Fund in Schöningen Wurfstock des Homo heidelbergensis entdeckt - wissenschaft.de
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Fund in Schöningen

Wurfstock des Homo heidelbergensis entdeckt

Wurfstock im Einsatz
Homo heidelbergensis bei der Jagd mit einem Wurfstock. (Bild: Benoit Clarys)

Faustkeile und andere Steinwerkzeuge unserer Vorfahren werden bei archäologischen Ausgrabungen häufig gefunden. Doch Waffen und Werkzeuge aus Holz sind eine echte Rarität, weil sie die Jahrtausende nur selten überdauern. Umso spektakulärer ist nun ein 300.000 Jahre alter hölzerner Wurfstock, den Archäologen im niedersächsischen Tagebau von Schöningen entdeckt haben. Es ist das mit Abstand ältesten Exemplar solcher für die Jagd auf Kaninchen und andere kleinerer Beutetiere verwendeten Waffen. Gleichzeitig belegt der Fund, dass schon der Homo heidelbergensis verschiedenen Holzwaffen für die Jagd nutzte.

Die Fundstätten im Braunkohlentagebau von Schöningen in Niedersachsen ist schon seit Anfang der 1990er Jahre für ihre reichen und ungewöhnlich gut erhaltenen altsteinzeitlichen Funde bekannt. Rund zehn Meter unter der Oberfläche haben Archäologen die Überreste einer frühmenschlichen Lagerstätte mit zahlreichen, teils bearbeiteten Tierknochen, einigen Steinwerkzeugen und mehreren Holzwaffen entdeckt. Die Überreste stammen aus der Zeit vor rund 300.000 Jahre und stammen höchstwahrscheinlich vom Homo heidelbergensis, einem Frühmenschen, der zwischen dem Homo erectus und dem Neandertaler steht. Für großes Aufsehen sorgte im Jahr 1994 die Entdeckung von mehreren hölzernen Speeren – den ältesten Jagdwaffen der Welt.

Wurfstock in situ
Der 300.000 Jahre alte Wurfstock an der Fundstelle in Schöningen. (Bild: Alexander Gonschior)

Neuer Fund im „Speer-Horizont“ von Schöningen

In der gleichen Fundschicht wurde damals ein etwas kürzerer Holzstab entdeckt, der an beiden Enden zugespitzt schien. Sein Zweck blieb allerdings offen. „Verschiedene Hypothesen wurden für die Funktion dieses Stocks vorgeschlagen, darunter die Nutzung als Wurfstock, als Grabstock, als Rindenschäler oder als Kinderspeer“, erklären Nicholas Conard und seine Kollegen von der Universität Tübingen. Doch weil Gebrauchsspuren fehlten, ließ sich nicht feststellen, wozu dieser Holzstab diente. Nun jedoch haben die Forscher ein weiteres Exemplar in Schöningen entdeckt. Auch dieses stammt aus dem rund 300.000 Jahre alten „Speer-Horizont“ und damit aus der Zeit des Homo heidelbergensis. Der Stock ist 64,5 Zentimeter lang und besteht aus Fichtenholz. Er ist an beiden Enden leicht zugespitzt und etwas asymmetrisch geformt: Eine Seite ist leicht gebogen, die andere flacher. „Damit gleichen seine Merkmale denen des 1994 entdeckten Holzartefakts“, berichten die Archäologen.

Nähere Untersuchungen ergaben, dass es sich bei diesem Stab nicht um ein natürlich gewachsenes Holzstück handelt, sondern dass er gezielt hergestellt wurde. „Spuren auf seiner Oberfläche belegen, dass die Frühmenschen Steinwerkzeuge verwendeten, um diesen Fund zurechtzuschneiden und zu bearbeiten“, berichten Conard und seine Kollegen. So sind 21 Stellen zu erkennen, an denen Seitenzweige entfernt wurden, zudem wurde die Oberfläche des Holzes geglättet. Das Entscheidende jedoch: Im Gegensatz zum früheren Holzstock weist dieser Fund zahlreiche Gebrauchsspuren auf. Unter diesen sind Macken und Stoßspuren, die sich über den gesamten Mittelteil des Holzstocks verteilen. An den Enden gibt es dagegen keine Abnutzungsmerkmale. Nach Ansicht der Archäologen spricht dies dagegen, dass es sich um einen Grabstock oder eine Art Keule handelt.

Ältester Wurfstock der Welt

„Die gestreute Verteilung der Impaktspuren stimmt stattdessen mit der Hypothese überein, dass dieses Werkzeug als Wurfstock verwendet wurde“, sagen Conard und seine Kollegen. Solche Wurfstöcke werden noch heute von Naturvölkern in Afrika, Australien und Amerika genutzt. Experimente zeigen, dass solche Stäbe je nach Wurftechnik zwischen fünf und 100 Meter weit fliegen können und dabei ein Tempo von bis zu 30 Metern pro Sekunde erreichen. „Sie sind effektive Waffen und können eingesetzt werden, um Vögel oder Kaninchen zu töten oder um größere Tiere vor sich herzutreiben – wie beispielsweise die Wildpferde, die damals in großer Zahl in Schöningen getötet und geschlachtet wurden“, erklärt Conards Kollege Jordi Serangeli. Ähnlich wie die Bumerangs der australischen Ureinwohner rotieren Wurfstöcke beim Werfen, was ihre Flugbahn stabilisiert. Im Unterschied zu Bumerangs kehren sie allerdings nicht zum Werfer zurück, sondern fliegen in einer geraden Linie zum Ziel.

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Nach Ansicht der Archäologen demonstriert der Fund eines solchen Wurfstocks, dass Frühmenschen schon vor 300.000 Jahren hochgradig effektive Jäger mit einem breitgefächerten Arsenal von hölzernen Jagdwaffen waren. Gleichzeitig ist der Wurfstock von Schöningen das mit Abstand älteste bekannte Exemplar einer solchen Waffe weltweit. „Außerhalb von Schöningen sind keine altsteinzeitlichen Wurfstöcke bekannt“, berichten Conard und seine Kollegen. Die bisher ältesten Wurfstöcke oder Bumerangs sind einige 8900 bis 10.000 Jahre alte Funde aus Südaustralien. „Die Chance, altsteinzeitliche Artefakte aus Holz zu finden, ist normalerweise gleich Null“, erklärt Conard. In Schöningen jedoch blieben die hölzernen Objekte konserviert, weil die Fundschicht seit der Zeit des Homo heidelbergensis ungestört wassergesättigt und nahezu sauerstofffrei geblieben ist.

Quelle: Nicholas Conard (Universität Tübingen) et al., Nature Ecology & Evolution, doi: 10.1038/s41559-020-1139-0

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