Anzeige
Anzeige

Geschichte+Archäologie Gesellschaft+Psychologie

Wo Milliardengeschäfte und Überlebenskampf Nachbarn sind

mumbai.jpg
Das indische Mumbai gehört mit einer Einwohnerdichte von 22.000 Menschen pro Quadratkilometer und geschätzten 13 bis 20 Millionen Einwohnern zu den 23 Megacitys der Erde. Bild: NASA
23 Megacitys gibt es auf der Welt, Tendenz steigend. Die riesigen Menschenmassen und die extreme Verdichtung stellen die Stadtverwaltungen ebenso vor Herausforderungen wie die Demografen, die bei der Erfassung der Bevölkerung kaum Schritt mit dem Wachstum der Städte halten können. Doch die gigantischen Städte bieten auch Chancen. Manche Stadtplaner glauben sogar, die Slums könnten als Modell für den Entwurf neuer Stadtviertel dienen.

Es ist das Jahrhundert der Städte: Nie zuvor gab es so viele Metropolen und Riesenstädte wie heute. 23 von ihnen fallen sogar unter die offizielle UN-Definition einer Megacity – sind also Städte, die entweder mehr als 10 Millionen Einwohner haben oder aber eine Bevölkerungsdichte von mehr als 2.000 Menschen pro Quadratkilometer. Sie beherbergen allein sieben Prozent der Weltbevölkerung – eine Gigantomanie, die zugleich riesige Chancen und gewaltige Probleme mit sich bringt.

Denn Megacitys vereinen das Beste und das Schlechteste in sich, schreibt das Magazin „bild der wissenschaft“ in seiner Juli-Ausgabe: Einerseits leisten sie als Kraftwerke der Globalisierung einen unverzichtbaren Beitrag zur Weltwirtschaft, andererseits konzentrieren sich in ihnen Umweltverschmutzung, Hunger und Kriminalität. Die extreme Verdichtung – im indischen Mumbai leben im Schnitt 22.000 Menschen auf einem einzigen Quadratkilometer – sorgt für kurze Wege, gleichzeitig erschwert sie jedoch die Versorgung und die Verwaltung der Kolosse.

Das spiegelt sich auch in der Unzuverlässigkeit der Zahlen etwa zur aktuellen Bevölkerung wider: Seit den 1970er Jahren führt die UN regelmäßig Schätzungen durch, auf der Basis von Volkszählungen, der Befragung repräsentativer Haushalte sowie Luftaufnahmen – und liegt damit ebenso regelmäßig daneben. Das Wachstum wird konstant zu hoch eingeschätzt, wie etwa in Lateinamerika, wo die Analysten bei einer Prognose von 1980 für das Jahr 2000 zwanzig Prozent über der tatsächlichen Zahl lagen. Zu den Ursachen können Demografen nur spekulieren: Manche meinen, die Geburts- und Todesraten werden nicht ausreichend einbezogen, andere halten unvorhergesehene Wanderungsbewegungen, wie sie zum Beispiel nach einer Missernte vorkommen, für verantwortlich.

Diese Unsicherheit erschwert es auch, den Anteil der Stadtbewohner ohne richtige Behausung korrekt einzuschätzen. Die UN geht davon aus, dass eine Milliarde Menschen und damit ein Drittel aller Stadtbewohner ohne feste Unterkunft, ohne Wasser und Strom leben müssen. In Mumbai sind es sogar 60 Prozent der je nach Schätzung 13 bis 20 Millionen Einwohner, die in den Slums der Stadt hausen.

Anzeige

Doch selbst für diese Menschen ist das Leben in der Megacity attraktiver als auf dem Land. Ein trotz allem besserer Zugang zu Lebensmitteln und medizinischer Versorgung, mehr Jobs und größere Chancen auf eine Ausbildung locken jeden Tag rund 365 Inder vom Land nach Mumbai. Dadurch haben sich in den Armenvierteln Kleinindustrien etabliert, Wege und gemauerte Hütten sind entstanden, und auch das Miteinander funktioniert auf der Basis einer bemerkenswerten Selbstorganisation.

