und biografischen Daten der Armen. Unter der Rubrik „Moralität“ notierten sie auch persönliche Eindrücke. Dort ist beispielsweis über den Tagelöhner Christoph Friedrich zu lesen: „Er ist betrügerisch, arbeitsscheu und dem Trunk ergeben“. Ähnlich abschätzig wird auch ein gewisser Martin Görgen beschrieben: „Er bettelt, säuft und flucht auf Gott und die Menschen“.

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Vermutlich prägende Eindrücke

„Vor dem Hintergrund des Marx-Jahres war der Fund ein Glücksfall“, sagt Stephan Laux von der Univerität Trier. „Die Armenliste hat uns in die Lage versetzt, den jugendlichen Karl Marx in seinen Raum und seine Zeit einzubetten.“ Im Hinblick auf die wissenschaftliche Aussagekraft gibt sich Laux allerdings zurückhaltend: „Wir können nicht behaupten, dass wir damit wissen, was Marx geprägt hat. Wir bilden aber ab, was er wahrgenommen haben muss: Marx war in diesen Jahren in seiner Umgebung mit einer lebensbedrohenden Misere konfrontiert“, so Laux. Man kann vermuten, dass die sozialen und wirtschaftlichen Missstände seine Entwicklung und die späteren Werke beeinflusst haben, sagen die Wissenschafter.

Quelle: Universität Trier

Weitere interessante Einblicke ins Leben und Werk von Karl Marx finden Sie in der April-Ausgabe der Zeitschrift damals.

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