Wohnte hier ein Vermessungsingenieur? - wissenschaft.de
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Geschichte+Archäologie

Wohnte hier ein Vermessungsingenieur?

Plan des "Orion-Hauses" in Pompeji mit der Position der neu entdeckten Bilder (1,2) und der Mosaike (3). (Bild: L. Ferro, G. Magli, M. Osanna)

Ein Quadrat in einem Kreis, seltsame Linien und geometrische Strukturen – Archäologen berichten über mysteriöse Darstellungen auf dem Fußboden eines Hauses in Pompeji. Ihrer Interpretation zufolge waren sie mit der Kunst der römischen Landvermessung verknüpft: Vermutlich sind die Arbeitsweise sowie das typische Instrument der antiken Vermessungsingenieure schematisch dargestellt. Somit liegt die Vermutung nahe, dass ein sogenannter Agrimensor der Herr des eleganten Stadthauses war, sagen die Wissenschaftler.

Sie errichteten präzise geplante Städte, schnurgerade Straßen, Aquädukte und beeindruckende Monumente: Die Baukunst der Römer ist legendär. Die Grundlage für diese Bauprojekte schufen dabei versierte Landvermesser. Sie wurden Agrimensores genannt oder auch Gromatici. Diese Bezeichnung leitete sich von ihrem typischen Werkzeug ab: der Groma. Es handelte sich dabei um eine Kombination von Lot und Visierkreuz, das zum Abstecken rechter Winkel für die Vorbereitung von Bauprojekten benutzt wurde. Das Instrument bestand aus einem Stativ mit einem Auslegerarm, auf dem ein drehbares Achsenkreuz angebracht war, an dessen Enden vier Lote herabhingen. Über die jeweils diagonal gegenüberliegenden Lotschnüre war eine Sichtverbindung möglich, die dazu diente, Referenzstangen im Gelände aufzustellen. So konnten die Gromatici die Grundlage für den Bau präzise ausgerichteter Strukturen schaffen.

Rätselhafte Darstellungen im „Orion-Haus“

Abbildungen, die geometrische Konzepte der antiken Landvermesser veranschaulichen, sind bisher nur aus mittelalterlichen Werken bekannt. Sie entstanden zwar viele Jahrhunderte nachdem die Kunst der Gromatici nicht mehr praktiziert wurde, aber Historikern zufolge basieren die mittelalterlichen Darstellungen wahrscheinlich auf antiken Quellen. Reste einer Groma sind bisher nur aus Pompeji bekannt: Sie wurden bereits 1912 bei Ausgrabungen in der im Jahr 79 n. Chr. verschütteten Stadt entdeckt. Über 100 Jahre später berichten nun die Forscher um Massimo Osanna vom Archäologischen Park Pompeji erneut von einer Entdeckung mit Bezug zur römischen Vermessungstechnik.

Im Fokus steht dabei ein Haus Pompejis, das erst in den letzten Jahren vollständig ausgegraben wurde. In zwei Räumen des Gebäudes fanden die Archäologen aufwändige Boden-Mosaike, die den mythologischen Jäger Orion darstellen. Als Sternbild hatte er auch eine Bedeutung in der Astronomie, die in der Antike mit der Vermessungstechnik in Verbindung gebracht wurde, sagen die Wissenschaftler. Doch deutlich ungewöhnlicher als diese Mosaike des sogenannten Orion-Hauses sind drei eher unscheinbar wirkende Darstellungen. Es handelt sich um aus Steinen gebildete geometrische Figuren, die im Fußboden an zwei Stellen im zentralen Bereich des Gebäudes zu erkennen sind – des Atriums.

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Symbole der Gromatici zeichnen sich ab

Die neu entdeckten Bilder (links) beziehen sich wahrscheinlich auf die römische Kunst der Landvermessung. (Bild: L. Ferro, G. Magli, M. Osanna)

Eine der Abbildungen zeigt einen Kreis mit einem Durchmesser von 35 Zentimetern, in dem sich ein Kreuz befindet. Dieses Element steht in Verbindung mit einem weiteren kleineren Kreis, von dem aus eine gerade Verbindung zu einer Art Basislinie führt. Der Interpretation der Wissenschaftler zufolge handelt es sich bei diesem Ensemble um die schematische Darstellung einer Groma.

Die zweite Abbildung besteht aus einem Quadrat in einem Kreis mit einem Durchmesser von 37 Zentimetern. Der Kreis wird zudem von zwei senkrechten Linien geschnitten, von denen eine mit der Längsachse des Atriums beziehungsweise des Hauses zusammenfällt. Letztlich entsteht dadurch eine regelmäßige Aufteilung des Kreises in acht Sektoren. Wie die Wissenschaftler verdeutlichen, ähnelt diese Darstellung auffallend einer Abbildung aus einem mittelalterlichen Kodex, die veranschaulichen sollte, wie die antiken Gromatici Flächen aufteilten. Offenbar handelte es sich somit um eine Art Symbol der Arbeitsweise dieser Fachleute.

Bei der dritten Abbildung handelt es sich hingegen wohl um die schematische Darstellung eines Landvermessungs-Projekts, sagen Osanna und seine Kollegen. Dargestellt sind fünf parallele Linien mit nahezu gleichmäßigen Abständen, die orthogonal von einer gemeinsamen Grundlinie ausgehen. Dieses Bild befindet sich direkt neben der Darstellung der Groma.

Ihre Untersuchungen verdeutlichen somit den Bezug der drei Darstellungen zur antiken Vermessungstechnik, resümieren die Wissenschaftler. Doch was genau hatte es nun mit diesen Elementen der Bodendekoration auf sich? „Wir wissen es nicht“, schreiben die Forscher. Es ist ihnen zufolge allerdings möglich, das das Haus einem Agrimensor gehörte, der durch die Darstellungen seine Tätigkeit verdeutlichen wollte. Vielleicht war das Gebäude allerdings auch eine Art Zunfthaus: Möglicherweise trafen sich hier Agrimensoren zur Planung von Bauprojekten, sagen Osanna und seine Kollegen.

Quelle: Politecnico di milano, Fahcartikel: General Physics, doi: arXiv:1910.13145v1

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