Diese Strukturen ziehen immer mehr das Interesse von Stadtplanern und Soziologen auf sich. So glaubt etwa Martin Fuchs von der Universität Canterbury im neuseeländischen Christchurch, dass die Slums anonymen Hochhaussiedlungen sogar etwas voraus haben: Da sie organisch gewachsen sind, hat sich auch ein nachbarschaftlicher Zusammenhang entwickelt, der in geplanten Stadtvierteln gar nicht entstehen kann. Der britische Publizist und Umweltexperte Fred Pearce geht sogar noch weiter, berichtet „bild der wissenschaft“: Er schlägt vor, die gewachsenen Strukturen der Slums als Vorlage für die Stadtplanung zu verwenden.

Mindestens genauso stark, wie die Menschen das Gesicht der Stadt prägen, verändern die Städte auch den Lebensstil der Menschen. In den Entwicklungsländern war es bisher beispielsweise hauptsächlich der Geburtenüberschuss, der für das Wachstum einer Stadt verantwortlich war – lediglich 40 Prozent, schätzt die UN, gingen auf das Konto der Zuwanderer. In letzter Zeit gehen die Geburtenraten in den Städten jedoch zurück, ein Trend, der zuerst in Europa, dann in Asien und mittlerweile auch in Afrika zu beobachten war.

In Adis Abeba etwa haben die Stadtfamilien im Schnitt vier Kinder weniger als die Bevölkerung der umliegenden ländlichen Gebiete. Der Grund: In der Stadt ist die finanzielle Belastung durch ein Kind relativ betrachtet größer als auf dem Land. In Zukunft, glauben Anthropologen deshalb, wird es auch unter den armen Stadtbewohnern weniger, dafür aber besser genährte und ausgebildete Kinder geben.

Obwohl alle Megacitys vor der gleichen Herausforderung stehen – nämlich viele Menschen möglichst gut zu versorgen – unterscheiden sich die konkreten Probleme der einzelnen Städte zum Teil erheblich, vor allem im Vergleich der Industrie- zu den Entwicklungs- und Schwellenländern. Eine Sonderstellung nimmt China ein: Hier wachsen die Städte schneller als überall sonst auf der Welt und erreichen immer neue Superlative. In einigen spielt Geld dabei scheinbar keine Rolle, während in anderen kaum das Überleben der Menschen gesichert ist. Forscher aus aller Welt und vor allem auch aus Deutschland versuchen daher, für jede Stadt die optimale Strategie zu entwickeln, mit ihren speziellen Bedürfnissen und Problemen umzugehen. Denn bei einem sind sich Demografen sicher: Der Sog der Megacitys wird zunehmen – mindestens noch bis ins Jahr 2015.

Cornelia Varwig: „Im Sog der Megacitys“, Teil des Schwerpunkts Megacitys in bild der wissenschaft 7/2008 (ab Seite 56) ddp/wissenschaft.de – Cornelia Varwig, Ilka Lehnen-Beyel
Anzeige

bild der wissenschaft | Aktuelles Heft

Anzeige

Aktueller Buchtipp

Sonderpublikation in Zusammenarbeit  mit der Baden-Württemberg Stiftung
Jetzt ist morgen
Wie Forscher aus dem Südwesten die digitale Zukunft gestalten

Wissenschaftslexikon

Ra|dio|lo|gie  〈f. 19; unz.; Med.〉 Lehre von den Strahlen, bes. den Röntgen– u. radioaktiven Strahlen, u. ihrer Anwendung [<lat. radius ... mehr

Drag|ge  〈f. 19; Mar.〉 kleiner Anker

At|las  〈m.; – od. –ses, –se od. –lan|ten〉 I 〈zählb.〉 1 Ansammlung von Landkarten in Buchform 2 umfangreiches Buch mit Abbildungen aus einem Wissensgebiet (Anatomie~) ... mehr

» im Lexikon stöbern
Anzeige
Anzeige