Forschung Zugpferd des Industriezeitalters - wissenschaft.de
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Forschung

Zugpferd des Industriezeitalters

Die badische Schnellzuglokomotive IV h Nr. 1005 / 18 316, Baujahr 1919 (TECHNOSEUM)

Vor 175 Jahren, am 7. Dezember 1835, weihte die legendäre Dampflokomotive „Adler“ die Schienenstrecke zwischen Nürnberg und Fürth ein. Zum ersten Mal fuhr eine Eisenbahn in Deutschland, nur fünf Jahre später rollten die Dampfrösser schon zwischen Mannheim und Heidelberg – der Beginn einer bisher beispiellosen Verkehrsrevolution, in der Entfernungen geringer; Menschen und Güter mobiler wurden. Die Eisenbahn spielte eine Schlüsselrolle im Industrialisierungsprozess und änderte nachhaltig unsere Wahrnehmung von Raum und Zeit. Zu einer Reise in diese Vergangenheit laden die Lokomotiven im Mannheimer TECHNOSEUM ein.

Heute benötigt man mit einem ICE der Deutschen Bahn von Mannheim nach Basel nur noch zwei Stunden. Für die Zeitgenossen der ersten Eisenbahnen in Deutschland waren die damals neuartigen Gefährte wahre „Hochgeschwindigkeitszüge“ – und das bei einem Tempo von gerade einmal 30 Stundenkilometern. „Über Jahrhunderte hatten sich die Reisezeiten – ob zu Fuß oder mit der Kutsche – kaum verändert“, unterstreicht Dr. Hartmut Knittel, der am TECHNOSEUM als Konservator für die Schienenfahrzeug-Sammlung zuständig ist. „Dank der Eisenbahn schrumpften die Distanzen. Dies hatte bedeutende Auswirkungen auf die Wirtschaft, die Gesellschaft und nicht zuletzt auf die Mentalität der Menschen.“ Verließen zuvor die meisten während ihres gesamten Lebens nie ihr Dorf oder ihr Tal, so wurde der Aktionsradius nun merklich größer – und der eigene Horizont ebenfalls.

Von dieser Zeit zeugen auch die Exponate der Ausstellungseinheit zur Eisenbahn im TECHNOSEUM: Sie stammen vor allem aus der Phase der Hochindustrialisierung zwischen 1890 und 1910, als sich Großstädte und Ballungsräume herausbildeten und die Wanderungs- und Pendlerbewegungen der Bevölkerung intensiver wurden. Die gusseisernen Säulen, das Geländer und die Friese im nachgebauten Haltepunkt stammen aus dem Schifferstadter Bahnhof und sind im korinthischen Stil gehalten: der Bahnhof als Tempel des industriellen Zeitalters, Tor zur Welt und nicht zuletzt Ort der Verheißung für viele Menschen meist aus ländlichen Regionen, die in der Stadt ihr Glück suchten. Mit der „Eschenau“, einer württembergischen T3- Dampflokomotive aus dem Jahr 1896, lässt sich die Zugreise wie vor 100 Jahren im TECHNOSEUM auch heute nachempfinden: Mehrmals täglich fährt sie aus dem Museum in das Parkgelände – und die zugestiegenen Besucher spüren bei der Fahrt das rhythmische Schlagen wie damals, denn Bahndamm und Gleiskörper wurden nach dem Ende des 19. Jahrhunderts gebräuchlichen Verfahren verlegt.

Die Einigungskriege ermöglichten 1871 die Gründung des Deutschen Reiches, doch war es nicht zuletzt der Eisenbahn zu verdanken, dass die Länder des Deutschen Bundes allmählich zusammenwuchsen. „Einheitliche Uhrzeiten beispielsweise wurden erst eingeführt, als man verbindliche Fahrpläne für den grenzüberschreitenden Zugverkehr benötigte, also Ende des 19. Jahrhunderts“, so Knittel. Durch ihren hohen Bedarf an Fahrzeugen und Gleismaterial kurbelte die Eisenbahn auch selbst die Industrie an, namentlich den Eisenbahn- und Maschinenbau. Dennoch kamen nicht alle Regionen des Landes in den Genuss des allgemeinen Fortschritts: Die Hoffnung, dass die Anbindung etwa des badischen Odenwalds an das Eisenbahnnetz auch die dort vorherrschende Armut eindämmen würde, erfüllte sich nicht – vielmehr profitierten die Städte von der nahezu unerschöpflichen Zufuhr an ungelernten und billigen Arbeitskräften. 1910 gab es allein in Mannheim schon über 12.000 Pendler, die größtenteils aus dem Odenwald in die Metropole strömten. Damit stellten sie ein Drittel der Fabrikarbeiterschaft der Stadt. Wer den Hauptbahnhof erreichte, stieg dort in die Pferdebahnwagen, die Vorläuferin der Straßenbahn, um zu seinem Arbeitsplatz zu gelangen. Eine solche Bahn aus dem Jahr 1878 ist ebenfalls im TECHNOSEUM ausgestellt.

Weitere Zeugen der Eisenbahngeschichte sind auf dem Außengelände des TECHNOSEUM zu entdecken: eine Tenderlokomotive von 1886, die noch bis in die 1950er Jahre die OEG-Ringverbindung zwischen Mannheim, Heidelberg und Weinheim befuhr. Legendär ist auch die Badische Schnellzuglokomotive IVh von 1919, die nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs von der Versuchsabteilung des Bundesbahn- Zentralamts eingesetzt wurde und Spitzengeschwindigkeiten von bis zu 162 Kilometern pro Stunde auf die Schiene brachte. Aus jüngerer Zeit stammt der „Blaue Bock“ der Firmen BBC und HENSCHEL, eine zu Beginn der 1970er Jahre enttwickelte Versuchslokomotive. Das Besondere: die Ausstattung mit dem damals neuartigen Drehstrom-Antrieb. Diese Technik ist in heutiger Zeit und in weiterentwickelter Form ein bewährter Standard, mit der Hochgeschwindigkeitszüge wie der ICE 3 fahren. Diese letzte Baureihe von Hochgeschwindigkeitszügen bringt bis zu 330 Stundenkilometer auf die Gleise – ihr Urahn zwischen Nürnberg und Fürth würde da heute hoffnungslos hinterher schnaufen.

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Für alle, die mehr über die Schienenfahrzeuge im TECHNOSEUM erfahren möchten, hält Dr. Hartmut Knittel am Dienstag, dem 7. Dezember, einen Vortrag im TECHNOSEUM. Beginn ist um 18.00 Uhr, der Eintritt ist frei.

Das TECHNOSEUM in Mannheim gehört neben dem Deutschen Museum in München und dem Deutschen Technikmuseum in Berlin zu den größten Technikmuseen in Deutschland. Die Entwicklungen in Naturwissenschaften und Technik vom 18. Jahrhundert bis heute sowie der soziale und wirtschaftliche Wandel, den die Industrialisierung in Deutschland ausgelöst hat, sind die Themen der Dauerausstellung. Maschinen werden nicht einfach gezeigt, sondern in Ensembles inszeniert, Vorführtechniker erklären Arbeitsabläufe und beantworten die Fragen der Besucher. Selbst aktiv werden darf man in der Experimentier-Ausstellung „Elementa“, die an mehreren Orten auf dem Rundgang durch das Museum zum Tüfteln einlädt: Technische Erfindungen lassen sich hier durch eigenes Ausprobieren nacherleben. Das Museum wurde 1990 eröffnet und lockte bisher über fünf Millionen Besucher an.

Quelle: Technoseum
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